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Dresden – ein Blumenmeer

Die beiden Freundinnen Ludowika Otto und Frieda Papperitz verließen wohlgelaunt an diesem Pfingstsonntag des Jahres 1923 in der achten Stunde ihre Wohnungen im Haus Obergraben 3. Eingehenkelt schlenderten sie Richtung Hauptstraße und betrachteten die Blumenpracht an den Fenstern. Es war eine Augenweide, was sich ihnen bot. Gleich nebenan im Obergraben 1, das dem Handschuhmacher Neumann gehörte, war jedes Fenster außen mit den verschiedensten Primeln verziert, die zudem herrlich dufteten. Frieda schloss die Augen, schnurrte wie ein Kätzchen und wähnte sich wie im Paradies.

Obergraben, Ecke Hauptstraße, zeitgenössische Postkarte.
Obergraben, Ecke Hauptstraße, zeitgenössische Postkarte.

„Hier auf einer Bank sitzen, eine Tasse Kaffee in der Hand und das Böse in der Welt vergessen – ach, wäre das schön“, seufzte Ludowika. Und Frieda schob flüsternd nach und glänzte dabei mit ihrem Wissen. „Da kommt mir der alte Goethe in den Sinn. Im Faust, Teil 1, Kapitel 7 sagt Faust zu Mephisto: ‚Werd ich zum Augenblick sagen: Verweile doch. Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zu Grunde gehen! Dann mag die Totenglocke schallen, dann bist du deines Dienstes frei. Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen. Es sei die Zeit für mich vorbei.‘“

Und die Freundin erwiderte, mit dem Zeigefinger drohend: „Du weißt auch noch aus der Schule, dass der Mephistopheles diesen Wunsch später erfüllte.“ Frieda lachte. „Ach, Wikchen, sei nicht so abergläubisch. Das ist doch bloß Literatur, wenn auch schön geschrieben.“

Ansichtskarte vom Blumenfest in Dresden 1911
Ansichtskarte vom Blumenfest in Dresden 1911

Das Original erblühte wieder

Seit nunmehr zehn Jahren war die Stadt nicht mehr so von Blüten und Düften durchdrungen. Davor strahlte die Residenz fast 20 Jahre vom Frühling bis zum Herbst in den schönsten Farben. Ein regelrechter Wettbewerb erfasste die Hausbesitzer und Mieter. Wer hat den schönsten Fensterschmuck, die adretteste Balkongestaltung, den blumigsten Hauseingang. Dresden begründete als erste Stadt im Deutschen Reich in den frühen 1890ern eine Tradition, die bald von 80 Städten übernommen wurde. Auch im Ausland machte diese neuartige Dekorationskunst Furore. Und noch mehr Touristen strömten in die Stadt. Initiiert hatte das Ganze der Dresdner Verkehrsverein.1

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In den grauen Jahren des Krieges2 dachte niemand an solche schönen Dinge. Auch die Revolutionsunruhen, die Mangelwirtschaft und die Inflation danach waren nicht angetan, der Schönheit des Lebens zu huldigen und den ergrauten und teilweise heruntergekommenen Bauten ein freundliches Antlitz zu geben.

Doch nun wollte der Verkehrsverein frischen Wind in die Stadt bringen und überzeugte Rat und viele Bürger, den Blumenwettbewerb neu zu beleben. Noch wurde der Vorkriegsmitmachzustand nicht erreicht, aber die Idee stieß auf fruchtbaren Boden.

Frieda zeigte am Eckhaus zur Hauptstraße nach oben. Im ersten Stock waren frisch gepflanzte Geranien zu sehen. „Die Fenster des Vegetarier-Restaurants ‚Pomona‘ sind voll damit. Herrlich. Da geht mir das Herz auf.“ Bewundernd schauten die Freundinnen nach oben. Ludowika erzählte noch, dass der Verkehrsverein fünf Kategorien für den Wettbewerb ausgeschrieben habe, ganze Schauseiten der Häuser, einzelne Stockwerke, Balkons, einzelne Fenster und Vorgärten.

Eines der ersten vegetarischen Restaurants in Dresden - das Pomona auf der Hauptstraße.
Eines der ersten vegetarischen Restaurants in Dresden – das Pomona auf der Hauptstraße.

„Da macht es große Lust, durch die sonst manchmal unansehnlichen Straßen der Neustadt spazieren zu gehen. Und wenn dann noch die Lokale und Kneipen auf den Fußsteigen Tische und Stühle platzieren würden, dann wäre der Sonntagsspaziergang kein lästiges Muss mehr, sondern ein Vergnügen. Zudem könnte man dann in der Stadt verweilen und müsste nicht aufs Land fahren.“

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Und dann wollte Frieda wissen, wer denn den Wettbewerb begutachtete. Auch da wusste Ludowika Bescheid. „Man muss sich schon beim Verkehrsverein anmelden und genau angeben, wo sich der Blumenschmuck befindet. Mitte Juli geht dann eine Kommission unter der Leitung von Stadtgartendirektor von Uslar durch die Stadt und prüft und wertet. Dann wissen wir auch, ob die Wiederbelebung der Dresdner Erfindung Früchte trug oder in die Tonne des Abfalls gehörte.“

