Kellnerische Überraschung im Raskolnikoff

1. Mai – Kampftag der Arbeiterklasse und in diesem Jahr auch Trinktag für Heranwachsende. Meine Erfahrungen mit diesem Datum sind leider bescheiden (kann man hier nachlesen). Doch diesmal ist das Wetter einfach zu schön, ich muss raus. Also schnappe ich mir ruckzuck ein gut aussehende Begleitung und pilgere ins Raskolnikoff. Der Garten hat zwar in den vergangenen Jahren mit dem Oosteinde und dem Biergarten hinterm Oscar (jetzt Stilbruch) harte Konkurrenz bekommen, ist für mich aber schon aus traditionellen Gründen immer noch die Nummer Eins zum Draußen sitzen. Am liebsten lausche ich hier bei Espresso und Frühstücksei den Klängen des immersprudelnden Brunnens. Schade übrigens, dass die kleinen Wasserrädchen verschwunden sind.

Für Frühstück ist es heute schon etwas zu spät. Kaum sitzen wir, drängelt sich, freundlich fragend, ein weiteres Pärchen an den Tisch. Leichtes Entsetzen macht sich breit, als ich den Kellner erkenne, der war doch schon vor zig Jahren so langsam … und jetzt ist der Garten brechend voll … die fremde junge Dame raunt ihrem Begleiter etwas zu, beide kichern und ich höre es heraus, auch bei ihnen dreht es sich um den Kellner, der sich netterweise mit einem Tiger-Beer-Shirt geschmückt hat, was uns Anlass gibt, über die sächsische Aussprache zu lästern: „So een Diescher, den grischsde nie zu Gesichde“. Innerhalb weniger Sekunden sind wir alle vier herrlich am Lästern.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, steht er bei uns am Tisch, notiert die Bestellung und verschwindet auf samtenen Pfoten wieder. Währenddessen sind wir über das Thema schlechter Service bei der Scheune angekommen, da kann ich ja so einiges berichten. Schließlich gelangen wir zu den gute, alten Zeiten, als unsereins noch per Leiter über das Damenklo in den Klub eingestiegen ist, um die horrenden Eintrittspreise von geschätzten fünf Mark für ein Live-Konzert zu sparen. Naja, damals wars.

Inzwischen sind Getränke und Speisen da, alles ging fix, nichts zu beanstanden. Staunend sehen wir uns an. Von wegen und: Manche Dinge ändern sich nie. Wir sind allesamt begeistert vom guten Service im Lokal. Über den vergessenen Milchkaffee, der nach einer kleinen Erinnerung doch noch kam, wollen wir mal den Mantel der Gnade hängen, immerhin war der Garten wirklich rappelvoll.

Und noch mit einem zweiten Vorurteil kann ich aufräumen, nicht alle Jungmänner sind an Himmelfahrt betrunken. Das ist schon fast zu schön, um wahr zu sein.


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Anmerkung 2014: Im Zuge der Neugestaltung des Viertels zwischen Böhmischer und Bautzner Straße ist der schöne Biergarten des Stilbruch weggefallen.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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