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Qualmender Stammtisch und rauchende Königinnen

Christiane Wagner, die verwitwete Schankwirtin von Brauses Restaurant auf dem Bischofsweg 16, brachte die bestellte Runde anlässlich des bevorstehenden Umzugs von Glockengießer Hugo Große an den Tisch. Nach vielen Jahren in der Nummer 2 vom Bischofsweg verlässt er nun das Viertel. Seine langjährigen Kumpels, wie der Drogist Oskar Grützner, Fleischermeister Traugott Fiedler aus der Nr. 8 und Kaufmann Richard Grieshammer aus der 9 prosteten ihm zu.

Restaurant Oscar Brause - Postkarte um 1900
Restaurant Oscar Brause – Postkarte um 1900

Zur Abschiedsfeier des Tages zündete sich Hugo eine dicke Zigarre an und blies der Qualm der gerade vorbeikommenden Wirtin unabsichtlich ins Gesicht. Diese regte sich mit tränenden Augen mächtig auf, wegen dem Gebläse vom Hugo und allgemein wegen des Rauchens. Dieses Laster habe den alten Brause schließlich ins Grab gebracht, maulte sie.

Für und Gegen

Den Einwand der Wirtin ließ Kaufmann Grieshammer nicht gelten. Das Rauchen habe inzwischen doch auch alle hohen europäischen Kreise ergriffen und die haben es salonfähig gemacht.

Dem widersprach die Wirtin. Erst kürzlich habe sie im Dresdner Salonblatt gelesen, dass das Rauchen am Hofe der alten englischen Königin Victoria strengstens verpönt gewesen sei. Die alte Lady sei in ihren letzten Jahren wohl etwas aus der Zeit gefallen, denn inzwischen rauchten alle Monarchen in Europa, erwiderte Traugott Fiedler. Und selbst ihr Sohn, der ehrenwerte Edvard VII. soll sich angeblich keine fünf Minuten von seiner Importzigarre trennen.

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Genau wie Kaiser Franz Josef von Österreich. Er soll ein leidenschaftlicher Freund einer guten, kunstfertig in Brand gesetzten Virginia zu sein. „In seinen alten Jahren ist das wohl die einzige Jungfrau, die ihm freiwillig zum Munde geht“, meinte augenzwinkernd Hugo und alle lachten. „Und überhaupt, gestorben werde immer“, unterstrich er seine Meinung. „Die einen erliegen der Schwindsucht, andere rafft ein Schnupfen dahin und dritte werden von einem der neuartigen Automobile überfahren.“

„Und wieder andere sterben am Suff und blödem Gequatsche“, warf die Wirtin ein. Schallendes Gelächter durchströmte das Lokal. „Und unser Suff, liebe Christel, ist doch dein Lebensunterhalt“, sprudelte es aus Hugo heraus und er bestellte gleich die nächste Runde. Oskar Grützner ging zur Theke, suchte besagte Zeitung und fand den entsprechenden Artikel.

Stammtisch um 1900
Stammtisch um 1900

Die qualmenden Königinnen

„Hier steht, dass auch die Herrscherfrauen immer mehr Gefallen am Nikotin fänden“, las Oskar vor. Damit hatte er die Aufmerksamkeit am Tisch und rezitierte weiter mit erhobenem linkem Zeigefinger. „Das kam jüngst zutage, als die Polizei in London einen Zigarettenhändler aufforderte, mit welcher Berechtigung er sich Hoflieferant der Königin-Witwe von Italien nenne. Der Fabrikant holte seine Bücher herbei und sie bezeugten, dass er tatsächlich die Ehre habe, den Bedarf an Zigaretten der Königin Margherita, der Mutter Victor Emanuels III. zu decken.“ Die paar Schachteln im Monat. Eine Hochwohlgeborene könne maßhalten, bemerkte daraufhin Wirtin Christiane Wagner.

„Denkste“, rief Hugo, der sich inzwischen die Zeitung gekrallt hatte. „Sie bestellte nicht wenig“ und las weiter vor. „Die Witwe des Königs Humbert gehörte zu den sogenannten Kettenrauchern, die eine erlöschende Zigarette erst weglegten, nachdem sie eine frische angezündet haben.“ Christine winkte ab und watschelte in die Küche.

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Derweil deklamierte Hugo weiter und offerierte eine andere qualmende, hochwohlgeborene Blaublütige. Das sei Maria Fjodorowna, die Kaiserin-Mutter von Russland. Deren Zigaretten sollen stark parfümiert sein. Und jede einzelne werde zudem von Hand gerollt. Und man schere sich in diesen Kreisen auch nicht um vaterländische Räson. Ein Beispiel sei die Königin-Witwe Marie Christine von Spanien. „Einfach und streng in ihrer sonstigen Lebensweise, ist sie doch eine leidenschaftliche Liebhaberin der Zigarette, verschmäht aber das scharfe hispanische Kraut zugunsten des türkischen.“

Hochwohlgeborene Schmarotzer

Während Hugo seinem auszutrocknen drohenden Mund ein alkoholisches Labsal verpasste, las Oskar weiter. „Die spanische Witwe begegnet sich in ihrer Neigung mit der Herrscherin des Nachbarreiches, der schönen und stattlichen Königin Marie Amalie von Portugal, der die Zigarette von früh bis spät eine treue Begleiterin ist. Und selbst Carmen Sylva, Rumäniens feinsinnige Königin, liebt es, sich in den bläulichen Dunst der Zigaretten zu hüllen, wenn sie am Schreibtisch schwärmt und dichtet.“

Resigniert hob die Wirtin die Hände: „Von mir aus können die sich totqualmen.“ Das sei wohl einfachste Art, die hochwohlgeborenen gnädigsten Schmarotzer loszuwerden. Ruhe am Tisch, bis Traugott Fiedler die Worte wieder fand. „Lass mal das Sozi-Gefasel, liebe Christel. Das passt nicht zu dir und verstehen tust du das auch nicht. Bringe lieber noch eine Runde. Diesmal auf meinen Deckel.“

Rauchen in der Gastronomie

  • Das Thema Rauchen bewegte die Gemüter, als 2008 in Kneipen, Bars und Restaurants stark eingeschränkt und 2009 dann wieder etwas gelockert wurde. Heute kaum noch vorstellbar, aber bis dahin durfte man selbst im Speiselokal rauchen.
  • Sehr lesenswert zur Tabakindustrie in Dresden: Holger Starke (Hg), „Tabakrausch an der Elbe – Geschichten zwischen Orient und Okzident“ erschienen im Michael Imhof Verlag.

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek durchstöbert.

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2 Ergänzungen

  1. Kleine Anmerkung: Die rumänische Königin Elisabeth I. nutzte als Künstlername „Carmen Sylva“, nicht Sylvia.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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