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Fit together mit Claudia Seidel

Ein komisches Silvester

Ich meine nicht den vor uns lie­gen­den Jah­res­ab­schluss 2020, son­dern den vor ein­hun­dert Jah­ren.

Die ei­nen nutz­ten die letz­ten Tage die­ses von den meis­ten ver­fluch­ten Jah­res 1920, um zu schlem­men, an­dere wuss­ten nicht, wie sie den knur­ren­den Ma­gen be­ru­hi­gen konn­ten. Ein­kom­men durch Ar­beit, wenn auch kein üp­pi­ges, hat­ten die ei­nen, an­ge­wie­sen auf eine kleine Stütze vom Ar­beits­amt oder vom städ­ti­schen Ar­men­amt wa­ren die anderen. 

Das Geld in den Porte­mon­naies war bei den meis­ten in fast al­len Schich­ten knapp. Brot, Fleisch, das Ge­müse, die Koh­len, der Strom wa­ren rare Gü­ter. Fast das ganze Le­ben war ra­tio­niert. Die Stadt ver­wal­tete we­ni­ger ihre Be­stände oder plante neue Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten, son­dern ko­or­di­nierte eher den Man­gel. Die po­li­ti­schen Kräfte von Links und Rechts be­krieg­ten sich und die un­ge­liebte Re­pu­blik. Al­lent­hal­ben sehn­ten sich viele in die ge­ord­ne­ten Ver­hält­nisse zu Kai­sers Zei­ten vor dem Gro­ßen Krieg und der Spa­ni­schen Grippe zurück. 

Dresdner Neueste Nachrichten vom 31. Dezember 1920
Dresd­ner Neu­este Nach­rich­ten vom 31. De­zem­ber 1920

Wo war der Winter?

Auch auf die Jah­res­zei­ten war kein Ver­lass mehr. Schnee? Klir­ren­der Frost? Nichts da­von zeigte sich zum Ende des Jah­res 1920. Schlit­ten und Schlitt­schuhe fris­te­ten ihr Da­sein im Kel­ler. Auch die neue Win­ter­gaderobe konnte nicht or­dent­lich in der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert wer­den. Die Dresd­ner Neu­es­ten Nach­rich­ten spöt­tel­ten: "Jene klei­nen net­ten Feen, die so sehr lie­ben, was man 'Schick' nennt, hal­ten sich für ver­pflich­tet, ihre neuen leuch­tend-bun­ten 'Sport­ja­cken' nebst Pu­del­mütze und Schal der Öf­fent­lich­keit vor­zu­füh­ren. Wer möchte es wa­gen, sie der Ge­schmack­lo­sig­keit zu zeihen!"

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Und auch die Ober­schicht be­kam ihr Fett weg. "Die neuen Rei­chen jam­mern in der drü­cken­den Last ih­res weih­nacht­li­chen Zo­bel­pel­zes, der un­er­träg­lich ist in die­sem früh­lings­haf­ten Wet­ter, aber sie tra­gen ihn doch oder fah­ren ihn spa­zie­ren: No­blesse oblige."

Ih­nen wurde ge­hol­fen. Naja, im über­tra­ge­nen Sinne je­den­falls. In Pie­schen, schrie­ben die DNN, wur­den zwei Schau­fens­ter ei­nes Kauf­hau­ses in der Nacht vor Sil­ves­ter mit Pflas­ter­stei­nen zer­trüm­mert und ver­schie­dene Pelz­kra­gen, Muf­fen und Klei­der­stoffe ge­raubt. Zu­min­dest glaub­ten die Diebe wohl noch an die Rück­kehr des Win­ters oder dach­ten vor­aus­schau­end an das Ende des neuen Jahres.

