Die Martin-Luther-Straße

Die Martin-Luther-Straße hieß erst Martinsstraße - nach einem Schankwirt

Die Martin-Luther-Straße hieß erst Martinsstraße – nach einem Schankwirt

Ein Spaziergang über eine bunte Straße voller Engagement, kommentiert von Martin Luther höchstpersönlich.

Ich stehe gerade mit gezücktem Notizblock vor dem Koch selbst! am Beginn der Martin-Luther-Straße und bin eigentlich etwas lustlos. Schon wieder so eine Tour einsam und allein. Es regnet auch ein bisschen. Schön scheußlich. Da sehe ich gegenüber vor dem Kukulida einen kleinen, dicklichen Typen mit schwarzem Mantel stehen. Was macht der denn da? Hat der etwa einen Hammer in der Hand?! Ich schreite ein. Als er sich verdutzt umdreht, erkenne ich ihn sofort. Es ist nur Martin Luther. „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen.“, murmelt er. Wirkt auch ein bisschen verloren. Ich erzähle ihm von meiner Aufgabe. „Das paßt wie die Faust aufs Auge!“, ruft er fröhlich und schließt sich an.

Das England gilt als abgelegenster, aber authentischster Teil der britischen Inseln

Das England, England gilt als abgelegenster, aber authentischster Teil der britischen Inseln

Die Martin-Luther-Straße verbindet Bautzner und Louisenstraße. Hier versammelt sich einiges, was Rang und Namen hat. Das Büro der Linken, der Stoffwechsel e.V. mit dem Stoffi-Treff, Greenpeace, Kukulida e.V. – doch Martin Luther drängelt Richtung Llyod’s und verlangt nach einem Glas Wein. Ich sträube mich. Es ist noch hell draußen, außerdem habe ich fast noch keine Notizen gemacht. „Für die Toten Wein, für die Lebenden Wasser, das ist eine Vorschrift für Fische“, schimpft Luther und zieht mich hinter sich her. Das Llyod’s leuchtet drinnen wohlig golden. Ich bleibe bei Saft, während Martin zwei Gläser Roten stürzt. Ich bin in Gedanken bei den leerstehenden Geschäften weiter vorn. Der Second Hand Laden too much schloss leider vor nunmehr drei Jahren. In einem anderen Schaufenster grüßen wenigstens eine Wackeldogge und eine Tischtennisplatte – was da wohl drin ist? „Kümmere dich nicht um ungelegte Eier!“, winkt Luther ab und ist schon auf dem Weg nach draußen.

Wilde städtische Vandalismusaktionen werden auf der Lutherstraße nicht gutgeheißen

Wilde Vandalismusaktionen werden auf der Lutherstraße nicht gutgeheißen

Luther steht auf dem 2014 neu gepflasterten Platz und schaut andächtig zu seiner Kirche hinauf. Ich mache derweil noch einmal kehrt. Ein Fenster gibt es, auf das ich mich bei jedem Gang über die Lutherstraße freue. In der Nummer 8 hat Geigenbaumeister Christoph Eulenhaupt seine Werkstatt. Im Vorübergehen lässt sich meist ein Blick erhaschen, wie er das Holz einer Geige poliert oder an Cello-Saiten zupft. Leider sind die Läden heute zu. „Musik ist das beste Labsal eines betrübten Menschen“, würde Luther jetzt sagen. Vor dem Eingang des Marita Personal Yoga steht mit felsenfester Verlässlichkeit eine Umsonstkiste, aus der ich eine kleine Flicken-Ledertasche fische. Von oben winkt schon Luther. „Die ganze Welt ist voller Wunder!“, jauchzt er und deutet Richtung Kirchturm, was ich schon ein bisschen selbstverliebt finde.

Martin-Luther-Straße: Falls jemand fragt: der Eingang zur Hölle befindet sich auf der Lutherstraße

Falls jemand fragt: der Eingang zur Hölle befindet sich auf der Lutherstraße

Aus dem Bottom’s Up kommen ein paar Gäste und strecken sich. „Warum furzet und rülpset ihr nicht? Hat es euch nicht geschmecket?“ kräht Luther und ich muss ihn ein bisschen in die Seite puffen. Der Wein hat ihn ziemlich angeheitert. Sein besonderes Interesse weckt das bunte Haus nebenan. Er schlägt mir unsanft auf die Hand, als ich meine Kamera hebe und weist streng auf ein Schild: No photos. Dieser Luther! Jetzt hat er sogar noch Englisch gelernt. Einen saftigen Schrecken jagt ihm der Eingang zur gegenüberliegenden Tiefgarage ein. Die Beschriftung lässt Böses ahnen und erschrocken entfährt es ihm: „Ich kann und will nichts widerrufen, weil weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu tun!“ Ich tätschle ihm beruhigend den Arm und biete ihm einen Schluck aus dem Flachmann an. Luther nickt beifällig. „Wer Gutes tun will, muß es verschwenderisch tun!“, und nimmt einen langen Zug.

