Wenn Körper Geschichten erzählen

Leiden für die Schönheit
Leiden für die Schönheit – Foto: unkorrekt-dresden.de
„Vorfreude“ begleitete meine Straßenbahnfahrten in den letzten Wochen: Täglich fuhr ich an einer leicht bekleideten bunten Frau vorbei. Ihr Blick war fordernd: „Wir sehen uns bei der Tattoo Convention 2014 im Eventwerk Dresden“, lautete ihre Botschaft. „Widerstand zwecklos“, ergänzte ich insgeheim. Nun ist es endlich soweit: „Ich packe meinen Jutebeutel und nehme mit: Geld, Kamera, Geld…ach ja und Geld!“ Der Petticoat sitzt; ich werfe mir mein 50er Jahre Pin-Up-Kleidchen über und stürze mich erwartungsvoll in das Wochenendabenteuer „Körperkunst“.

Um elf Uhr öffnete am Sonnabend einer der noch verbliebenen Partytempel im Industriegelände seine Türen. Ein leises Summen der Maschinen beschallt im Wechselspiel mit musikalischen Klängen der Kategorie Pop-Punk die farbenfrohen Besucher in der Warteschlange. „Tunnelohren“ treffen hier auf Haarstyles à la „Enie van de Meiklokjes“; Bandshirts und Bandanas gehören zum guten Ton. Schließlich verlassen die ersten acht Euro für das Studententicket meine Geldbörse. Ich lasse meinen Blick durch die riesige Halle schweifen, um mir einen Überblick zu verschaffen: „Rund 140 Tätowierer“ und „über 30 Händler aus aller Welt“ – heißt es in dem Programmheft – haben ihre Zelte aufgeschlagen, um ihren Kunden mit viel Leidenschaft Schmerzen zu bereiten oder sie im Oldschool-Look neu einzukleiden. Auch die Neustädter Künstlerszene ist präsent: das Bunte Wunder aus dem Hechtviertel, der Stichcode und die Inkerei.

Schmerzempfindlichere können auch einfach zu tätowierten Schuhen greifen ... Foto: unkorrekt-dresden.de
Schmerzempfindlichere können auch einfach zu tätowierten Schuhen greifen … Foto: unkorrekt-dresden.de
Für das, was ich heute noch vorhabe, benötigt mein Körper eine solide Grundlage. Ich habe die Wahl zwischen „Pizza Funghi“ und „Pommes“. Doch davon lasse ich mich nicht beirren – ein kleiner Cupcake aus dem Hause von Miss Fein macht mich wieder glücklich. Bevor ich mich meiner Mission widme, ereilt mich das Shopping-Fieber. Ich mache mich auf die Suche nach dem „Perfect Style for the Perfect Moment“ am Stand des Neustädter Rockabella Modegeschäfts Pretty UP. Die strahlenden Blicke der Verkäuferin treffen auf mein gepunktetes Kleidchen; ein grün-weiß-gepunktetes Haarband wandert in meinen Stoffbeutel.

In der oberen Etage angekommen, werde ich von halb-nackten Körpern begrüßt. Die meisten lächeln noch und bei anderen scheinen die Mundwinkel Urlaub zu haben. Fasziniert verweile ich ein paar Minuten an einer Vitrine mit außergewöhnlichen Schmuckstücken für geweitete Ohrlöcher und komme mit den Mitarbeitern des Piercingschmuck-Ladens Royal Ears ins Gespräch. Neuester Trend: Holz-Plugs mit eingesetzten Uhrwerken. Außerdem kann man nun endlich echtes Blut – sein eigenes, das seines Haustieres oder eines anderen lieben Angehörigen – als ausgefallenes Accessoire in seinen Ohrlöchern tragen.

Nun wird es ernst. Kontrabass-Klänge aus Richtung Bühne der unteren Etage untermalen meine Gedanken. Wem werde ich meinen Körper für das Event-Wochenende anvertrauen? Ich schaue in die Arbeitsmappen, Surf-Ink-Tattoo aus Kamen überzeugt. Der „Trash-Style“ und die „Black & White“-Motive haben es mir angetan. Mein neuer Freund heißt Jorge und kommt aus Spanien. Mission für heute: Der Schriftzug meiner Lieblingsband auf meinem Unterarm benötigt eine Auffrischung. In nicht mal 30 Minuten erscheinen die Wörter „Close Your Eyes“ wieder in einem frischen Schwarz. Doch so leicht kommt Jorge mir nicht davon: Ich vereinbare einen zweiten Termin für ein Cover Up einer sogenannten „Jugendsünde“ auf meinem Fuß. Doch dazu später mehr.


