Wo heute das Thalia-Kino steht – Teil 3

Auf dem Gipfel der Show
Das TTT, Tymians Thalia Theater an der Görlitzer Nr. 6, wurde in Punkto Unterhaltung das erste Haus am Platze. Und dass trotz großer und teurer Konkurrenz auf der Altstädter Elbseite und in der nahen Umgebung, wie dem Neustädter Kasino (heute das Kulturrathaus), dem Ballhaus auf der Bautzner Straße und den Kinos. Aber Direktor Winter-Tymian war ein Fuchs in der Szene, umtriebig und stadtbekannt.

Gut vernetzt würde man heute sagen. Sein kreatives Potential schien unerschöpflich. In seinen Shows reagierte er schnell auf aktuelle Begebenheiten. Das war sein Markenzeichen. Deswegen kamen die Leute. Das brachte ihm den wirtschaftlichen Erfolg.

Er verstand es, seine Bühne in der Öffentlichkeit, in der Presse, gut zu verkaufen. Seine Witze, seine satirischen Anspielungen, Lieder und Couplets waren häufig Stadtgespräch. Winter-Tymian konnte nicht nur gute Texte schreiben, sondern schrieb sie auch so, dass sie die Zensur überlisteten, ohne dass diese es bemerkte. Das Publikum verstand die Zwischentöne und liebte ihn dafür.

Thalia-Anzeigen in Dresdner Zeitungen vor rund 100 Jahren
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„Hier spielt der Chef noch selbst“, könnte ein Slogan geheißen haben. In seinen täglichen Zeitungsannoncen finden sich Sprüche, wie diese: „Für Gemütskranke!“ oder „Nur lachende Menschen!“ Die lebenden Bilder am Schluss jeder Vorstellung waren ein Markenzeichen. Diese bewarb er mit: „Herrlich leuchtende Gemälde – der Tod aller Kinos!“ Sein Theaterrestaurant, welches sich genau an der Stelle des heutigen befand, konnte man auch ohne TTT-Eintritt nutzen. Und jeden Donnerstag nachmittags lud er die Damen (ohne Männer selbstverständlich) zur wahrscheinlich ersten femininen Show bei Kaffee und Kuchen ein.

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Und noch eine Besonderheit gab es, die ihn von den anderen Bühnen unterschied. Seine Abendshows begann weder 7 Uhr noch 8 Uhr, sondern genau um 8 Uhr und 20 Minuten!

Die Ursünde des 20. Jahrhunderts

Ende Juli 1914 wurden in Sarajevo der österreichische Thronfolger und seine Frau von einem serbischen Nationalisten erschossen. Europa taumelte, von allen Mächten angeblich ungewollt, in der Ersten Weltkrieg. 43 Jahre Frieden wurden beendet. Schluss mit lustig. Am 2. August erschienen die Dresdner Nachrichten mit der Überschrift „Heute erster Mobilmachungstag“. Eine Euphorie an Vaterlandsliebe und Siegeswahn durchwaberte die Residenz, Sachsen und ganz Deutschland. „Mars regiert die Stunde“ und der Kaiser kannte keine Parteien mehr, nur noch Deutsche.

Angeregte Gespräche überall auf Straßen und Plätzen der Stadt. Als gegen Abend des Mobilmachungstages ein Flugzeug die Stadt von West nach Ost überquerte, verstiegen sich die DN in patriotischer Freude zu der Aussage: „Mit stolzem Fittich fliegt der deutsche Aar wider dem Feind, seine Schwingen schützend breitend über die vaterländische Flur.“ Von Links über Liberal und Konservativ bis Rechts war man sich einig: „Jeder Schuss ein Russ, jeder Stoß ein Franzos“ und „Weihnachten sind wir wieder zu Hause“.

War man aber nicht. Die Erfolgsmeldungen der Obersten Heeresleitung um Hindenburg und Ludendorf hielten als einzige Leistung bis zum Schluss durch. Nüchternheit machte sich im Volke breit. Man hamsterte, was man kriegen konnte. Die nicht zur Front eingezogen wurden, die Älteren, wurden zum Landsturm, einer Art Heimatschutz, verpflichtet.