Das Fest im Freien

Beide lachten und setzten ihren Pfingstspaziergang durch die Hauptstraße in Richtung des Albertplatzes fort. Für die Dresdner waren die Feiertage ein Fest, ein Fest im Freien. Trotz der blumigen Fenster hatten unsere beiden Freundinnen den Eindruck, dass es die meisten aus der Stadt hinauszog. Vor allem aus den engen kleinen Wohnungen der rauchgeschwängerten und lärmerfüllten Antonstadt und des Hechtviertels zog es viele ins Grüne. Mal ein, zwei Tage der Enge der Arbeitswelt und den miefigen Hornzien3 entfliehen. Kurz, einen Ausflug mit Kind, Kegel, Freunden und Fresskörben in die Weiten der Natur machen.

Das Wetter war nicht gerade günstig. Aber die Leute waren des Jammerns über die schlechten Lebensverhältnisse und den politischen Verwerfungen überdrüssig. Sie wollten nur noch raus. Und bevor die Straßenbahn und die Eisenbahn zum 1. Juni 1923 wieder teurer wurden, nutzte man diese letzten Möglichkeiten des etwas billigeren Reisens. Fahrplanzüge, Vor- und Nachläufer4 waren vollgestopft. Die Elbdampfer kamen zeitweise mit bis zu zweistündiger Verspätung an. Hauptziel war die Sächsische Schweiz, die zu Pfingsten zudem von den Berlinern und Leipzigern überrannt wurden. An den Fähren an der Elbe wartete man oft stundenlang auf das Übersetzen.

Die Menschen waren hungrig nach Entspannung, Vergnügen und allerlei Lustbarkeiten. Jeder Biergarten, jedes Ballhaus hatte geöffnet und war von der Musik der Kapellen erfüllt. Ob man da noch von Erholung sprechen konnte, dürfte bezweifelt werden. Auch die Dresdner Straßenbahnen bescherten die Einheimischen und Besucher volle Waggons, reichliche Verspätungen und hohe Einnahmen. Und was das Beste war: Es wurden keine Unfälle gemeldet6. Trotzdem plünderten Unbelehrbare in der Umgebung ganze Ginsterhecken und schleppten sie nach Hause. Und in Dresden wurde die Spielwarenschau im Städtischen Ausstellungspalast am Stübelplatz5 geradezu überrannt.

Jugendtreffen

Dazu waren Innenstadt und Neustadt angefüllt mit vielen jungen Menschen. Nahezu 10.000 junge Männer aus ganz Deutschland bevölkerten Elbflorenz. Die Evangelische Kirche veranstaltete ihren Jungmännertag. Diese jungen Leute bliesen Posaunen, hörten Ansprachen und wanderten mit blauen Wimpeln singend durch die Straßen. Sie benahmen sich ziemlich brav. „Das ist jedenfalls besser als nur im Kino rumzulungern und Schundfilme zu gucken oder in Alkoholpfützen zu liegen“, bemerkte Frieda etwas sarkastisch.6

Vincent van Gogh, Iris, Gemälde 19. Jahrhundert
Vincent van Gogh, Iris, Gemälde 19. Jahrhundert

Und am Pfingstsonnabend sammelten sich zudem auch noch in der Hauptstraße hunderte Jugendliche der Jugendorganisation der Vereinigten SPD mit roten und schwarzrotgoldenen Fahnen und marschierten (zu Fuß) mit Schalmeien-Orchester zum ostsächsischen Jugendtag nach Bautzen.6 Die waren nicht ganz so brav, wie ihre Altersgenossen von der Evangelischen Kirche.

Ecken zum Genießen

Diesem Gedränge entflohen Frieda und Ludowika, indem sie sich erst am Pfingstsonntag auf die Straße wagten, um desto genussvoller und entspannter durch die Neustadt wanderten. Die Blütenpracht mit den tollen Gerüchen bezauberte ihre Wegstrecke. Hier waren die Glyzinie zu bewundern, dort Schlüsselblumen. Die Fassade des nächsten Hauses auf der Alaunstraße empfahl sich den Augen der Betrachter mit einem Meer an Gemeiner Küchenschelle. Und so ging es kurzweilig weiter. Ihr Zielpunkt: Das Fischhaus an der Radeberger Straße. Da gab es neben gutem Essen, einem Schöppchen Wein auch ein schönes Platzkonzert.

Anmerkungen des Autors

1 Dresdner Neueste Nachrichten vom 23. Mai 1923
2 gemeint ist der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918
3 sächsisch für kleinste, enge Wohnung ohne Luxus oder kleines, einfaches möbliertes Zimmer
4 Bei vorausschauendem Verkehrsaufkommen setzte die Reichsbahn in kürzester Zeit Sonderzüge ein, die vor und nach den regulären Zügen fuhren. Technik und Personal waren dafür in ausreichendem Maße vorhanden.
5 heute Straßburger Platz
6 Dresdner Volkszeitung vom 22. Mai 1923


Unter der Rubrik “Vor 100 Jahren” veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.