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Palais-Sommer

Gründerjahre sind keine Herrenjahre

Geschichte der Neustadt Teil II

Im zwei­ten Teil unse­rer Neu­stadt-Geschichts­stunde wurde aus Alten­dres­den die Neu­stadt, recht­sel­bi­scher Roh­dia­mant, gie­rig ein­ver­leibt von der hoheit­li­chen Schwes­ter. Sta­tus: Es gibt noch viel zu tun. Im 19.Jahrhundert gilt es, noch einige Sand­flä­chen zu bebauen.

Durch die vor­an­schrei­tende Indus­tria­li­sie­rung pas­siert das schnel­ler, als man Glüh­birne sagen kann. Eisen- und Stra­ßen­bahn ver­net­zen die Neu­stadt inner­städ­tisch und natio­nal, es blüht die Kul­tur und der Jugend­stil an Häuserfassaden.

Sandig im Nordwesten

Wir zoo­men in die Geschichte. Neu­dorf ist ein­ge­mein­det, die Stadt­mau­ern um Alten­dres­den wer­den rück­ge­baut und das Vier­tel quillt über die ehe­mals gemau­er­ten Gren­zen hin­aus. Den Auf­trag dazu gab kein Gerin­ge­rer als Napo­leon. Die Aus­füh­rung des Befehls erlebte er nicht mit, denn sie zog sich einige Jahre hin.

Blick in die Oppelvorstadt um die Jahrhundertwende - heute ist die Gegend als Hecht-Viertel bekannt.
Blick in die Oppel­vor­stadt um die Jahr­hun­dert­wende – heute ist die Gegend als Hecht-Vier­tel bekannt.
San­dig geht es noch im Nord­wes­ten der Leip­zi­ger Vor­stadt zu – die Hechte sit­zen auf dem Tro­cke­nen. Das ändert 1836 ein Poli­zei­di­rek­tor mit dem Namen Hans Lud­wig von Oppell. Er kauft das etwa 22 Hektar große Areal, auf dem sich außer dem Weg zur Gast­stätte “Zum blauen Hecht” nichts Nen­nens­wer­tes befindet.

Oppell, nach dem das Vier­tel im Volks­mund genannt wird, möchte ein Arbei­ter­wohn­vier­tel aus dem drö­gen Boden stamp­fen. Ein Pro­jekt, bei dem er dem Gleis­bau in die Quere kommt und das sich mäch­tig hin­zieht. Erst eine Finanz­spritze des Groß­kauf­manns Johann Meyer 1872 lässt dem Vier­tel die ers­ten “rich­ti­gen” Arbei­ter­wohn­häu­ser auf der gleich­na­mi­gen Straße ange­dei­hen. Und so lang­sam wer­den auch die Stra­ßen gepflas­tert und die Kana­li­sa­tion ausgebaut.

Trinkwasserwerk Saloppe

Mehr Men­schen erfor­dern mehr Infra­struk­tur. Die Cho­le­ra­epi­de­mie von 1873 war allen eine unan­ge­nehme Lehre und so küm­mert sich die Stadt ver­stärkt um Was­ser und Abwas­ser. 1875 wird die ‘Saloppe’, das erste Trink­was­ser­werk der Stadt, gebaut, Gas­werke sprie­ßen aus dem Boden und das Rat­haus wird von ers­ten Glüh­bir­nen erleuchtet.

Wir über­schrei­ten die Königs­brü­cker Straße und bege­ben uns in die Anton­stadt. Dazu müs­sen wir die Gär­ten durch­que­ren, die noch zwi­schen Köni und Hecht gedei­hen und spä­ter dem Bau­boom wei­chen müs­sen. Vor­bei mit dem Hecht-Grün. Geschichte wie­der­holt sich nicht, aber sie reimt sich.

Dammweg Anfang des 20. Jahrhunderts mit Bier-Schänke am Bahndamm.
Damm­weg Anfang des 20. Jahr­hun­derts mit Bier-Schänke am Bahndamm.
Auch in der Äuße­ren Neu­stadt tut sich viel. Betriebe wie die Alaun­sie­de­rei sie­deln sich an. Gars­tige Dämpfe mischen sich mit Scho­ko­la­den­duft. Neben der bekann­ten Cho­co­la­den- und Cich­o­ri­en­fa­brik ver­süßt Richard Selb­mann auf dem Dammweg/​Ecke Eschen­straße Nasch­kat­zen das Leben. Holz­hof, Treib­rie­men­fa­brik (‘Alte Leder­fa­brik’), Pfunds und Chlo­rodont sind blü­hende Gewerbe, die das Vier­tel ernähren.

