Sumpf und Sand

Die Geschichte der Neustadt – Teil I

Dort wo heute Hipster Pale Ale verkippen und Pudel sich auf Gehwegplatten ihres braunen Kerns entledigen, war vor 600 Jahren: nichts, außer Pampa. Als die Altstadt schon mit eigener Festung glänzte, war die Neustadt noch Altendresden, eine Ansammlung von Häuschen umgeben von Feld und Wald. Von Szeneviertel nichts zu sehen! Das hat sich heute geändert – und dabei spielten ein Brand, der Dreißigjährige Krieg und Winderosion eine entscheidende Rolle.

Die Geschichte der Neustadt beginnt mit der linkselbischen Besiedelung und damit Gründung des Ortes Dresden im 11. Jahrhundert. Der Stadtname leitet sich aus dem slawischen Wort drežga, Sumpf, ab – womit der Charme der Landschaft bereits angedeutet wird. Die Sumpfbewohner machten das Beste aus der Tallage und Dresden zu einem schmucken Städtchen mit Burganlage, Mauern und Gräben. Gegenüber auf der rechten Elbseite, der heutigen Neustadt, sah es allerdings weniger rosig aus.

Stadtplan von Dresden, angefertigt von Matthäus Seutter. (Kolorierter Kupferstich aus dem Jahre 1750 - Quelle: Wikipedia

Stadtplan von Dresden, angefertigt von Matthäus Seutter dem Älteren. (Kolorierter Kupferstich aus dem Jahre 1750 – Quelle: Wikipedia

Altendresden – die heutige Innere Neustadt

Das war damals so gar kein Szeneviertel. Sandig, bebuscht und ohne Befestigung ging die Besiedelung schleppend voran. Bis ins 17. Jahrhundert umgab ein schnöder Erdwall das ungleiche Geschwisterchen. Auf der anderen Seite hatte man sich schon eine Feste geleistet. Erst 1403 erhielt Altendresden das Stadtrecht, was seine Popularität nicht nennenswert steigerte. Immerhin erhielt das Städtchen seine eigene Pfarrkirche „Zu den Heiligen Drei Königen“, die 1421 erstmalig erwähnt wurde. Zentrum von Altendresden war der Marktplatz, heute der Neustädter Markt. Die Altendresdner hielten dennoch die Stellung und legten Wert auf Souveränität. Wer wollte schon Lebensqualität an Kirchen und Stadtmauern festmachen?

Als Kurfürst Moritz 1549 auf die Idee kam, beide Dresdens zu vereinen, erntete er rechtselbisch wenig Applaus. Erst das Gefängnis in Schweinitz überzeugte Bürgermeister Wolf Fischer und Stadtschreiber Johann Prüfer unsanft von den durchlauchten Unionsplänen. Vom 18. August 1550 an fristete Altendresden ein noch bedeutungsloseres Dasein als Wurmfortsatz der heutigen Altstadt. Den Durchbruch brachten schließlich zwei sehr unerfreuliche Ereignisse: der Dreißigjährige Krieg und der Stadtbrand von 1685, der Altendresden zur Neustadt umkrempelte. Aber langsam mit den barocken Pferden…

Der Krieg machte deutlich, wie dringend Altendresden eine Befestigung nötig hatte. Moritz, der Kurfürst, hatte das Vorhaben bereits 1546 angestrebt, es aber im Sande (hihi) verlaufen lassen. Er wollte Altendresden in die Festung Dresden holen. Für seine Pläne waren ihm einige Altendresdner Anwesen im Wege, die er kurzerhand auslagerte. Gegründet wurde so die Siedlung Neudorf, die sich entlang der Moritzburger Straße erstreckte. Aus ihr ging die heutige Leipziger Vorstadt hervor, Sammelbezeichnung für Hecht, Hansa- und Scheunenhofviertel.

In dieser Siedlung Neudorf befand sich oberhalb der Erfurter Straße die Neudorfer Schiffsmühle, in der allein alle Bürger von Pieschen, Mickten und Trachau ihr Getreide mahlen lassen durften. 1866 wurde Neudorf nach Dresden eingemeindet und zur „Leipziger Vorstadt“ umbenannt. Der Name ergibt Sinn, weil es damals die Dresdner Vorstadt in Richtung Leipzig war.

Die von Kurfürst Moritz begonnene Ummauerung fand schließlich erst 1684 seinen Abschluss durch Wolf Caspar von Klengel. Anlass zur Weiterführung des Unternehmens Festungswall hatten kroatische Reiter gegeben, die während des 30-jährigen Krieges recht grob versuchten, sich das Viertel anzueignen. Nach 52 Jahren war es vollbracht: die Neustadt hatte ihre eigene Mauer! Ein Trend, der innerhalb Deutschlands nicht mehr sexy ist, aber nun langsam an den Außengrenzen ankommt.

Und wenn man denkt, es ist endlich Ruhe eingekehrt – zündelt ein Kunsttischler! Auf der Meißner Gasse brach 1685 ein Feuer aus, das Altendresden verheerend zerstörte. Ein ziemlicher Leberhaken des Schicksals (oder Kunsttischlers), der dennoch sein Gutes hatte. Denn nun begann der Wiederaufbau, bei dem nach Jahrzehnten der Arbeit sogar August Friedrich I. noch seine goldberingten Finger im Spiel hatte. Das todschicke Barockviertel wurde errichtet und Altendresden mauserte sich zur so titulierten „Neuen Stadt bey Dresden“. Die prächtige Hauptstraße avancierte zum roten Teppich der Altstadt.

