Die Tolerade 2019 – Hoffnung auf Wellenlänge

„Lieber jeden Tag schlechtes Wetter als Rechtspopulisten im Stadtrat“, sagt Sascha Möckel vom Tolerave e.V. zum Start der diesjährigen Tolerade vor dem Neustädter Bahnhof.

Ausbeutung von Mensch und Natur

Er wird es auf der Bühne von Herz statt Hetze vor dem Großen Haus am Postplatz noch einmal wiederholen und wieder Applaus ernten, diesmal von noch mehr Menschen. Trotz Regen und Kälte kamen tausende Demonstrant*innen für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Toleranz und Vielfalt zusammen.

In den Redebeiträgen wurden gesellschaftliche und politische Probleme wie steigende Mietpreise, Verdrängung von Kulturorten, verbale und physische Verletzungen durch Diskriminierung, Folgen des Klimawandels, Unterlassung humanitärer Hilfe wie Seenotrettung, erstarkende rechtspopulistische Kräfte thematisiert und all diese Faktoren zueinander in Beziehung gesetzt: Die Ausbeutung von Mensch und Natur zugunsten von Profit.

Aufbau im strömenden Regen an der Gothaer Straße
Aufbau im strömenden Regen an der Gothaer Straße

Vorbereitungen für den Regentanz

Von der Euphorie, die sich bei beim Tanz durch die Innenstadt einstellen soll, ist bei den Vorbereitungen am frühen Sonnabendmorgen noch nichts zu spüren. Der Regen geht in Bindfäden und durchweicht jeden Quadratzentimeter Stoff. Auf der Gothaer Straße herrscht geschäftiges Treiben.


Anzeige


Die Aufbauhelfer*innen der Tolerade haben sich Mülltüten übergezogen und stehen unter bunten Schirmen im Regen. Hier werden die Fahrzeuge für die Tanzparade geschmückt und mit Soundsystemen ausgestattet.

Blick ins Allerheiligste
Blick ins Allerheiligste

„Wir sind der Wagen Nummer 9“, erklärt ein Helfer mit Filzhut fröhlich, obwohl ihm das Wasser vom Hut in den Nacken rinnt. Er hält ein aus Latten und Folie gebautes Vordach über die Frontscheibe. „Mit dabei bei uns sind Pangaea, Love Foundation, TechtelNächtel, …“ Der Regen lässt die Tinte auf meinem Block zerfließen.

Seit gestern Abend, erzählt er, bauen die Crews am Fahrzeug. Bis morgens um vier auf dem Messegelände, seit morgens um 8 Uhr hier. „Irgendwann spürt man den Regen nicht mehr“, sagt er.

Eine andere Sorge ist größer: „Hoffentlich kommen genug Leute.“ Seit Monaten laufen die Planungen und Vorbereitungen für die Tolerade. Alles passiert ehrenamtlich und aus dem politischen Anspruch heraus ein Zeichen zu setzen. Hier arbeitet ein weit verzweigtes Netzwerk an einer Bassmassage für den guten Zweck.

Arbeiten am "Prozecco"-Wagen
Arbeiten am „Prozecco“-Wagen

Gute Nachrichten: Das Auto der Dresdner Tafel rückt mit Frühstück an. Hungrig drängelt man sich unter den Pavillon. Ein Polizeiauto kommt zur Kontrolle auf das Gelände gefahren. Dialog: „Tu besser die Tüte weg.“ – „Ich habe ein Rezept.“ – „Wie bist du krank geworden?“ – „Wie soll man nicht krank werden in so einer Gesellschaft?“ Der Kumpel des Angesprochenen fügt erklärend hinzu: „Er kommt aus Bayern.“

An jedem Wagen beteiligten sich mindestens zwei Crews
An jedem Wagen beteiligten sich mindestens zwei Crews

Die Lkw sind angemietet oder privat zur Verfügung gestellt worden. Die Anlagen auf ihnen teilweise selbst gebaut, teilweise quer durch Deutschland hierher gefahren. Ein Helfer steht vor dem riesigen Truck von Tolerave und electro patronum, an dem bereits das große orangefarbene Seenothilfen-Banner prangt. Ob er wisse, woher die Anlage komme? „Nein“, sagt er „aber es ist die größte, die ich je gesehen habe.“ Andächtig schaut er hinauf zur Göttin unter den Soundsystemen, der Lamda, bereitgestellt vom „objekt klein a“.

Plötzlich schallt ein Soundcheck durch eine Boxenanlage. Alle Köpfe fahren herum, Gespräche werden unterbrochen, zufriedenes Grinsen macht sich breit, man nickt sich anerkennend zu, ein wohliger Schauer. Die kurze Basseinlage lässt ein wenig Nachtgefunkel in den grauen Tag rieseln und verspricht: Das wird fett.