Als Luther das Habibi entdeckt, ist er Feuer und Flamme. „Lustige Abendgesellschaften machen traurige Morgen!“, sage ich mahnend, aber er ist schon im Innern verschwunden.

Martin-Luther-Straße: Blick auf das Bottom's Up

Blick auf das Bottom’s Up

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8 Kommentare zu “Die Martin-Luther-Straße

  1. Andreas
    2. März 2016 at 16:39

    Bei der Lessingstraße wird ein Einblick in Lessings Denken gegeben, Luther dagegen eher als ein sympathischer Tölpel dargestellt, sein Denken wird banalisiert.
    Überdies hätte Luther eine Kirche, auch wenn sie seinen Namen getragen hätte (was ihm ganz fern war; Lutherkirchen gibt es in Deutschland erst seit dem 19. Jahrhundert), nicht als die „seine“ betrachtet. Eine Kirche war für ihn ein Gotteshaus. Also: Erst gut recherchieren, dann schreiben (oder es lassen, denn mit Luther kennt sich Philine ganz offenbar nicht wirklich aus).

    • 2. März 2016 at 17:28

      Aus dem Satz schlussfolgerst Du, dass sich Philine nicht mit Luther auskennt. Respekt, so schnell zum Vorurteil, dass muss Dir erstmal einer nachmachen.

  2. Andreas
    2. März 2016 at 20:53

    „Nicht wirklich aus“, schrieb ich, und dabei muss ich leider bleiben. Luther war Reformator, wollte die Kirche erneuern, Kirche war für ihn ein wichtiges Thema. „Seine“ Kirche hätte er nie gesagt, das widerspräche seinem Verständnis von Kirche vollkommen.

    • 2. März 2016 at 21:04

      Hat er auch nicht. Der Luther im Text ist ne Fiktion im 21. Jahrhundert, der die real existierende Kirche mit seinem Namen ansieht. Also seine Kirche. Ob der reale Luther das gut oder schlecht gefunden hätte, ist an dieser Stelle völlig zweitrangig.

  3. Andreas
    2. März 2016 at 21:50

    Das ist aber sehr weit hergeholt, Anton. Es beginnt schon bei der Beschreibung der Figur, und viele der Zitate gehören zum historischen Luther.

    • 3. März 2016 at 10:06

      Andreas: Nochmal. Es ist völlig zweitrangig, ob Luther seinerzeit die Benennung einer Kirche nach seinem Namen abgelehnt hätte. Philine hat ihn fiktional mitsamt seiner Zitate ins 21. Jahrhundert geholt. Und da steht er nun und sieht, dass es eine Kirche gibt, die seinen Namen trägt, also damit seine Kirche ist, seine Kirche kann doch auch bedeuten, dass es ein Haus ist, dass ihm gewidmet ist.

  4. Ecki
    2. März 2016 at 22:23

    Ich wage den Einwand der Unterscheidung zwischen „Kirche“ als Institution oder Interessengemeinschaft (ecclesia) und „Kirche“ als Gebäude (templum). Leider haben wir im Deutschen eben nur ein Wort für die vielen Bedeutungen von „Kirche“…
    Im Übrigen war Martin Luther dem Leben m.E. durchaus zugewandter, als es dieser Streit erscheinen lässt.

    Was mir eher fehlt im Artikel ist die Historie der Straße: Früher als kleine schmale Martin-Straße, was wahrscheinlich erst zum Gedanken einer Martin-Luther-Kirche an dieser Stelle geführt hat, welches dann wiederum die Umbenennung in M-L-Straße mit sich brachte.
    Ein representatives Gebäude war z.B. das Eckhaus M-L-Pl. 1 (aus dessen Fenster Tag und Nacht das Mädchen so freundlichen lächelt) mit einem unscheinbaren Hinterhaus, welches erst im Zuge der o.g. Umstrukturierung vom Hinterhaus zur Platzfassade M-L-Pl. 3 mutierte. Dies nur als ein Beispiel. Aber vielleicht folgt ja als Nächstes ein Artikel von Philine über den M-L-Platz? Das wäre auch Gelegenheit, sich inhaltlich zu Luther zu äußern.

    • Andreas
      3. März 2016 at 01:15

      @Ecki: Gute Idee, aber „Templum“ wäre Haus Gottes, also nicht die Kirche eines Menschen (eben auch nicht „Luthers“ Kirche; laut Philine). Ecclesia ist nach evangelischem und kath. Verständnis die „Gemeinschaft der Gläubigen“ oder nach Luther „Geschöpf des Wortes Gottes“, nach Bonhoeffer „Jesus Christus als Gemeinde existierend“ (auch mit sozialer Verantwortung), also passt diesbezüglich Kirche als Besitz eines bestimmten Menschen auch nicht. Juristisch ist das Gebäude in der Regel Eigentum der Gemeinde oder der Landeskirche.
      Luther war schon ein „Lebemann“, aber doch wohl nicht so tölpelhaft wie hier.

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