Die Häuser werden erwachsen

Mit den Grün­der­jah­ren ver­drän­gen hohe Miets­häu­ser, direkt an die Straße gebaut und mit geschlos­se­nen Fas­sa­den, Vor­gän­ger­häus­chen und Vor­gär­ten. In die ent­stan­den­den Hin­ter­höfe wer­den zusätz­li­che Häu­ser­zei­len geklatscht – das Vier­tel brummt. Es besteht so gro­ßer Platz­be­darf, dass der König­li­che Holz­hof unter Wohn­häu­sern sein gewerb­li­ches Ende fin­det. Ruhe sanft. Erfreu­li­cher­weise haben die städ­ti­sche Bau­pla­nung und die staat­li­che Ober­auf­sicht ein genaues Auge auf die Ästhe­tik und so ent­ste­hen keine klo­bi­gen Arbei­ter­bau­ten wie in Berlin.

Alaunstraße historisch
Alaun­straße historisch
Heute muss sich der Neu­städ­ter mit dem Nord­bad zufrie­den geben. Vor­mals gab es fünf Bade­stät­ten: das Loui­sen­bad auf der Prieß­nitz­straße, das Mar­ga­re­then­bad auf der Bautz­ner, die Volks­bä­der auf der Ebers­wal­der Straße, eines auf der Kamen­zer und das Ger­ma­ni­a­bad (heute Nord­bad), um all die arbei­ten­den Bür­ger von Ruß und Öl sau­ber zu schrubben.

Kasernen in der Albertstadt

Immer poliert und gekämmt muss­ten die Sol­da­ten der Albert­stadt ihren Dienst ver­rich­ten. Im Jahr 1869 wurde das König­lich-Säch­si­sche Schüt­zen­re­gi­ment von Leip­zig nach Dres­den ver­legt und wucherte präch­tig mit allem, was der Krieg so zum Fett­wer­den braucht: Muni­ti­ons­an­stalt, Pro­vi­ant­amt, Straf­an­stalt, Gar­ni­sons­la­za­rett, eige­nem Was­ser­werk, Post­amt, Archi­ven und natür­lich Kasinos.

Alaunplatz auf einer Postkarte von 1923
Alaun­platz auf einer Post­karte von 1923
Archi­tek­to­nisch eher ein Brems­klotz, kur­belt der Aus­bau der Kaser­nen­stadt ab 1873 das ansäs­sige Hand­werk mit Auf­trä­gen an. Zehn Jahre spä­ter wird die Albert­stadt als selbst­stän­di­ger Guts­be­zirk ver­wal­tet. Sie gehörte bis 1945 offi­zi­ell nicht zur Stadt Dresden.

Aus klei­nen Werk­stät­ten mau­sern sich große Fabri­ken. Die Schorn­steine qual­men in den Him­mel und in den über­füll­ten Woh­nun­gen ver­sucht man noch Bet­ten unter­zu­ver­mie­ten, um sich ein Zubrot zu ver­die­nen. Mit der Albert­brü­cke ent­steht 1877 eine dritte Elb­que­rung, die Han­del und Ver­kehr flie­ßen lässt. Der gegen Frank­reich gewon­nene Krieg macht dem Volks­kör­per ein gera­des Kreuz und eine geschwellte Brust, in den Kas­sen klin­gelt das Sie­ger­geld und die Reichs­ei­ni­gung kata­pul­tiert die Wirt­schaft in unge­ahnte Höhen.

Wir set­zen zum Sink­flug an. Wäh­rend sich jen­seits der Elbe die Barock­stadt Dres­den moder­ni­siert und in der Neu­stadt die Arbei­ter ihre Kin­der mit dem Eimer in die Kneipe zum Bier­ho­len schi­cken, ist mit dem Grün­der­krach von 1873 bereits das Ende der Auf­schwung­zeiten eingeläutet.


Fortsetzung folgt.

Wei­tere Informationen:

  • Dresd­ner Hefte Nr. 53: Dres­den als Garnisonstadt
  • Archiv von www.dresden-neustadt.de
  • Rein­hard Dehlau: Dres­den. Zwei Städte am Fluss. Dres­den 2009.
  • Olaf B. Bader: Kleine Geschichte Dres­dens. Mün­chen 2005.
  • Teil 1: Sumpf und Sand
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6 Ergänzungen

  1. Danke, Phi­line, dass Du auch erwähnst, dass viele Gel­der für den hie­si­gen Auf­schwung aus dem unglück­se­li­gen Sieg der Deut­schen über Frank­reich aus dem Krieg 1870/​71 flos­sen. Die Kaser­nen der Alber­stadt wur­den zum gro­ßen Teil von fran­zö­si­chen Kriegs­ge­fan­ge­nen gebaut.

  2. Danke Phi­line für den inter­es­san­ten Arti­kel und die Fotos. 

    Aber ich ver­misse von Ihnen einen neuen Memento-Arti­kel, der immer am Sams­tag erschei­nen sollte und die ich bis­her wie einen Schwamm auf­ge­so­gen habe

  3. Wie immer schön zu lesen.
    Das Kino in mei­nem Kopf springt sofort an, wenn in einem leich­ten Ton His­to­ri­sches und Aktu­el­les ver­mischt und durch Bil­der, bei denen ich oft auch Heu­ti­ges erkenne, unter­legt werden.

    Danke!

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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