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Todesanzeigen las man in der Rubrik „Auf dem Feld der Ehre gefallen“ mit der Steigerung der Zahlen immer weniger. Aufgerufen wurde das Volk zum Sammeln von Lebensmittel für die Front, die als „Liebesgaben“ tituliert wurden: Butter, Schmalz, Margarine, Pflanzenfette aller Art, Heringe, Zigarren, Zigaretten, Tabak, Schokolade, Kakao, Tee und vor Weihnachten auch Christbaumkerzen und die dazu gehörigen Halter.

Und dann kam die Rationierung mittels Lebensmittelkarten, Einschränkungen beim Weizenmehl, Petroleumnot, Ausgangssperren. Silvester 1914 fiel aus. Kein Feuerwerk, keine „Prosit-Neujahr-Rufe, keine Feiern. Stille herrschte in der Stadt.

Da hatte die Innere Mission ein ganz anderes Problem. Sie beschäftigte sich mit dem unsittlichen Umgang mit dem christlichen Sonntag. Die Dresdner Nachrichten schrieben am 12. Juli 1917 darüber: „Die Sonntagsfrage hängt mit der Sittlichkeitsfrage insofern eng zusammen, als leider die falsche Verwendung des Sonntags nur zu oft den Anstoß der schweren Schädigungen der Sittlichkeit und der Volksgesundheit gibt.“

Der Saal des Thalia-Theaters.
Der Saal des Thalia-Theaters.

Patriotismus zog in die Görlitzer Nr. 6 ein

In der Sommerpause 1914 stellte Winter-Tymian sein Programm auf Vaterlandsliebe um. Natürlich waren alle Couplets aus seiner Feder. Am 22. August 1914 inserierte er in den Dresdner Nachrichten: „Der schweren Zeit angemessen – ein herrlich patriotisches Programm – Der Völkerkrieg – Die Eichen deutscher Freiheit – Edle Feinde.“ Und es gab wieder den beliebten Damenkaffee am 27. August um 4 Uhr nachmittags.

Die Feuilletons jubelten: „Begeisternd und erzieherisch“ und „Deutsch bis ins Mark“.

Im Haus räumte der Direktor zwei Zimmer leer und richtete sie als Lazarett mit 20 Betten ein. Sie waren schon Anfang Dezember vollbelegt. Die Gäste seiner nach wie vor gut besuchten Shows bat er um Spenden („Liebesgaben“) jeglicher Art für seine Krankenstation.
1915 inserierte er seine Spielpläne sogar mit der Bitte um Gold-Spenden für die Reichsbank. Auf Gold gab es im TTT neben dem Erlös auf jede Karte 30 bis 50 Pfennig Ermäßigung.

Im Novemberprogramm 1914 zelebrierte der Direktor den Sketch „Hinten durch – durch Hindenburch!“ Winter-Tymian spielte den Generalfeldmarschall in dieser Doppeldeutigkeit natürlich selbst. Die Zensur hatte nichts zu beanstanden.

Andere Stücke dienten der Stärkung des Patriotismus im Volke. Alle natürlich heiter. „Das sollte sich jeder ansehen: Weihnachten im Schützengraben“, „Auf Wiedersehen in Belgien“, „Die dicke Bertha“, „Unsere Superhelden“, „Hinter der Front“, „Die Gulaschkanone“, „Zwei Alpentrottel“, „Im Sportzug nach Geising.“

Die Euphorie wich der Nüchternheit

Ab 1915 wurden die Verlustlisten der Sächsischen Armee (ja, die gab es) nicht mehr veröffentlicht. Kirchenglocken aus Bronze mussten der Heeresverwaltung abgeliefert werden. Für die Jugend wurde ein Kriegsvorbereitungsdienst eingeführt. Im Februar 1916 wurden Web-, Wirk- und Stickwaren beschlagnahmt. Der Kartoffelverbrauch wurde limitiert. Besonders schlimm war die Versorgungslage im Winter 1916/17, der als „Kohlrübenwinter“ in die Geschichte einging. In den Haushalten wurde in der Nacht (!) vom 14. zum 15. Januar 1917 durch die Ämter eine Kartoffelbestandsaufnahme durchgeführt. Wer mehr als die zugewiesenen Mengen hatte, dem wurden die überzähligen Erdäpfel weggenommen.

