Von einem traurigen Auto und kühnen Visionen

Wenn Autos Gefühle hätten, würde er sich vermutlich ziemlich langweilen. Er – das ist ein kleiner, einst vermutlich knallroter Renault. Und er steht mutterseelenallein auf einem verfallenen Grundstück. Hier in einem  Hinterhof auf der Alaunstraße scheint die Zeit stehen geblieben. Wild wuchern Büsche und kleine Bäume durch das Mauerwerk eines verfallenden Fabrik-Gebäudes.

Der kleine Renault ist umgeben von alten Reifen, defekten Kühlschränken und verrostetem Werkzeug, ein trostloses Bild. Rücksichtslose Menschen müssen ihn hier vor ein paar Jahren abgestellt haben, die schmale Zufahrt ist inzwischen zugewachsen, das schützende Wellblechdach ist auch schon undicht. Falls irgendwann irgendwer dieses Auto mal zum Schrottplatz bringen will, müsste er mit schwerem Gerät Hecken und Büsche roden, und einen Weg bahnen. Wahrscheinlich würde dann auch das alte Hinterhaus abgerissen. Ein Wunder, dass es überhaupt noch steht, denn hinter der angelehnten Tür liegt nicht nur jede Menge Müll, auch im Innern des Hauses wachsen schon kleine Bäumchen. Die Mauern sind schon gefährlich verformt.

Keine zwei Meter weiter tobt das fröhliche Neustädter Leben. Durch den Kunsthof ziehen Touristen und fotografieren die hübsche Architektur. Nur mit Mühe und auf Zehenspitzen kann man von dort den Schandfleck entdecken. Das Vorderhaus scheint zumindest teilweise noch bewohnt. Ein klares Zeichen dafür ist das Licht in den Fenstern. Das Seitengebäude ist mit seiner bunt bemalten Wand eine hübsche Begrenzung des Hofes und Biergartens vor dem El Perro Borracho. Ob die Gäste dieses spanischen Restaurants von dem nahen Verfall überhaupt etwas mitbekommen?

In kühnen Visionen stelle ich mir vor, wie das Grundstück zu beleben sei. Zwei Durchbrüche zum Kunsthof, ein paar pfiffige Läden in die Untergeschosse, vielleicht noch ein kleines Café, die Mieter würden sicher nicht lange auf sich warten lassen. Nebenan ist schließlich auch fast alles vermietet. Vielleicht könnte auch der kleine, rote Renault noch einen lustigen Lebensabend genießen. Als Kunstobjekt mit Springbrunnen oder als Attraktion im Biergarten, die Sitze sehen schließlich noch ganz gut aus.


Anmerkung 2006: Der Hof und die Häuser sind inzwischen saniert und das Auto entsorgt. Das alte Hinterhaus durfte stehen bleiben. Die Durchbrüche zum Kunsthof hat es leider nicht gegeben.
Anmerkung 2010: Aus dem El Perro ist inzwischen die Lila Soße geworden


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1 Kommentar zu “Von einem traurigen Auto und kühnen Visionen

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