Drama des Stillen Örtchens

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Toiletten-Schlange

Zu sämtlichen Großveranstaltungen in unserer schönen Republik kann man ein sonderbar anmutendes Phänomen beobachten: Tausendfüßerbanden versammeln sich mit ihren zappeligen Beinen vor Bauwagen-ähnlichen Gebilden. Stampfende Beine, kreisende Beine, verknotete und welche, die plötzlich verschwinden. Die heißen Tage der letzten Woche und der Regenschauer am Sonnabend, ließen die Kreaturen prächtig gedeihen.

Besonders in den Abendstunden kann man sie in der ganzen Neustadt beobachten. Scharenweise strömen sie aus allen Richtungen. Weg von den Bierwägen, weg von den Bühnen – hin zu dem erwähnten Örtchen. Es scheint als wären sie darauf programmiert worden. Mindestens zwanzig Einzelglieder haben die überwiegend weiblichen Tausendfüßer. Die männlichen Exemplare agieren in kürzeren Formationen, sie planen die Übernahme der Bunten Republik aus dem Hinterhalt: Sie lungern vor Büschen und Bauzäunen, nur die obersten Funktionäre reihen sich in die Schlange vor die Wägen neben ihren weiblichen Artgenossen. Sprechende, nein, hysterisch schreiende Tausendfüßer-Mutationen fressen sich unterdessen in den Zwanziger-Reihen fast gegenseitig auf. Die Toiletten-Invasion ist im vollen Gange.

Auf höfliches Nachfragen, was es mit den mobilen Hütten auf sich hat, reagieren die Münder des Plagegeistes gereizt. Ein nervöses Zucken in den Gliedern verrät, dass es sich um eine äußerst dringliche Angelegenheit handeln muss. Schließlich schreit Inken – extra aus dem Schwarzwald angereist, um ihre Solidarität zu zeigen – aus Leibeskräften: „Ich wollte doch einfach nur meiner Blase Luft verschaffen!“. Wimmernd steht Inken in der Schlange, Tränen glitzern in ihren Augen, es geht nur schleppend voran. Inken erzählt mit zittriger Stimme, dass der Wachmann am anderen Eingang sie nicht vorbei gelassen hätte. „Du kommst hier net rein, dir fehlt das Fühlorgan“, habe der Aufpasser ihr vor die Füße geschleudert. „Befehl von ganz oben!“, waren seine letzten Worte.

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Die Empörung setzt sich fort: Neben dem Häuschen ziert eine orange Rinne das Bauzaun-Panorama, vier der männlichen Spezies befreien ihr Fühlorgan ungeniert von ihrer wärmenden Ummantelung und feuern ein strahlförmiges Gewitter vor sich ab. Aus der Reihe vor dem Blechhaus hört man Schnaufen und Stöhnen, Krallen werden ausgefahren. Der Wachhund am anderen Eingang macht seinen Job sogar so gut, dass sich nicht mal mehr die Fühlorganler an ihm vorbei trauen und lieber zur Rinne flüchten. „Ich mach keine halben Sachen“, so sein Statement.

Die Qualen des weiblichen Füßers finden kein Ende, mehrere scheinen Wehen zu bekommen. Erlösung für Inken: Nach 30 Minuten hat sie sich endlich an die Spitze durchgekämpft, 50 Cent muss sie in die Soli-Kasse zahlen. Andere protestieren lautstark weiter:“Freiheit für die Notdurft!“, lautet eine Parole. „Immer diese Getränke-Alkoholiker, selbst schuld!“, murmelt der Türsteher in seinen nicht-vorhandenen Bart. „Ich bin in den Lustgarten gekommen, um Paarungsbereitschaft zu zeigen und nun sind wir mitten im Krieg!“, schreit ein Kopf des Füßers dem Bartlosen entgegen. „Eine einzige Hütte im gesamten Partyareal für tausend Füße wie uns? – Nicht mit uns!“, fügt Heike – eine besonders Mutige der Truppe – hinzu. Die Revolution beginnt. Heike reißt sich von der Schlange los, holt tief Luft und hofft auf Nachahmer. Der feministische Füßergeist schwebt über den Köpfen, schließlich strömt er in die Beine der Wartenden. Mit Heike an der Spitze beginnt ein Teil sich von der Schlange abzuspalten. Im Gleichschritt marschieren sie selbstbewusst im Fünfer-Kollektiv zu den orangefarbenen Rinnen, die eigentlich für die Y-Chromosom-Füßer bestimmt sind. Nebeneinander gereiht, gibt Heike schließlich das Kommando: „Puller frei!“ Rexflexartig greifen die Hände der Revolutionärinnen an ihre Beinschoner, mit einem Ruck liegt alles Überflüssige am Boden. In sichtlicher Kampfposition und mit entblößten Unterleibern legen sie los: Das Urin-Gewitter übertönt die Bassbox vor der Bühne.

