Bezahlen mit echt Meißner Porzellan

Vor rund 100 Jahren wurde in Sachsen aus Kleingeldmangel Porzellan als Basis für ein Notgeld eingeführt. Und wie es sich für Sachsen gehörte, richtig nobel aus echtem Meißner. Natürlich nicht in der bemalten weißen, sondern in der ursprünglichen Zusammensetzung des frühen 18. Jahrhunderts, dem braunen Böttger-Steinzeug, wie es in der entsprechenden Verordnung des Sächsischen Finanzministeriums hieß.

Porzellangeld von 1921 - Foto: Stefan Kühn für Wikipedia CC BY-SA 3.0
Porzellangeld von 1921 – Foto: Stefan Kühn, Porzellangeld Vorderseite 20Pfennig kl , CC BY-SA 3.0

Der Möchtegern-Goldmacher

Johann Friedrich Böttger – so hieß der Miterfinder des Meißner Porzellans, der dieses in die Produktion überführte und Gründungsadministrator der Porzellanmanufaktur in Meißen war. Hört sich seriös an. War dieser Herr aber keinesfalls, zumindest nicht immer. Er war ein Schlitzohr, ein Filou, den Genüssen des Lebens nicht abgeneigt, aber auch ein technisch versierter, hochintelligenter, experimenteller Naturforscher und letztendlich eine tragische Figur. Hoch verschuldet verstarb er mit 39 Jahren.

Als gelernter Apotheker und heimlicher Alchimist machte er zunächst in Berlin von sich reden. Denn er stellte vor Publikum angeblich aus Silber Gold her und suchte den Stein der Weisen. Großes Aufsehen war ihm zuteilgeworden. Die Gier regierte. Einer Vorladung des brandenburgischen Kurfürsten entzog er sich durch Flucht nach Sachsen. Hier kam er vom Regen in die Traufe. Der Starke August nahm sich seiner an. Dessen Staatskasse war wie immer klamm und da kam ihm der vermeintliche Goldmacher gerade recht.

Man bildete ein im heutigen Sinne Forschungsteam, richtete ein Alchimistenlabor auf der Jungfernbastei ein (die war da, wo sich heute der östliche Abschluss der Brühlschen Terrasse befindet) und experimentierte dort mit anderen Forschern gut bewacht und ständig kontrolliert in verschiedene Richtungen, sowohl nach Gold und dem Stein der Weisen in Dresden und später auf der Festung Königstein und der Albrechtsburg in Meißen, als auch nach neuen Möglichkeiten des Erzabbaus und dessen Verarbeitung in Freiberg.

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Kleinlaut musste Böttger seinem König eingestehen, dass er kein Gold aus Silber oder Blei machen konnte. Aber die Experimente mit verschiedenen Tonerden führten zunächst zum „braunen Böttgerschen Steinzeug“ und später mit der Kaolinmischung zum weißen Porzellan. Damit konnte August der Starke dann wirklich Gold machen. Ein Dekret von August lautete: Alles musste aus heimischen Rohstoffen sein – ein frühes Beispiel von Nachhaltigkeit. Der 15. Januar 1708 gilt heute als der Tag der Erfindung des europäischen Porzellans.

Die Münzen

Zurück zu den sächsischen Porzellanmünzen von 1921. Bis zu einem „Gesamtwert von 5 Millionen Mark“ wurden sie von den staatlichen Kassen ausgegeben „und zwar zum Nennwert von 20 Pfennig, 50 Pfennig, 1 Mark und 2 Mark.“ Hergestellt wurden auch Münzen zu 5, 10 und 20 Mark. Aufgedruckt war die Jahreszahl 1921. So hieß es am 4. Januar 1921 in den Dresdner Nachrichten. Übrigens gab es auch Probedrucke mit dem Aufdruck „1920“.

