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Imaginarium

Sektkorken knallen in der Leder-Truhe

Uta-Maria Radke feiert: 30 Jahre Leder-Truhe unter ihrer Leitung, 90 Jahre Firmenjubiläum. Am Mittwoch knallen die Sektkorken. Auch im Ruhestand führt sie das Geschäft weiter. Eine würdige Nachfolge ist jederzeit willkommen.

Kurz vor Elf baumeln sie schon in verschiedenen Farben draußen an der Fassade: Rote Rucksäcke für Kinder, geräumige zum Wandern, elegante Taschen zum Kleid. Uta-Maria Radke räumt routiniert Ständer nach draußen: „Der hier ist dreißig Jahre alt“, verkündet sie über die Schulter und positioniert das mit Bauchtaschen behangene Stück im Flur zwischen ihren beiden Eingangstüren. „Den hat uns meine Chefin damals zur Eröffnung des Schuhgeschäfts geschenkt. Das fetzt doch, oder?“

Uta-Maria Radke führt das Traditionsgeschäft Leder-Truhe auch im Ruhestand weiter. Foto: Philine
Uta-Maria Radke führt das Traditionsgeschäft Leder-Truhe auch im Ruhestand weiter. Foto: Philine

Die angebotene Hilfe winkt sie ab. Es muss alleine gehen, muss es schon eine lange Zeit. Seit April ist Frau Radke Rentnerin, dennoch fährt sie täglich in ihre Leder-Truhe an der Rothenburger Straße. „Was soll ich zuhause sitzen?“, fragt sie. „Und eine Nachfolge habe ich noch nicht gefunden, obwohl ich acht Lehrlinge ausgebildet habe.“ Ohnehin seien die beiden Ladenräume wie ihr zweites Wohnzimmer. „Die ersten Jahre muss es florieren, da hast du den Druck“, sagt sie. „Doch hintenraus kommt der angenehme Teil, zum Genießen.“

Ein festes Band

Und so freut sie sich über die Kundin, die schon ihren ersten Ranzen bei ihr bekam und jetzt einen für ihre Tochter kauft. Oder über Gäste aus Großenhain und Radebeul. Oder über den kleinen Jungen, der keinen neuen Rucksack, sondern seinen geliebten alten repariert haben möchte.

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Wenn nebenan aus dem „Sprout“ ein Mitarbeiter Scheine in Kleingeld tauschen kommt, weiß sie, dass ihr wieder eine köstliche Portion Gemüse zum Mittag bereit steht. Aber auch zum Fleischer During gegenüber besteht über den Mittagstisch hinaus ein festes Band. Der hat zu jedem Jubiläum eine Suppe und belegte Brötchen geliefert.

Frau Geißler, deren Nachfolge Uta-Maria Radke vor 30 Jahren antrat. Foto: Philine
Frau Geißler, deren Nachfolge Uta-Maria Radke vor 30 Jahren antrat. Foto: Philine

Vor dreißig Jahren hat Frau Radke das Geschäft von der Alt-Chefin Frau Geißler übernommen, in treue Hände. Ihr ist ein Gedenktisch gewidmet, auf dem schwarz umflort ihr Porträt steht. Darunter hängt ihre kleine, schwarze Ledertasche – tadellos gepflegt. Frau Radke dagegen trägt einen Koffer mit sich, der erst in einem längeren Gespräch sichtbar wird.

Ursprünglich eröffnete sie die Leder-Truhe mit ihrer kleinen Schwester: links Schuhe, rechts Taschen. Eine Diagnose änderte den Plan der Geschwister, Frau Radkes Schwester musste ausscheiden aus dem Geschäft. Sie kommt nur noch regelmäßig für die Dekoration der Schaufenster vorbei. „Ich habe zu meinem Lehrling damals gesagt: ‚Für jedes paar Schuhe, das rausgeht, stellen wir eine Tasche ins Regal.'“ So wurde aus der Truhe nach und nach ein Taschen-Palais.

Die Handtasche von Frau Geißler: "So ist sie immer da, im Laden." Foto: Philine
Die Handtasche von Frau Geißler: „So ist sie immer da, im Laden.“ Foto: Philine

Mit eisigen Wassern gewaschen

„Die Leder-Omi“ nennt sich die unermüdliche Geschäftsfrau mittlerweile selbst – so, wie sich ihre Chefin nannte. Diese ist vergangenes Frühjahr verstorben. Der Verlust liegt ebenso sorgsam verwahrt in Frau Radkes Koffer wie der ihres Lebenspartners. Wenn eine weiß, wie schweres Gepäck verstaut wird, dann sie. Mit vielen Wassern ist sie gewaschen, vorzugsweise eisigen. Frau Radke ist leidenschaftliche Winterschwimmerin. Wenn andere in dicken Jacken schlottern, zieht sie ihre Kreise in Pratzschwitz. „Sollen die anderen frieren. Dürfen sie ja! Aber meine Saison beginnt im Oktober und endet im Mai“, sagt sie keck.