„Seid lieb zueinander“

Pünktlich um 14 Uhr treffen die Wagen am Schlesischen Platz ein. Redebeiträge u. a. von Tolerave, IDA (In Dresden ankommen), Mietenwahnsinn stoppen, Fridays for Future und Hope macht sich die Parade über die Marienbrücke in Richtung Altstadt auf den Weg. Aufgerufen wurde durch die Veranstalter zu gegenseitigem Respekt, Achtung und Rücksichtnahme, die auch innerhalb des gesellschaftlichen Miteinanders herrschen sollten. „Seid lieb zueinander!“

Mit im Bild: Christoph Töpfer und Torsten Schulze, Kandidaten der Neustadtgrünen.
Mit im Bild: Christoph Töpfer und Torsten Schulze, Kandidaten der Neustadtgrünen.

Hauptsache nicht blau

Die Wagenkolonne bewegte sich zügig voran und erreichte die Zwischenetappe Postplatz wie geplant gegen 15.45 Uhr, wo auf einer von „Herz statt Hetze“ gesponserten Bühne Vertreter*innen von „Herz statt Hetze“, „Atticus“, „Tolerave“, „Parade der Vielfalt“ und andere das Wort erhielten. Oh Wunder – der Regen hat aufgehört! Die Beiträge wurden von zwei Gebärdendolmetscherinnen übersetzt.

Alle Initiativen zeigten sich einerseits erfreut über den Zuspruch, mahnten jedoch auch vor den Gefahren des aufkeimenden Rechtspopulismus, der sich vor allem dort ausbreiten könne, wo zu wenig Sinnangebote herrschten. Alle Vertreter*innen berichteten aus Erfahrung, welche Gefahren Einsparungen im kulturellen und sozialen Bereich mit sich bringen und appellierten inständig an alle Anwesenden, an der Wahl am 26. Mai teilzunehmen, ihr Stimmrecht zu nutzen, sich einzubringen und die Zukunft des Landes und des Planeten mitzugestalten.

Fazit: „Eigentlich ist es egal, was ihr wählt. Hauptsache nicht blau!“

Parade auf dem Weg zum Postplatz
Parade auf dem Weg zum Postplatz

Abschließend sprach der Chor aus Volker Löschs Stück „Das blaue Wunder“ bestehend aus Vertreter*innen Dresdner Vereine und Initiativen einen Aufruf, der im normalen Theaterbetrieb nur aufgeführt wird, wenn sich mindestens 50 Mitsprecher aus der Dresdner Bevölkerung finden. Ein Umstand, der bisher bei jeder Vorstellung gegeben war. Die Tolerade setzte sich anschließend weiter über die Wilsdruffer Straße und die Carolabrücke durch die Neustadt in Bewegung und endete zur großen Afterparty im Industriegelände.


Eindrücke von der Tolerade

10 Kommentare zu “Die Tolerade 2019 – Hoffnung auf Wellenlänge

  1. Wo bleibt der Respekt vor den Bürgern, die ihre Interessen in Zukunft nicht von mehr von Altparteien vertreten lassen wollen? Da ist dann ganz schnell Schluss mit der achso wichtigen „Toleranz“. Ist es nicht eher so, dass die „Kulturschaffenden“ Angst davor haben, dass zukünftig vielleicht die Sinnhaftigkeit ihrer Projekten kritisch hinterfragt werden könnte? Das Steuergeld der 20 bis 30 % AfD-Wähler nimmt man gern oder wird die staatliche Förderung in Höhe dieses Anteils zurücküberwiesen?

  2. Ich habe keinen Respekt vor Rassisten und Menschen, die Rassisten wählen.

    Unabhängig ist ein Staat für mehr da als den kleinsten gemeinsamen Nenner aller seiner Bürger, da sonst nichts mehr übrig bleiben würde: Es sind nicht 100 % für Sport / Theater / Filme, trotzdem werden sie gefördert. Nicht 100 % fahren Auto / Straßenbahn / Fahrrad, trotzdem werden Straße / Schienen / Radwege gebaut. Nicht 100 % gucken Quizshows / Musikantenstadl / Sportschau / Kulturprogramm, trotzdem findet alles im ÖR-Fernsehen statt.

  3. Also beim AfD Parteitag im Fernsehen saß ganz vorn eine dunkelhäutige Frau bei den Mitgliedern…

    Und da soll es wohl noch so einen geben

    „…2013 trat Demagbo in die AfD ein. Er erklärte, als Migrant könne er nicht gegen Einwanderung sein, auch die AfD sei das nicht. Es gehe ihr nur darum, „vernünftig“ aufzunehmen, in geregelter Form. Sich selbst sieht Demagbo als wertkonservativ. Mit dieser Einstellung habe er auch Russlanddeutsche, Türken und Kurden für die AfD gewinnen können. Vor zwanzig oder dreißig Jahren hätte er sich für die CDU entschieden, die sei jedoch „nach links gedriftet“, während die AfD frühere CDU-Positionen aufgegriffen habe. Rassismusvorwürfe gegen die AfD seien unbegründet, auch Alexander Gauland habe schon mit seinen Kindern gespielt. Zu den Worten des thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke vom „lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp“ meinte Demagbo, das sei „doch positiv, ich bin lebensbejahend“. Deutschland habe ihm alles gegeben, er wolle nun etwas zurückgeben…