Sandkasten Antonstadt

Vorne hui, hinten pfui. Während die Hauptstraße zum Flanieren einlud, blieb die Antonstadt (Äußere Neustadt) ein öder Sandkasten. Die Altendresdner hatten es mit der Landwirtschaft ziemlich gut gemeint und dem Heidewald nördlich und nord-östlich von Altendresden einem rabiaten Ackerbau geopfert. Staubige Angelegenheit.

Relief von Altendresden vor dem ehemaligen Tunnel unter der Großen Meißner Straße

Relief von Altendresden vor dem ehemaligen Tunnel unter der Großen Meißner Straße

Um 1700 trug das Gelände vor den Toren der Neustadt den humorlosen Namen „Der Sand“. Es begann hinter dem Schwarzen Tor (auch Bautzner oder Lausitzer Tor), das sich am Ende der Hauptstraße auf dem heutigen Albertplatz befand. Jegliche Bepflanzungspläne schlugen fehl. Das brachte die Neustadt um die einzigartige Chance, später Filmset von „Lawrence von Arabien“ zu werden.

Zum Ausgleich wurde die Errichtung von Gebäuden gestattet. Der landwirtschaftlichen Sahara haben wir den Wohnraum auf Alaunstraße, Louisenstraße und Bautzner zu verdanken. Der Raubbau und die Winderosion – sie sollen hochleben! Vivat!

Ab 1813 sorgte der Rückbau der Befestigungsanlagen für eine bessere Erreichbarkeit und die einzelnen Viertel wuchsen zusammen. Allerdings blieben die uralten Rivalitäts-Traditionen unweigerlich konserviert. Gebürtigen Neustädtern, beispielsweise, zeigt ein stark juckender Ausschlag an, wenn sie versehentlich das Hechtviertel betreten. Die Hechte erkennt man in der Äußeren Neustadt wiederum an Schnappatmung. Wenn es allerdings um die Altstadt geht, kommt es zu selbstverständlichen Schulterschlüssen. Dass die Altstadt böse ist, weiß aber auch wirklich jedes Kind!

Fortsetzung

Gründerjahre sind keine Herrenjahre

    Weitere Infos zur Geschichte der Dresdner Neustadt unter:

  • www.dresden-neustadt.de
  • „Von ‚Altendresden‘ zur ‚Neuen Königsstadt‘ – zur Geschichte der Inneren Neustadt bis zur Mitte des 18 Jahrhunderts“, Reinhardt Eigenwill, 1978, In: „Jahrbuch zur Geschichte Dresdens. S. 71-77“
  • „Geschichte der Stadt Dresden. Band 2 – Vom Dreißigjährigen Krieg bis zur Reichsgründung“, Karlheinz Blaschke (Hg.), 2005. ISBN-10: 3 8062 1927 3. Erschienen im März 2006 im Konrad Theiss Verlag, Stuttgart.
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10 Kommentare zu “Sumpf und Sand

  1. 30. Juli 2017 at 17:55

    Danke…toll geschrieben…(und ich bin Altstädter,naja jetzt Außenneustädter)

    grussi….

  2. Hans
    31. Juli 2017 at 08:35

    Hey Anton, da hat wohl Johnny Walker die Feder geführt…

  3. BugCheech
    31. Juli 2017 at 12:03

    Schöner Text.

  4. Marcel R.R.
    31. Juli 2017 at 15:13

    Der Text:
    für ein Geschichtsjournal am Ziel vorbei;
    für ein Satieremagazin zu lasch;
    für einen Neustadtblog zum füllen des Sommerlochs, naja!

  5. 31. Juli 2017 at 19:26

    @Marcel:
    Zu welcher Tierart gehören denn diese Satiere? Und ernähren diese Tiere sich von Verben?

  6. Marcus
    1. August 2017 at 08:25

    Direkt ein Grinsen und ein paar Informationen zum Aufwachen. So muss das!

  7. Jörg
    4. August 2017 at 18:10

    „Auf dem Sande“ vor dem Schwarzen Tor befand sich übrigens auch eine der Dresdner Richtstätten u.a. mit einem gemauerten Galgen und diversen Pfählen zum Rädern – ungefähr an deren Stelle steht heute die Sparkasse an der Ecke Königsbrücker/Katharinenstraße.

    (https://menschen-in-dresden.de/2017/vom-haengen-und-wuergen-mario-sempf-erzaehlt-dresdens-schaurige-geheimnisse/)

  8. Kalinka
    9. August 2017 at 16:54

    Was ist das eigentlich für ein Graben mit Wasser, der um die Neustadt herum fließt? Und seit wann gibt es den nicht mehr?

  9. Dietmar
    28. August 2017 at 10:12

    Hübsch formuliert:
    „Gebürtigen Neustädtern, beispielsweise, zeigt ein stark juckender Ausschlag an, wenn sie versehentlich das Hechtviertel betreten.“
    :-D

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