Rezepte mit Kohlrüben machten in der Presse die Runde. So die Zubereitung von Kohlrüben auf Senfgurkenart oder als eingekochter Extrakt, den man als Maggi-Ersatz zur Geschmacksbildung in Suppen und Soßen verwenden sollte. Kinder wurden zum Knochen- und Bucheckernsammeln geschickt.
Die Geflügelvereine appellierten an die Hühnerhalter, nicht die Zucht-Hühner und -enten zu schlachten.

Die Stadt mahnte: „Lebensmittel sind heute der freien Verfügung des jeweiligen Besitzers entzogen. Die rationierten Nahrungsmittel gehören der Allgemeinheit.“ Der Mangel schuf merkwürdige kaiserlich-königlich-kommunistische Verhältnisse.

Eine neue Behörde entstand 1916, das Reichsamt für Ernährungsfragen, das die damit zusammenhängenden Probleme zentralistisch jenseits der Länder und außerhalb gewählter Strukturen regulieren sollte. Der Leiter unterstand direkt dem Kaiser. Besonders kecke Zeitungen sprachen von einer „Lebensmittel-Diktatur“.

Strom musste gespart werden. Stundenweise war es düster. Die Beleuchtung der Straßenbahnen im Innern wurde drastisch reduziert. An vielen Haltestellen wurde einfach nicht mehr angehalten.

Nur mit Humor lässt sich das Leben ertragen, aber schön patriotisch

Gespielt wurde im TTT natürlich weiter. Frontsoldaten und Kriegsversehrte erhielten Ermäßigungen. Wer im Restaurant eine Bockwurst, Kartoffelsuppe oder gar Schnitzel essen wollte, musste dafür Fleisch-, Brot- und Kartoffelmarken mitbringen. Der Spielplan wurde zeitlich verändert. Man begann die Abendvorstellung um Punkt 8 und endete um 10, denn die letzte Bahn in Richtung Altstadt fuhr ab Louisenstraße um Dreiviertel elf.

Das wahre Supertalent war wie immer Emil Winter-Tymian. Im Februar 1916 inszenierte er eine große Wohltätigkeitsgala zu Gunsten des Alten Tierschutzvereins Dresden zur Hilfe für deren Tiere und zur Anschaffung von Sanitätshunden für die Front, wie die Dresdner Nachrichten berichteten. Insgesamt 1.000 Mark kamen zusammen. Wenn das TTT rief, kamen die Leute. Das Haus war ausverkauft. „Der vaterländische Geist und die gebotenen Genüsse schufen eine treffliche Stimmung“, so die Zeitung. Die Stücke hießen: „Deutschland in der Welt voran“, „Deutschlands Finanzmacht“ und „Deutsche Fliegerliebe“. Hervorgehoben wurden die Heiterkeitserfolge des Damendarstellers Thurm-Sylvaré und die vorzügliche Ausstattung.

Emil Winter-Tymian - Gedenkstein am Haus Louisenstraße 55 - Foto: Günter Starke
Emil Winter-Tymian – Gedenkstein am Haus Louisenstraße 55 – Foto: Günter Starke

Das Ende wurde ein neuer Anfang

Das Jahr 1918 begann, wie das vorangegangene endete – mit Hunger und zunehmender Verarmung. Fast jede Familie hatte Tote zu beklagen, Väter, Söhne, Brüder, die „auf dem Feld der Ehre fielen“. Seit Herbst 1917 wütete eine weitere Geißel besonders unter den Schulkindern, die Spanische Grippe.

Auffällig im Spielplan: rein patriotische Stücke zogen nicht mehr. Winter-Tymian reagierte auf diesen Trend. Lokales wurde in. „Hallo – Kegelklub Dickköppe“, „Das Kind mit zwei Müttern“, „Hamster rund um Dresden“, „Amor auf Irrwegen“, „Der Mann mit den 12 Köpfen“, „Der süße Peter“, „Gustav, schäm dich“.

Ab 9. November war Revolution. Kaiser und König dankten ab. Der Krieg war zu Ende. Jetzt kam die Republik. Und Erich Winter-Tymian bewies wieder einmal sein Talent, sich schnell umzuorientieren und die Zeichen der Zeit richtig zu deuten.

Am Freitag, den 22. November 1918 offerierte er dem erstaunten Publikum seinen neuen Spielplan und einen neuen Winter-Tymian: „Der total neue Kirmes-Spielplan! Eine Friedenskirmes: Wiedersehen macht Freude. Alle Künstler in neuen Nummern.“

(Fortsetzung folgt)

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek durchstöbert.

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