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Sie nachhaltig zu schocken, schaffte nur Corona: „Ich war wie gelähmt.“ Selbst zu Kriegszeiten, habe die Alt-Chefin damals verlauten lassen, sei der Laden in der Weihnachtszeit nicht geschlossen gewesen. „Die Sorge nimmst du jeden Abend mit ins Bette“, sagt Frau Radke. „Ob ich den Laden jemals wieder aufmachen darf?“ Doch sie hat weitergemacht, tapfer, stoisch. Jeden Tag ist sie in den Laden gegangen, hat die Tür aufgeschlossen, Kaffee gekocht, Regale gewischt, das Lager aufgeräumt. Wenigstens für ein paar Stunden – und einen Schwatz mit den Nachbar*innen im Hausflur.

Verkaufen erfordert Sichtkontakt

Mitfühlend mit den Kunstschaffenden, Handelsreisenden, Sportlichen blieb sie auf ihrem Refugium aus Akten-, Reise- und Sporttaschen sitzen, während die Welt um sie herum erstarrte. Als sie sich selbst ansteckte, war sie erst nach einem halben Jahr wieder wirklich fit. Das Schlimmste aber sei der Verlust ihrer hochgeschätzten Verkaufskultur im Lockdown gewesen. Frau Radke sieht ihren Kund*innen an der Nasenspitze an, was sie brauchen, wenn diese noch ratlos den Blick über die prall gefüllten Regale schweifen lassen. Online geht das nicht.

Verkaufen erfordert Sichtkontakt. Und Fingerspitzengefühl, im wahrsten Wortsinne. „Unser Sortiment muss angefasst werden!“ Denn Leder, das ist nun einmal Haut und die will berührt werden. „Das ist nicht irgendeine Tasche. Das ist meine Tasche“, sagt Frau Radke.

Frau Radke in ihrer Leder-Truhe: "Was soll ich denn zuhause?" Foto: Philine
Frau Radke in ihrer Leder-Truhe: „Was soll ich denn zuhause?“ Foto: Philine

„Wegwerfen gibt es bei mir nicht!“, sagt Frau Radke inbrünstig. In der Schubladen unter dem Verkaufstresen ist der Platz für die abgeliebtesten Geldbörsen und Täschchen. Sie dienen zur Anschauung, wie das Leder seine Gestalt verändert. Dunkel glänzend, durch Gebrauch poliert. Reparaturen nimmt sie jederzeit an. Eine Tasche von hier, die hat man bei guter Pflege für dreißig, vierzig Jahre.

Teil einer langen Geschichte

Zu DDR-Zeiten lernte Frau Radke Frau Geißler in der HO kennen. Mit der Wende übernahm sie die Lederwarenhandlung an der Rothenburger Straße. Während sie das Geschäft schon leitete, begleitete Frau Geißler weiter das Geschehen. So ist das nun einmal mit der Tradition: die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche, wie es Gustav Mahler formuliert haben soll. Und in Frau Radke glüht dieser Funke auch unübersehbar.

„Eigentlich wollte die Enkelin des Gründers noch einen Brief schreiben“, sagt sie und eilt zum Postkasten. „Sie hat kürzlich den Schreibtisch vom Großvater gesichtet!“

"Meine Stimme ist mein Markenzeichen." Foto: Philine
„Meine Stimme ist mein Markenzeichen.“ Foto: Philine

Und tatsächlich. Triumphierend wedelt sie mit einem historischen Umschlag, in seiner Aufmachung ein Relikt an sich. Mit Feuereifer wirft sich Frau Radke über den Papierbogen, ihr Finger fährt die handgemalten Jahreszahlen entlang. „Das war also der Bruder auf dem Foto!“, entfährt es ihr, „der Bruder vom Gründer Curt Haußmann!“ Murmelnd setzt sie fehlende Fragmente in die Firmenhistorie ein, klatscht begeistert in die Hände: „Nee, das fetzt doch!“

Briefe statt Mails: Mit der Familie des Firmengründers ist Frau Radke in Recherchen verbunden. Foto: Philine
Briefe statt Mails: Mit der Familie des Firmengründers ist Frau Radke in Recherchen verbunden. Foto: Philine

In guter Tradition

Sie zeigt Fotos, auf denen das Nachbarhaus der Leder-Truhe noch nicht steht: „Da war noch der wilde Parkplatz. Damals haben wir angefangen Jubiläum zu feiern bei 70.“ Mittlerweile zählt die Firma 90 Lenze. Angefangen hat alles 1926 am Bismarckplatz. Gründer Curt Haußmann eröffnete im Bahnbogen am Hauptbahnhof sein erstes Geschäft, es folgte 1931 eine Filiale an der Bautzner Straße 27 und schließlich von 1936 bis 1937 an der Alaunstraße 17, in dem Haußmann mit seiner Frau auch wohnte.

Am 9. November also wird das alles gefeiert: Die Tiefschläge und das Wiederaufstehen, die Lücken, der Trost, das Durchhaltevermögen – und nicht zuletzt die liebe, treue Kundschaft.  Dafür wolle sie das „3G“-Schild nachbearbeiten: „Geladen, gefreut, gefeiert.“ Sie lacht. „Für solche Späße habe ich jetzt Zeit!“

Informationen und Öffnungszeiten

  •  Leder-Truhe Radke, Rothenburger Straße 10
  • Montag bis Freitag 11 bis 18 Uhr, Sonnabend 10 bis 13 Uhr
  • zur Website
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Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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