Das Leben, gezeichnet von Kendike

Ob man den Künstlernamen Kendike mit einer Figur aus der griechischen Mythologie, einer Schuhmarke oder einem Berliner Slangwort assoziiert, hängt von der Aussprache ab. Nur so viel: Keine dieser Optionen ist richtig.

Die Seemantix zum Wort "Entwickeln". Bild: Kendike
Die Seemantix zum Wort „Entwickeln“. Bild: Kendike

Kendike ist Zeichenkünstlerin. Ein kleines Wort, relativ betrachtet zu ihrem umfangreichen Schaffen. Gezeichnete Theaterkritiken und Illustrationen, Karikaturen, interaktive Museums-Spiele mit pädagogischer Tiefenwirkung, Storyboards für Filme: [Känndi-cke] formuliert zeichnend.

Wir sitzen in einem der hinteren Räume der Atelier-Gemeinschaft OUI, ehemals Louisen Kombinaht. Das Interieur hat sich auf den ersten Blick durch die Schaufensterscheibe nicht verändert: Eigenkreationen aus wieder verwerteten Stoffen und Kleidungsstücken füllen die Bügel. In den vorderen Räumen hat Bettina Kletzsch ihr Atelier. Henrike Terheyden, alias Kendike, hat an ihren Arbeitsplatz im hinteren Teil geladen.

Henrike Terheydens Pseudonynm rührt aus Grundschulzeiten her, beruht auf einer verfälschten Aussprache ihres Rufnamens und wird von der Künstlerin bis heute mit dem Gefühl des Willkommen-Seins und gutem Essen in Verbindung gebracht.


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Mine, Mime, Linie

Kendike zeichnet, seit sie denken kann. Ein Bild, ist sie überzeugt, „springt schneller und nachhaltiger ins Gehirn“ als ein Wort. Seine Botschaft ist in ihren Augen direkter und nachhaltiger zugänglich. „So ist es zumindest bei mir.“ Während ihres Studiums der Kulturwissenschaften und Ästhetischen Praxis in Hildesheim hoffte sie auf praktisches Arbeiten im Bereich Zeichnen. Zu ihrem Leidwesen wurde der Bereich 2D damals gestrichen. Kendike blieb dran und schmuggelte sich in die Zeichenkurse der Lehrämtler. Einen Studienjob fand sie im Bühnenbild.  „Da war ich plötzlich schon im 3-dimensionalen Raum“, resümiert sie.

Blick durch die Scheibe in die Ateliergemeinschaft "Oui" auf der Louisenstraße
Blick durch die Scheibe in die Ateliergemeinschaft „Oui“ auf der Louisenstraße
Im Rahmen der Doppelpass-Förderung arbeitete sie mit dem Kollektiv theatrale subversion am Projekttheater Dresden. Die Fördermittel ermöglichen freien Theatermachern die Nutzung der Infrastrukturen und des Equipments von festen Häusern. „Frischer Wind gegen Ausstattung“, fasst Kendike den „Deal“ zusammen. Sie zeichnete für Inszenierungen am Polylux und kreierte gezeichnete Bühnenbildelemente. Das Feld des Theaters ist weit und *übergreifend. Die Produktion terra cognita, die den Postkolonialismus thematisierte, ist ein Beispiel für den politischen Anspruch von Kendikes Arbeit.

Kendike meldet sich zu Bild

Seit 2013 zeichnet Kendike für die Rubrik „Unterm Strich“ des Feuilletons der Berliner Zeitung: Die Seemantix, zwei Seemänner, einer Herzmensch, einer Kopfmensch, stellen die Bedeutung deutscher Wörter dar. Henrike Terheyden klickt durch die Bilder. Zu Beginn schuf sie Collagen ausschließlich mit Stift und Schere – eine zeitaufwendige Angelegenheit. Auf der Straße sammelte sie Plakat- und Papierstücke für ihre mehrschichtigen bildnerischen Kommentare. „Hier, meine Papiere“, sagt sie lachend und öffnet eine Tür des Schreibtischs, hinter der sich Fetzen und Streifen stapeln.