Das Interessante daran war, dass für diese Münzen keine Pflicht zur Annahme in den Geschäften bestand, was bedeutete, dass der Tante-Emma-Laden-Inhaber die Porzellanklunker zum Bezahlen von Kartoffeln oder Mehl oder einer Flasche Bier nicht anzunehmen brauchte. Also doch nur ein Schmuckstück für die Wohnzimmervitrine? Mitnichten. Die Finanzhauptkasse des Freistaates und die Staatsbank Sachsen waren verpflichtet, dieses sogenannte Notgeld zum Nennwert, also zu dem Wert, der auf den Münzen stand, gegen „echtes“ Geld in deutscher Reichswährung einzutauschen. Die Annahme an Zahlungsstatt, wie es auf Beamtendeutsch hieß und die Einlösung in Papiermark wurde aber bis auf den 31. Dezember 1921 beschränkt.

Dresdner Neueste Nachrichten von 1920
Dresdner Neueste Nachrichten von 1920

Sammler aus Amerika

Sobald die Kunde von dieser weltweit besonderen Art Währung in die Welt und über den großen Teich gelangte, waren die Vermögenden dort ganz scharf auf die Münzen, besonders aber auf die kleine Stückzahl der 1920er Ausgaben. Süffisant schrieben die Dresdner Neuesten Nachrichten schon am 30. Dezember 1920, dass ganze Berge von Briefen und Telegramme aus Übersee im Sächsischen Finanzministerium und bei der Direktion der Staatlichen Porzellanmanufaktur in Meißen eingegangen seien, mit der Bitte um Zusendung von Porzellangeldmünzen. Ginge es nach diesen Bestellungen, hätte die gesamte Auflage von 5 Millionen Mark in die USA verhökert werden können.

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„Einzelne Liebhaber haben gleich für 20.000 bis 30.000 Mark Porzellangeld erbeten und sofortige Voreinsendung des Betrages angeboten. Interessant ist die Tatsache, dass namentlich die Amerikaner nicht nur das entsprechende Bargeld, sondern nebenher noch Weizenmehl und sonstige Lebensmittel, ferner Kleider, Schuhe und Kleiderstoffe als Bezahlung anbieten“, so die DNN.

Eine erhebliche Wertsteigerung in Sammlerkreisen erfuhren die Versuchsexemplare mit der Jahreszahl „1920“ gleich zu Beginn der Ausgabe der 21er Serie. Diese wurden übrigens an Freunde und Gönner der Porzellanmanufaktur ausgegeben, wie die DNN herausfand.

Hohe Materialkosten und hoher Sammlerwert

Materialeinsatz und Arbeitsaufwand waren nicht unerheblich. Deshalb wurden ein Viertel der Münzen der Manufaktur in Meißen zum Originalpreis überlassen, damit sie diese an Sammler in aller Welt mit einem kleinen Aufpreis verkaufen könne.

Die Nennwertseite der Münzen hatte neben der Wertangabe auch die Aufschrift „Sachsen“. Die Bildseiten hatten unterschiedliche Gestaltungen, wie Symbole des Ackerbaus, des Gartenbaus, des Handels, der staatlichen Ordnung und die gekreuzten Kurschwerter. Eine Glasur erhielten die Münzen aber nicht. Die Auflage war übrigens höher als alle anderen Produkte der Manufaktur.

Der Run auf die Münzen setzte sofort ein. Und natürlich wurde es schnell zu einem Objekt der Begierde im kriminellen Milieu. Schon 1921 wurde in Meißen eine Fälscherwerkstatt ausgehoben, an der sich auch Mitarbeiter der Porzellanmanufaktur beteiligt hatten. Gefälscht wurden aber nicht nur die Notgeldmünzen aus Sachsen, sondern auch Stücke des braunen und weißen Reichsporzellangeldes, das jedoch nie im Umlauf kam, aber bei Sammlern sehr begehrt war.

Heute werden die sächsischen Münzen von 1920 und 1921 in Sammlerkreisen je nach Zustand für bis zu 100 Euro pro einzelne Münze gehandelt. Münzen aus anderen Gegenden und späteren Zeiten bekommt man schon für unter 10 Euro.

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek durchstöbert.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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