Unlust in der Silvesternacht

Dresdner Nachrichten vom 31. Dezember 1920
Dresd­ner Nach­rich­ten vom 31. De­zem­ber 1920

Am er­stor­be­nen Kai­ser­pa­last gru­selte sich förm­lich die Gru­naer Straße ins Dunkle hin­aus, fins­ter auch die Fens­ter des Vic­to­ria­hau­ses“, las man in der Neu­jahrs­aus­gabe der Dresd­ner Nach­rich­ten. Die Trüb­nis der Stim­mung wurde noch ver­stärkt durch ein­set­zen­den Nie­sel­re­gen. Ei­nige Lo­kale hat­ten ge­öff­net, aber den­noch ge­stal­tete sich dort kaum ein ge­wohn­tes sil­ves­ter­mä­ßi­ges Le­ben. „Hin­ter Vor­hän­gen in ver­dun­kel­ten Ne­ben­räu­men sa­ßen kar­ten­spie­lende Kell­ner, auf die­ser Ecke ein lei­ses Ge­tu­schel, auf der ent­ge­gen­ge­setz­ten ein lang­wei­li­ger Ei­gen­bröt­ler. Da­bei wa­ren ein­zelne Wirt­schaf­ten hübsch und stim­mungs­voll auf­ge­schmückt, z.B. das Ita­lie­ni­sche Dörf­chen“, be­schrieb der Re­dak­teur der DN trau­rig diese Nacht. 

Suff und Knallerei

Was blieb dann den bra­ven Bür­gern an­de­res üb­rig, als das Leid der Zeit in flam­men­der Punsch­bowle, dem da­ma­li­gen Mo­de­ge­söff, zu er­trän­ken. Schwan­kende Ge­stal­ten in Menge um Mit­ter­nacht mit Knal­le­rei. Dar­über mo­nierte sich das Kon­kur­renz­blatt der DN, die DNN, am 4. Ja­nuar 1921. „Der Lärm der Gas­sen­jun­gen, die das neue Jahr mit Ka­no­nen­schlä­gen und Knall­frö­schen zu emp­fan­gen pfle­gen, war auch dies­mal wie­der so be­täu­bend, dass der fei­er­li­che Hall der Kir­chen­glo­cken nicht in alle Quar­tiere klin­gen konnte.“ Hier gab es auch wie­der den Ruf nach „ver­ei­teln­den po­li­zei­li­chen Maß­nah­men“, sprich nach Ver­bot der Knallerei.

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Rückzug ins Familiäre

Nur kurz öff­ne­ten sich zur Mit­ter­nachts­stunde die Fens­ter, um ein „Pro­sit Neu­jahr“ in die Welt hin­aus und zu den Nach­barn zu ru­fen. Dann ver­brei­tete sich wie­der Stille in den Wohn­vier­teln zu bei­den Sei­ten der Elbe. Die Menge auf den Stra­ßen und auf dem tra­di­tio­nel­len Treff auf dem Alt­markt lief schnell wie­der aus­ein­an­der. Die Stra­ßen­bah­nen wa­ren leer, zu­mal man für die Nacht­fahr­ten ins neue Jahr und nach Hause den drei­fa­chen Preis ver­langte. Man be­trank sich, wenn man konnte, hin­ter zu­ge­zo­ge­nen Fenstervorhängen.

Das Fa­zit des Sil­ves­ters 1920 las sich in den Dresd­ner Nach­rich­ten am Fol­ge­tag so: „Der er­schreckt auf­hal­lende Ge­sangs­ver­such ein paar jun­ger Bur­schen, ein her­un­ter­wir­beln­des Bunt­feuer ir­gendwo, eine ge­macht ke­cke Zu­sam­men­rot­tung bart­lo­ser Jüng­linge, sel­ten die Straße hinab licht­win­kende Au­tos, das al­les ließ die Un­fest­lich­keit des Abends nur deut­li­cher wer­den, die dann auch ins neue Jahr hin­über­klang.“ Ähn­lich äu­ßerte sich die sich sonst klas­sen­kämp­fe­risch ge­bende so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Dresd­ner Volks­zei­tung.

Wohl­ge­merkt, wie ein­gangs er­wähnt, ich schrieb nicht über Sil­ves­ter 2020!

Wunderkerze
Wun­der­kerze – Foto von Ul­rike Mai auf Pixabay

Un­ter der Ru­brik "Vor 100 Jah­ren" ver­öf­fent­li­chen wir in lo­ser Rei­hen­folge An­ek­do­ten aus dem Le­ben, Han­deln und Den­ken von Ur­oma und Ur­opa. Da­für hat der Dresd­ner Schrift­stel­ler und Jour­na­list Heinz Kulb die Zei­tungs­ar­chive in der Säch­si­schen Lan­des- und Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek durchstöbert.

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Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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