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Meckern über die Elbufer Dresdens

„Meister Schröder, haben Sie schon gelesen, wie sich so ein Schreiberling mit Namen ‚X‘ in der Montagspost über unser schönes Dresden auslässt? Nicht mal mit richtigem Namen traute sich der in die Öffentlichkeit.“ Der angesprochene Bäckermeister verließ gerade gedankenversunken am späten Vormittag seine Backstube auf der Großen Meißner Straße und schüttelte mit dem Kopf.

Abbruch der Augustusbrücke mit Interimsbrücke Ausschnitt aus Postkarte von 1907
Abbruch der Augustusbrücke mit Interimsbrücke Ausschnitt aus Postkarte von 1907

Der andere, Barbier Oswald Müller, der auf Kundschaft wartend vor seinem Geschäft stand, hielt dem Bäcker besagte Zeitung unter die Nase. „Hier stehen diese Ungeheuerlichkeiten. Dieser Schmierenredakteur, dieser Iksi, schreibt doch allen Ernstes, dass an unserer schönen Elbe viele bauliche Sünden rumstehen. Eine Schande ist das.“

Eine sündige Bestandsaufnahme

Schröder merkte, dass ihn der Friseur so schnell nicht vom Haken lassen würde. „Der Herr Redakteur ist wohl noch nie hier an unserem Neustädter Ufer gewesen“, fuhr der Barbier entrüstet fort. „Dann wäre ihm allein schon der prächtige Palaisgarten aufgefallen.“ „Nun ja“, entgegnete der Bäckermeister, „irgendwie hat der Schreiberling schon recht. Schauen Sie, Müller, Sie brauchen doch nur vom japanischen Palaisgarten am Ufer stromaufwärts zu gehen und schon fällt Ihnen das Malheur ins Auge. Ein gänzlich unreguliertes Ufer, das so oder ähnlich ganz gut auch zu Pieschen oder sonst wo passen würde. Steingeröll, kümmerliche Rasenflecken, Kloakentümpel, um nur einiges zu nennen. Und gucken Sie sich die Hinterfronten der Häuser an. Kein Genuss der Anblick. Rußige Ziegeldächer, ungepflegte Gärten, Winkel über Winkel. Da hat der Herr ‚X‘ doch recht.“

Barbier Müller wollte noch nicht klein beigeben. „Aber Meister Schröder, schauen Sie doch bloß mal rüber zur Altstadt. Nur von unserer Seite kann man die Schönheit der Residenz erkennen. Erst mit der sich dahin schlängelnden Elbe entfalten die Terrasse mit ihren Prachtbauten, dem Schloss, der Hofkirche, der Frauenkirche, dem Hoftheater die Wirkung, die überall auf der Welt bekannt ist. Und genau das verleugnet dieser Nestbeschmutzer, dieser Fäkaliendepp. Ja, ich gebe es zu. Auch die Elbe riecht nicht wie aus einem Parfümflacon aus Paris.“

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Fuhrwerke im Stau

Meister Schröder ging zurück in die Bäckerei und holte zwei Tassen frisch gebrühten Kaffee. Dieser ließ den Erregungszustand des Barbiers langsam zur Ruhe kommen. „Mein lieber Müller, schauen Sie mal die Große Meißner entlang in Richtung Augustusbrücke. Was sehen Sie da? Die schmalen Zugänge zur Augustusbrücke. Dort stauen sich die Fuhrwerke und diese neuen Automobile. Und die schmale Brücke selbst wurden schon häufig kritisiert. Da hat der Herr Redakteur sehr wohl recht. Und auch Sie haben recht, wenn sie auf die schönen Bauten auf der anderen Seite blicken. Aber Sie brauchen nur mal Ihre Scheuklappen abnehmen und rechts und links davon gucken. Da kann einem schlecht werden.

Der Packhof mit der dahinter liegenden Friedrichstadt sind keine vorzeigbare Idylle. Und die Lagerstätten für Kohle, Sand und Steine unterhalb des Belvederes bis hin zur neuen Brücke beleidigen das Auge. Von den engen Zugängen zu den Dampfschiffanlegestellen ganz zu schweigen. Und was sagte der Herr ‚X‘ über den Theaterplatz? ‚Abgesehen von allem anderen müssen die Baulichkeiten des Helbig`schen Etablissements und des Hotels Bellevue, trotz des Weltrufes, doch als Verkehrshindernisse bedenklicher Art betrachtet werden.‘ Müller, das Mittelalter und Augusts herrliche Zeiten sind vorbei! Naja, so herrlich waren die auch wieder nicht. Neues, zeitgemäßes muss her.“

Elbufer im 18. Jahrhundert
Elbufer im 18. Jahrhundert

Neues bahnt sich an

Der Barbier nippte an seiner Tasse und schaute den Bäckermeister nachdenklich in die Augen. „Sie mögen wohl recht haben. Unsere Elbe mit seinen Ufern ist ein wirklich unterschätztes Kapital. Nicht so breit wie die Donau in Wien oder Budapest und nicht so ein Rinnsal wie die Parthe in Leipzig. Gerade richtig, finde ich.“ Schnell einigten sich die beiden, dass eine neue Augustusbrücke hermuss, dass die Pläne1 für die neuen Regierungsbauten am Neustädter Ufer verwirklicht werden sollten, dass die Ufer neugestaltet werden müssen. Und zu guter Letzt versöhnten sich beide mit dem Schlusssatz des Redakteurs der Montagszeitung. „Die neuerdings gemachten Anfänge lassen Gutes erhoffen, und wenn die Fortsetzung dem Anfang entspricht, so können vielleicht auch die Elbufer unserer Stadt dereinst zu dem umgeschaffen werden, was ihnen ein gesunder Sinn seiner Bewohner in architektonischer Hinsicht zum Vorteil des Dresdner Städtebildes schuldig ist.“

Anmerkungen

    1 Unter Stadtbaurat Hans Erlwein wurden viele Projekte realisiert, u. a. die neue Augustusbrücke. Projekte, die Dresden zu einer der schönsten Städte noch berühmter machten. Leider ging viel durch die Bombardierung 1945 und nachfolgender politisch gewollter Zerstörungen verloren. Erlwein gehörte ohne Frage zu den bedeutendsten Stadtbauräten in Dresdens Geschichte. Auch wenn er zu seiner Zeit viele Kritiker hatte, so verstand er es, das Besondere der Stadt und seiner Bewohner in visionärer Weise im Stadtbild zu manifestieren.

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek durchstöbert.

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3 Ergänzungen

  1. Danke für netten Beitrag zu „Meckern über die Elbufer Dresdens“. Darin: „Dieser Schmierenredakteur, dieser Iksi …“ Können Sie mir sagen, was „Iksi“ bedeutet? Habe dazu nichts im Internet gefunden.
    Mit freundlichen Grüßen
    Herbert Lappe

  2. Hallo Herbert Lappe, der Redakteur der Montagspost hatte seinerzeit mit einem „X“ seinen Beitrag unterzeichnet. Die Bezeichnung „Iksi“ ist der Versuch des Barbiers das „X“ auszusprechen.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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