    https://de.wikipedia.org/wiki/Achille_Demagbo

    Aber die TAZ hat aufgepasst und argumentiert

    ..David Joram schrieb in der taz, Demagbos Geschichte sei anders verlaufen als die vieler geflüchteter Menschen aus Westafrika. Er sei weder verfolgt worden noch habe er hungern müssen. Die AfD passe zum „sozialdarwinistischen Rassismus [sic], den Demagbo aus dem Benin kennt“, sein politischer Kurs sei daher kein Zufall…

    https://de.wikipedia.org/wiki/Achille_Demagbo

    Ein schwarzer sozialdarwinistischer Rassist. Sowas aber auch…

  4. Und ich habe keinen Respekt vor Menschen, die nicht differenzieren können und pauschal Menschen anderer Meinung diffamieren. Wenn kein Unterschied zwischen AfD, NPD und weiter rechts gemacht wird, dann ist es doch nur gutes Recht, wenn wir auch SPD, Die Linke und weiter links in eine Schublade stecken. Oder ist dies nicht ok, weil letztere ja „die Guten sind“, zumindest lt. eigenem Weltbild? Und da man „die Anderen“ ja in einen gemeinsamen Nazi-Topf steckt (weil es die Sache so schön einfach macht), kann man dann wunderbar von Toleranz reden, weil die sind ja „die Bösen“ und pauschal Menschen, vor denen man keinen Respekt haben braucht. Ist das so nicht etwas zu einfach gedacht?

  5. @ Mitbürger: Ja das stimmt, das ist zu einfach gedacht.

    Um es gleich vorweg zu nehmen, hege ich keine sonderlich große Sympathie für die AfD, aber es kann doch recht vielschichtig sein, warum jemand seine Stimme der einen oder anderen Partei gibt. „Neue“ gegenüber „Altparteien“ zu bevorzugen, ist ja nicht per se gut/schlecht, allerdings besorgt es mich, wenn man mit der Wahl auch klar rassistischen Meinungen Rückenwind gibt. Das sollte keiner einfach ausblenden. Hier trägt jeder ein Stück Verantwortung für den ganzen Laden in dem wir leben (und in dem wir ja auch zukünftig gemeinsam leben wollen).

    Und so einfach sollten wir den gegenseitigen Respekt dann doch nicht über Bord werfen, oder?

  6. Es ist mir vollkommen unklar, wie man der Meinung sein kann SPD und CDU seien nach links gedriftet. Wegen der Grenzöffnung und Masseneinwanderung? Was ist daran links bitteschön? – Also wenn man links im klassischen Sinne versteht und nicht, wie das wohl jetzt Mode zu sein scheint, als wolkige, konflikt- und konsequenzlose Multikulti-Spassveranstaltung auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung (auch Arbeiterklasse genannt).

    Es wäre links sich dafür einzusetzen Ursachen von Flucht und Massenmigration zu beseitigen (zB die Finanzhilfen für das UNHCR nicht zu kürzen, sie zu erhöhen, Waffenlieferungen an den Kriegsverbrecher Saudi Arabien zu stoppen, sich für den Wiederaufbau Syriens einzusetzen und Syrien nicht mit Wirtschaftssanktionen vollends in den Boden zu treten).
    Es wäre links die sozialen Elemente des Staates vor ihrer Zerstörung zu schützen und weiter auszubauen bzw. wieder aufzubauen.
    Es wäre links die zwischenemnschliche Solidarität in der Gesellschaft zu fördern und nicht die Menschen zu spalten.
    Es wäre links sich für einen Mindestlohn einzusetzen, von dem man ein menschenwürdiges Leben führen kann und sich im Alter nicht von Pfandflaschen ernähren oder bis zum Grab schuften muss.
    Es wäre links, sich für eine wahrhaft demokratisch verfasste Gesellschaft, die sich am Allgemeinwohl orientiert, einzusetzen.
    Es wäre links Russland die fraundschaftliche Hand zu reichen und nicht im Rockzipfel der USA immer weiter zu provozieren und vor den Latz zu treten.
    Es wäre links, sich mit den wichtigen und drängenden Themen (bspw. siehe oben) zu beschäftigen und nicht mit Schwachsinn wie Genderpolitik und ähnlichem immer neue Keile in die Gesellschaft zu treiben.
    usw usf….

    All das tut weder die SPD noch die CDU (genausowenig wie Grüne, FDP und mittlerweile leider auch Großteile der Linkspartei).

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.