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Den restlichen Tag verbringe ich vor der Bühne oder an der Bar. Mit einer Mischung musikalischer Darbietungen werde ich unterhalten: Rosemary`s Triplets starten mit einer schwungvollen Rockabilly-Performance in den Tag. Schließlich gab es vom Hip Hop-Trio DVO aus Berlin – um es mit den Worten der Jungs auszudrücken – „ordentlich eins auf die Fresse“ bevor die Phantom Stars mit Coversongs von Iggy Pop, Queens of the Stoneage und System of a Down die Bühne rockten. Eine BMX-Performance sowie die Freak-Show „The Squidling Brothers Circus Sideshow“ sorgen für Abwechslung im bunten Treiben der schmerzliebenden Masse. Nackte Tatsachen und skurrile Stunts scheinen die Spezialität der Squidling Brothers zu sein: Spritzen durchbohren Wangen, Klammern straffen das Gesicht des Künstlers, Füße balancieren auf Macheten; für ein paar Euro kommt dem Zuschauer die Ehre zuteil, sich mit einem Tacker an den Genitalien des Performenden auszutoben.

Ja! Es tut weh.
Ja! Es tut weh.

Nic Ole von Energy Berlin und Martin Kesici von Star FM moderieren das Geschehen. Die anschließende Preisverleihung in den Kategorien „Best of Colour“, „Large“, „Realistic“, „Gurke“ und „Saturday“ bringen den Abend zu seinem Höhepunkt. Vor einem stimmungsvollen Licht und einer fachkundigen Jury posieren die Contest-Teilnehmer in der Hoffnung, den Sieg für das schönste Tattoo – oder im Falle „Gurke“ für das furchtbarste – nach Hause zu tragen. Die Halle leert sich mehr und mehr: Bis zur Aftershow-Party mit DJane Kate Kaputto halten die Meisten nicht mehr durch. Auch ich beschließe nach einem letzten Bier das Eventwerk mit meinen Freunden zu verlassen. Morgen wird ein anstrengender und schmerzhafter Tag. In diesem Sinne: Gute Nacht!

Kirsche-trifft-auf-nichts-sagende-blaue-Sterne
Kirsche-trifft-auf-nichts-sagende-blaue-Sterne
Von der Jugendsünde ist nichts mehr zu sehen.
Von der Jugendsünde ist nichts mehr zu sehen.
Déjà-vu: Ich befinde mich in der gleichen Schlange wie gestern – gleiche Schlange vor gleicher Kulisse und ähnlichen Menschen mit gleichem Wunsch: „bunter“ werden. Eventwerk Tag zwei steht unter dem Motto: Adieu, liebe Jugendsünde mit dem Namen „Kirsche-trifft-auf-nichts-sagende-blaue-Sterne“. Jorge wartet schon auf mich. Hin und her überlegen wir gemeinsam, wie wir meinen kleinen Unfall von damals in Kunst verwandeln können. Schließlich schaut er mich strahlend an: „Tinte und Feder, die zusammen Geschichten schreiben.“ Die Geschichten meines Lebens. Jorge zeichnet schon mal los, während ich mir noch einen Kaffee hole. Zweieinhalb Stunden sitze ich schließlich mit ausgestreckten Bein auf meiner Liege; nach und nach lässt mein Tätowierer ein neues Kunstwerk entstehen. Den ganzen Zeitraum über ernte ich mitleidige Blicke der Vorbeigehenden – ich muss zugeben: Die Schmerzen lassen mich gelegentlich zusammenzucken. Das Ergebnis im Vorher-Nachher-Vergleich ist beeindruckend. Ich bin überglücklich mit der Arbeit meines Künstlers – Fazit: Mission „Tattoo Convention 2014“ erfolgreich abgeschlossen.

Oft fragen Kritiker des beliebten Körperkults, was Menschen dazu veranlasst, sich freiwilligen Schmerzen auszusetzen. Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich sage: Die dauerhaften Körperverzierungen sind eine Art, Gefühle auszudrücken und ihnen eine Gestalt zu verleihen. Geschichten werden zur Kunst am eigenen Körper. Der Schmerz vergeht, die Geschichte bleibt. Tattoo-Convention, wir sehen uns im nächsten Jahr.

Neustadt-Geflüster-Reporterin ganz dicht am Geschehen. Foto: unkorrekt-dresden.de
Neustadt-Geflüster-Reporterin ganz dicht am Geschehen. Foto: unkorrekt-dresden.de


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6 Kommentare zu “Wenn Körper Geschichten erzählen

  1. @ e-haller
    ok, ich sag es direkt, die Lisa gibt sich Mühe, aber sie kann es einfasch nicht gut genug.
    Es klappt ja nicht mal mit nem Imbißbeitrag ordentlich.
    Ali

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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