Herr trägt Hut im Herbst 1913

Und was für einen! Während die Damenwelt schlicht und elegant, ohne Blumen auf den Hüten in schwarz und weiß daherkommen soll, wurde es bei den Männern bunt. An erster Stelle war es die Farbe „Papierblau“, Marke blasser Herbsthimmel. Diese Hüte sollten „wahre Gedichte der Schmiegsamkeit und der Leichtigkeit“ sein, wie die Moderedakteurin in den „Dresdner Nachrichten“ schrieb. In der Mitte sollte es einen Kniff geben, also eine Art reingeschlagene Kerbe, und der Rand wurde ziemlich breit.

An zweiter Stelle rangierte die Farbe Grün und erinnerte an den Försterhut, also Marke „Röhrender und brunftiger Hirsch“. „Und wer der allerneuesten Mode folgen möchte und ein schmales, scharfgeschnittenes Gesicht hat“, so die Zeitung, „der wird den Hut an einer Seite aufkrempeln und auf der anderen Seite lässig (in kolonialer Südwest-Art) herablassen.“

Für die konservativen und modescheuen Herrlichkeiten wurden Grau- und Brauntöne im englischen Stil empfohlen, wobei als kleiner Schritt zum neuen Trend ein farbiges Band die Hälfte des Hutes umranden sollte. Bänder wurden somit der aktuelle Modeschrei. Damit erhielten die Herrenhüte ein lebhafteres Aussehen. Aufgesetzte Schnallen und Knöpfe taten ihr Übriges. Modebewusste Männer aus den gehobeneren Schichten trugen zudem gleichfarbige Krawatten zum Hutband und wurden somit zum Hingucker im Straßenbild. Die Damenwelt hatte endlich wieder was zum Tuscheln und Klatschen und die vor allem jungen Herren balzten mit stolz geschwellter Brust vor ihnen.

Dandyhafte Farbigkeit

Doch zunächst geriet die Dresdner Herrenwelt in ihrer Mehrheit in größtes Erschrecken ob der plötzlichen Farbigkeit. Man sei schließlich keine Dandys und auch nicht vom anderen Ufer. Aber die Modepäpste aus Paris und London ließen nicht locker. Es sei höchste Zeit, das gräuliche und schwarze Einerlei in der Männermode aus dem Straßenbild zu verbannen. Und man(n) werde sich schon noch dran gewöhnen. Würden diese konservativen Dresdner Herren eine Zeitreise ins Jahr 2019 unternehmen, sie würden Schnappatmung und Ohnmachtsanfälle bekommen über die Farbigkeit und Schnittvielfalt der Männermode heute: rot, pink, Ocker, grün, blau, Farben der ganzen Bonbonpalette, körperbetont und lässig zugleich.

Was ein Jahr zuvor noch ganz gut zum Manne passte, wurde nun verteufelt. So auch die 1913 noch vor dem Alberttheater an der Bautzner Straße, sichtbaren steifen Melonen. Sie „taugen höchstens noch zum Reitsport“, so die Avantgardisten der Mode mit angewiderter Mine. Der einzige Kompromiss in Sachen Hüte stellte der Zylinder dar. Ihm gestattete man noch das Tragen zum dunklen Herbstrock und zum Pelz im Winter. Doch auch hier musste er der Tendenz zu größerer Weichheit, breiterem Rand und geringerer Höhe folgen. Aber das war nicht von Dauer, wie die folgenden Jahre zeigten.

Melone war schon 1914 out
Melone war schon 1914 out

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert.

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