Zufrieden feiern die Pinkel-Protestlerinnen ihren Sieg. Der Wachmann verfällt in eine Schockstarre. Sieg auf allen Ebenen! Der Tausendfüßer vor dem Frauen-Eingang spaltet sich weiter: Gut die Hälfte hüpft mit überkreuzten Beinen zum rechten Treppenaufgang und an dem nun harmlosen Aufpasser vorbei. Die Unruhestifterinnen baden munter weiter in ihrer Rinne. Plötzlich kommen fünf männliche Füßer im Hipster-Look auf die weiblichen Geschöpfe zu gelaufen. Ihre Rayban-Sonnenbrillen verschleiern, dass es bereits dunkel geworden ist. Mit rausgestreckter Brust, wagt der erste den Anfang: „Heike, ich sah deinen Mut.“ Es war Liebe auf den ersten Blick. Entschlossen werfen nun auch die anderen ihre Jutebeutel zu Boden, um ihre Liebsten aus der Rinne zu befreien. Die Tausendfüßer-Plage löst sich in Luft auf. Die Neustadt ist gerettet. Der Lustgarten wieder ein Paarungsparadies.

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7 Kommentare zu “Drama des Stillen Örtchens

  1. Danke an die zwei Herren die siegessicher in meinem Haus, am heutigen Sonntagabend, im Treppenhaus erste Etage mal vergnügt ihre Notdurft verrichtet haben. Super BÄH.BÄH.BÄH.

    Himmel geht’s noch.

  2. Auch dies ekelhafte überall hinpissen der Typen heutzutage!! Seid Ihr HUNDE???? Dies sogenannte „Fest“ ist bald nur noch ekelhaft!!! Es gehört nicht mehr den Neustädtern, sondern nur noch von außen hereinkommenden Idioten, die hier im wahrsten Sinne des Wortes die „Sau rauslassen“!

  3. Auf den Spielplätzen auf der Talstraße roch es (Sonntag) auf und vor dem Spielplatz nach Bahnhofstoilette übelster Sorte. Echt assi!

  4. Es müssen ganz klar mehr WC-Wagen wie auf der Kamenzer her! Auch die Lösung im Lustgarten mit den Rohren war eine gute Sache – warum gibts davon nicht mehr? Ich weis es ist ein bisschen unfair gegenüber den Damen, aber mehr solche Einrichtungen könnten das Duftproblem nach/wärend der BRN sicher deutlich abmildern. Hat man erstmal paar Bierchen drin und muss mehr als einmal am Abend hab ich auch verständnis dafür das man nicht jedesmal 50cent zahlen will…

  5. die Talstraße war dieses Jahr nicht so dolle! warum muss da ein großer Klohwagen auf der Kinderstraße im – mitten auf dem Weg stehen??? :-(

  6. als ich freitagmittag den Riesen-Clowagen vor unserem Haus auf der sogenannten „Spielstraße“ sah, war ich im wahrsten Wortsinne „angepisst“. Das kommt dabei heraus, wenn man die Koordination dem Ordnungsamt überlässt. Da fehlt jegliche Sensibilität für den richtigen Ort des „Örtchens“…und ist symbolhaft für den gesamten Umgang mit der BRN…fast scheint es, als möchte man es auf diese Weise kaputtmachen. Diese übertriebenen Reglements – auch was die Anmeldung und ihre Kosten betrifft – sind einfach nur abturnend, überhaupt noch was zu machen, da man immer damit rechnen muss, Bussgelder für Nichtigkeiten aufgebrummt zu bekommen…was jede Spontanäität blockiert…abgesehen von den anderen „Randerscheinungen“ wie Kommerz, Bassüberlasung und Verblödung auf den überfüllten Straßen…Archaik und Flair sind abhanden gekommen…auch eine Folge von Gentrifizierungen…

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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