Todesangst im Hausflur

Ein greller Strahl blendet mich. „Halt! Stehenbleiben!“

Die Stimme ist scharf. Ich taumele, kann mich an der Wand festhalten.

Der Mann senkt die Taschenlampe und als ich wieder etwas sehen kann, blicke ich direkt in den Lauf einer Pistole.

Augenblicklich bin ich nüchtern. Wo bin ich? Falscher Hauseingang? Komme ich hier heil wieder raus?

Die Königsbrücker Anfang der 1990er Jahre
Die Königsbrücker Anfang der 1990er Jahre
Wir schreiben das Jahr 1991, es ist kurz vor Weihnachten, ich hatte eine kleine Tour unternommen und dabei fast alle Szenekneipen gestreift: Tivoli, Planwirtschaft, Pinta – im Schlagloch* auf der Kamenzer Straße bin ich dann ordentlich versackt. Bei etlichen Bieren und Selbstgedrehten haben wir über die ausstehende Weltrevolution und die Vorteile des Anarchismus diskutiert.


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Als gegen zwei die Zungen zunehmend schwerer wurden und uns der Diensthabende endgültig rausgeschmissen hatte, trat ich den Heimweg an. Damals wohnte ich auf der Otto-Buchwitz-Straße*, Nummer 64. Mit Freunden war ich da vor Kurzem eingezogen, ohne Mietvertrag – natürlich.

Auf dem weiten Weg bedauerte ich nun, dass ich aus Modegründen mal wieder nur die dünne Lederjacke anhatte, von wegen Alkohol wärmt. So war ich dann froh, dass ich endlich die Türklinke gefunden hatte und durch das Dunkel des Treppenhauses tappern konnte. Die Beleuchtung war natürlich mal wieder ausgefallen.

Aber wenn man keine Miete zahlt, kann man sich auch bei Niemandem beschweren.

Und nun das. Der Typ vor mir sieht kräftig aus. Die Pistole ist immer noch auf mich gerichtet. Aber ich bin im richtigen Treppenhaus, das ist jetzt klar.

„Was wollen Sie hier?“ er bellt eher, als das er redet.

Ich bin unsicher, überwacht die KWV* jetzt das Haus? Muss ich mir eine neue Bleibe suchen? Während ich noch grübele, scheint ihm schon ein Licht aufgegangen: „Sie wohnen wohl hier?“

„Ähm, ja“ ich stammele, obwohl die Zunge gar nicht mehr schwer ist und ich gefühlt nie nüchterner war. Er nimmt die Waffe runter. „Gehen Sie nur hoch, ich leuchte Ihnen“.

Es stellt sich raus, dass er als Wachmann nur für den im Erdgeschoss befindlichen Pelzladen verantwortlich ist. Der sei in den vergangenen Wochen dreimal ausgeraubt worden, so dass er nun aufpassen müsse. Oben in der Wohnung angekommen, mache ich mir erstmal ein Bier auf und nehme mir ganz fest vor, in den nächsten Tagen die Hausbeleuchtung zu reparieren.

Der Wachmann wurde ein paar Tage später übrigens wieder abgezogen und der Pelzladen hat danach auch nicht mehr lange durchgehalten.

Erläuterungen

    * Die Otto-Buchwitz-Straße wurde im November 1991 in Königsbrücker Straße umbenannt, so hieß sie schon bis 1964, wir Bewohner haben uns mit dem neuen (alten) Namen nicht ganz so schnell angefreundet. Das Haus in dem wir wohnten, nannten wir nur kurz OB64.
    * KWV so wurde die Kommunale Wohnungsverwaltung abgekürzt, die den Großteil der Dresdner Wohnungen kontrollierte.
    * Schlagloch nannte sich der alternative Infoladen im Hinterhof der Kamenzer Straße 17

War früher alles besser?

  • Als kleine Erinnerungsstütze an die frühen 1990er Jahre werde ich in loser Folge ein paar Geschichten über die wilde Zeit von damals veröffentlichen.
  • Alle Geschichten unter #Früher-war-alles-besser? oder in den Büchern „Anton auf der Louise“ und „Anton und der Pistolenmann“

1995 war das Haus schon saniert
1995 war das Haus schon saniert

3 Kommentare zu “Todesangst im Hausflur

  1. und ich wollte mal aus Verzweiflung (wei wir sonst nicht vom Dorf rausgekommen wären) illegal in ne Neustädter Wohnung ziehen

    :-p

    gut das wir den legalen Weg genommen haben :lol:

    grussi……

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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