Oliver Wendisch gewinnt „Millennium Award“

Mit seiner Filmspot-Idee über die Ausbeutung von Textilarbeiterinnen für sächsische Arbeitsbekleidung hat der 30-jährige Oliver Wendisch aus Dresden den „1. Dresdner Millennium Award“ gewonnen. Seine Spot-Idee durfte er inzwischen mit Filmprofis und musikalischer Unterstützung der Band „Die Ärzte“ für die Kinoleinwand realisieren. Der Spot wurde im Juli auf der Talstraße gedreht (Neustadt-Geflüster vom 24. Juli 2012) und hatte gestern Abend bei den Filmnächten am Elbufer Premiere. Oliver hatte den Aufruf für den Award im Neustadt-Geflüster gelesen und konnte sich mit seiner Idee durchsetzen.

Thema des Siegerspots: Die (fast) nackte Wahrheit über Uniformen
Der (Berufs-)Bekleidungssektor ist so groß wie verschwiegen. Wo, wie und unter welchen Bedingungen Polizeiuniformen, Arztkittel, Richterroben oder Tarnanzüge produziert werden, bleibt meist im Dunkeln. Die Recherchen der „Clean Clothes Campaign“ decken jedoch Ausbeutung vor unserer Haustür auf. Gerade mal 101 Euro im Monat verdient eine Näherin von Berufsbekleidung in der südeuropäischen Republik Mazedonien. Menschenrechtsgruppen beziffern einen existenzsichernden Lohn in Mazedonien jedoch auf 625 Euro. Gekauft und in Auftrag gegeben wird die Ware auch von deutschen Kommunen und Berufsbekleidungsfirmen, die somit von den schlechten Arbeitsbedingungen profitieren. Möglich macht das ein sächsisches Vergabegesetz, das Menschenrechte und ökologische Standards außen vor lässt. Der Siegerspot des „Dresdner Millennium Award“ soll die Öffentlichkeit für die Bedeutung einer öko-sozialen öffentlichen Beschaffung sensibilisieren.

7 Kommentare zu “Oliver Wendisch gewinnt „Millennium Award“

  1. Wie sich dieser Wert errechnet, kann ich nicht erklären. Aber die Romero Stiftung hat ganz gut erklärt, was mit dem Begriff „Existenzsichernde Löhne“ gemeint ist: „Existenzsichernde Löhne decken die Ausgaben, die Familien für ein menschenwürdiges Leben benötigen: Nahrung, Unterkunft, Kinderbetreuung, Bildung und Gesundheitsversorgung. Darüber hinaus enthält ein existenzsichernder Lohn einen Betrag zur freien Verfügung.“

    Das dieser Wert über dem Durchschnittseinkommen liegt wundert mich nicht. Denn zum Durchschnittseinkommen zählen ja eben auch solche Einkommen, wie die der Näherinnen mit 101 Euro, mit.

    Außerdem interessant: „Seit 2012 verfügt Mazedonien über ein Mindestlohngesetz. Der Mindestlohn beträgt 8050 Denar (130.63 Euro), es wurde jedoch für die Tiefsteinkommen, zu denen die Bekleidungsindustrie gehört, eine Übergangszeit von 3 Jahren gewährt. … Das Statistikamt gibt als durchschnittliche Haushaltausgaben einer vierköpfigen Familie knapp 500 Euro pro Monat an.“ Quelle: evb

  2. Tja – da ist sie wieder, die Ungerechtigkeit in dieser Welt. Wir profitieren davon, dass in anderen Ländern deutlich schlechtere Lohnniveaus gegeben sind. Kann man es einer öffentlichen Behörde denn verübeln, sich anders zu verhalten, als WIR im täglichen Leben? Das sie nach Wirtschaftlichkeitskriterien rangehen bei der Bestellung der Klamotten?

    Da die Näherinnen für den geringen Lohn arbeiten, scheint es sich ja trotzdem zu lohnen bzw. scheinen alternative, „korrekt“ bezahlte Jobs zu fehlen. Und wenn in Mazedonien der Mindestlohn greift, wandert die Produktion eben nach Vietnam…

    Es ist zwar alles schlimm – aber letztlich eine Konsequenz des Kapitalismus…

  3. Das kommt davon, wenn auch bei solchen Beschaffungen ausschließlich marktwirtschaftliche (oder sogar neoliberale) Ansätze zählen. Allerdings sollte gerade die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangehen, sei es bei Beschaffungen, Billigfirmen im Bausektor (wo dann oft Schwarzarbeit vorkommt – huch! Das konnte ja keiner ahnen…) oder auch im eigenen Haus mit wieder und wieder befristeten Arbeitsverträgen, wie sie mittlerweile leider allzuoft anzutreffen sind.

  4. Wie ein existenzsichernder Lohn in Mazedonien berechnet wird, könnt Ihr auf S. 10 in der Recherche
    http://www.sachsen-kauft-fair.de/wp-content/uploads/2011/09/EvB_CCC-Mazedonien_DE_def.pdf
    lesen.
    „So ist nun mal Kapitalismus“ greift sehr kurz. Es gibt eben allerlei Kapitalismen wie es auch Sozialismen gegeben hat. Und welche wir genießen dürfen hängt stark von uns ab. Z.B. ob wir den Freistaat dazu kriegen, in seinem Vergabegesetz endlich Menschenrechte einzubeziehen – wie es bisher 12 von 16 Bundesländern gemacht haben. Nur nicht Sachsen! Wie es in den meisten EU-Ländern und auch im Bundesgesetz vorgesehen ist.
    Die Verwaltungen wollen es sich natürlich einfach machen und nehmen das billigste Angebot. Nun brauchen wir ein Vergabegesetz, das auch Menschen- und Arbeitsrechte vorsieht. Dafür stricken wir am 29.9. 15 Uhr vor der Altmarktgalerie – kommt und strickt mit :-)

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.