Henrike Terheyden, alias Kendike, in ihrem Atelier
Henrike Terheyden, alias Kendike, in ihrem Atelier
Mittlerweile zeichnet Kendike auch digital an einem Zeichenpad. Das steht momentan zu Hause, wo sie Arbeitsplatz und Kinderstube zeitweise zusammen gelegt hat. Neue Technik, neue Möglichkeiten: Beispielsweise die Mitarbeit an Filmen. „Ich habe mir die Programme in Tutorials selbst beigebracht“, sagt Kendike. Im April wird mit Sealand ein Film auf dem Filmfest Dresden gezeigt, zu dem Kendike das Storyboard zeichnete, nachdem Regisseur Till Giermann sie 2016 angefragt hatte.

Ein Storyboard, erklärt sie, ist „der Teaser für den Teaser vom Teaser.“ Ähnlich einem Comicstrip zeichnet sie eine Abfolge Bildern, die erste Einblicke in Stimmung und Gestaltung des zukünftigen Filmes geben. Sie schafft die erste Visualisierung des Filmes auf seinem Weg als Idee aus dem Kopf des Filmemachers auf die Kinoleinwand und ist damit eine Art Geburtshelferin des bewegten Bildes. „Ich mag das Dynamische, Kraftvolle, die direkte Übertragung der Gefühle beim Storyboard“, sagt Kendike. Der Illustrator Shaun Tan nannte dieses Larvenstadium des Films das „embryonal Vage“ – die Bilder haben in ihrer Rohheit eine eigene künstlerische Sprache einen ganz besonderen Charme.

Eine weitere Aufgabe Kendikes war die Ausgestaltung der Charaktere, die von gebauten, unterarmlangen Puppen, genannt Maquettes, als Modell in den PC übertragen werden und nach dieser Transformation noch der Lebendigkeit entbehren. Für Sealand setzte Kendike mit dem Stift Akzente in den Gesichtern. Effekte, die den Figuren emotionale Nachvollziehbarkeit und Stofflichkeit verleihen.

Ausschnitt aus "Sealand". Bild: Kendike
Ausschnitt aus „Sealand“. Bild: Kendike

Empathie und Wissen erspielen

Eine weitere Richtung, die Henrike Terheyden in Zukunft weiterverfolgen will, ist die Konzeption und Umsetzung von Spielen für Museen. Spiele vermitteln auf anschauliche und nachvollziehbare Art Wissen und beziehen die Gefühlsebene mit ein. Für die Ausstellung „Gegen die Unsichtbarkeit“ im Japanischen Palais, die sich den Biographien von Designerinnen der Deutschen Werkstätten Hellerau zwischen 1898 und 1938 widmete, entwickelte sie gemeinsam mit Lea Heim ein Spiel, bei dem nachvollzogen werden kann, welche Entscheidungen Designerinnen um 1920 treffen mussten um in den gesellschaftlchen Umständen und Kontexten von damals nicht unterzugehen. Ziel des Spiels ist es, durch geschickte Entscheidungen möglichst viele Sichtbarkeitspunkte zu ergattern. „Ein Zonk“, erklärt Kendike, „konnte zum Beispiel eine Hochzeit sein, bei der man seinen Namen verlor und so unterging.“ Am Ende des Spiels nahmen die TeilnehmerInnen bunte Zettel von einer Wand und machten so, Stück für Stück, Porträts der vorgestellten Frauen sichtbar.

Die Ausstellung wandert als nächstes nach Hamburg in das Museum für Kunst und Gewerbe.

Vermittlungs-Spiel für "Gegen die Unsichtbarkeit". Bild: kendike
Vermittlungs-Spiel für „Gegen die Unsichtbarkeit“. Bild: Kendike

Die Liste von Kendikes Aktivitäten ist lang und vielseitig und ließe sich an dieser Stelle noch beliebig ausufernd fortsetzen. „Achso, die Postkarten habe ich ja vergessen zu erwähnen!“, sagt Kendike beim Hinausgeleiten. Worte könnte man auch noch über die Karikaturen verlieren, die gezeichneten Theaterkritiken und die farbigen Skizzen, die noch „einfach so, nebenbei“ entstehen …Aber warum Worte, wenn Kendikes Bilder sprechen können. Hier entlang …

Kendike – Illustration, Visualisierung, Storyboards

"Drei in Orange" von Kendike
„Drei in Orange“ von Kendike

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