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Hollack´s Etablissement

Julius Hermann Hollack, seines Zeichens der Restaurateur1 des Etablissement „Eiskeller“ auf der Königsbrücker Straße 942 und sein Bruder und Teilhaber Johann Leberecht Bruno erwarteten an diesem milden Frühsommertag des Jahres 1883 vor dem Eingang die Ehrengäste zur Besichtigung des gerade fertig gestellten Anbaus.

Hollack's Konzert- und Ballsaal - Postkarte von 1928
Hollack’s Konzert- und Ballsaal – Postkarte von 1928

Julius Hermann entnahm einer Dose eine Prise Schnupftabak, stopfte ihn in die Nase und zog ihn geräuschvoll hoch. Ob der Geräusche reagierte sein Brüder missbilligend und verdrehte die Augen, als Julius mit einem Niesanfall den inhalierten Tabak aus der Nase im bereitgehaltenen Taschentuch auffing. Dieser grinste nur.

Die Gäste der Vorpremiere

Denn schon kamen die ersten Gäste, meistens Geschäftsleute aus der Nachbarschaft3. Darunter Viehhändler Gustav Ockert, ohne Schweine, dafür mit Gattin. Hinterher trippelte Amtsrichter Dr. Rippold mit seiner erwachsenen Tochter und dem angehenden Schwiegersohn Oberstabsarzt Dr. med. Graf heran.

„Herr Amtsrichter“, sprach ihn Johann Hollack an, „ich hörte, dass Sie demnächst an das neue Reichsgericht nach Leipzig berufen werden.“

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„Oh ja“, entgegnete dieser, „ich war überrascht und hoch erfreut. Vor einigen Wochen ist dort das Gelände für das künftige Gebäude im ehemaligen botanischen Garten bereitgestellt worden. Bald beginnen die Bauarbeiten. Und bald heißt es für mich Abschiednehmen aus meinem Dresden.“

„Ich hoffe doch, dass Sie diesen Abschied in unserem Etablissement feiern werden.“ Dem stimmte der Amtsrichter lachend zu.

Von Nachbarn bis Presse

Inzwischen wurde die Runde mit Fleischermeister Gäbler, Schuhmachermeister Heinze, Stadtrat Klepperlein, Oberstleutnant a.D. Franz von Treuenfels, Postdirektor von Schweinitz, dem Landschaftsmaler Gottfried Julius Hahn und deren Gattinnen komplettiert. Außer dem Maler. Der kam unbeweibt. Von ihm war bekannt, dass er es gern in schlüpfrigen Kneipen im Umfeld der Rähnitzgasse treiben soll.

Aber als Kanarienvogel war er ein guter Magnet für die Presse und in Gesellschaften gern gesehen. Und die Presse kam reichlich, darunter die Chefredakteure der Dresdner Nachrichten und des Calculator sowie der Lokalredakteur von der Sächsischen Dorfzeitung. Das war das Werk von Johann Leberecht Hollack. Seiner Meinung nach gehörten Werbung und besonders die Presse zum Erfolg einer Einrichtung.

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Schnellen Schrittes ging Julius Hermann voran durch die Gaststube in den hinteren Anbau. Die Gattin des Viehhändlers kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Jede Drehung ihres Kopfes wurde von Ahhs und Ohhs begleitet. Hinein ging es in den großen Konzert- und Ballsaal, indem bis zu 400 Personen Platz finden konnten.4

Der Calculator Nr. 546 von 1883
Der Calculator Nr. 546 von 1883

Führung durch den Neubau

Der jüngere Hollack-Bruder betonte, dass die Bauzeit nur knapp zwei Jahre betragen habe. „Gute Planung der Abläufe der Gewerke und die günstigen Käufe der Baustoffe und günstige Löhne waren das Geheimnis. Alle hielten sich an die Kostenvereinbarungen.“ Zudem war der neue Anbau unterkellert mit Lagerräumen, einem Eiskeller zur Aufbewahrung der vielen Flaschen-Biersorten5 und als Attraktion eine Kegelbahn.

In der linken Seite des Saales öffnete sich ein breiter Durchgang in den langen Biertunnel. Dieser mit einem, merkwürdigerweise, Wein- und nicht zu erwartetem Hopfenerntezug als Fries und mit Trinksprüchen bemalt war. Der Kunstmaler Hahn war angenehm überrascht, mit welcher Farbigkeit und Lebendigkeit sein Kollege Friedrich Weber diesen Tunnel gestaltete.

Gemütlichkeit bei Kartoffelsuppe und Bier

Zu aller Überraschung war an der Seite des Tunnels ein kleines Buffet aufgebaut. Hier präsentierte sich die Küche des Hauses. Maler Gottfried Julius Hahn hatte schon am Eingang zum Biertunnel die Duftschwaden eines wohlgewürzten Mahles gerochen und hatte keine Lust mehr, den langatmigen Ausführungen vom Hausherrn über Bau, Statik und Architektur zu folgen. Doch dessen Bruder erwischte ihm am Rockzipfel und rief ihn zur Ordnung. Aber dann war es so weit. Julius Hollack bat seine Gäste zu Tisch. Jeder bekam einen Teller Kartoffelsuppe6 mit Schweinefleisch und eine Scheibe frisches Brot. Dazu gab es für alle ein gut gekühltes Bier oder eine Limonade. Einige sahen sich im Keller um und staunten über die in die Tausende gehenden Bierflaschen.

Auf Gewinn aus

Die Gäste, die im Handel tätig waren, konnten dadurch einschätzen, dass sich die Gebrüder Hollack ein sehr gewinnträchtiges Geschäft aufgebaut hatten. Über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus war ihr Malzextrakt-Gesundheitsbier bekannt. Dessen hoher Extrakt- und niedriger Alkoholanteil machten dieses Bier zu einem nährenden gesunden Getränk, so der Restaurateur Julius Hermann Hollack. Auch sein deutsches Porter fand reichliche Abnehmer.

Die Preise waren trotzdem nicht zu hoch. Bei Lieferung ab Dresden bekam man sechs Flaschen7 mit Bügelverschluss für 2,40 Mark ( 1 Flasche = 40 Pfennige)8 und das Dutzend für 4,80 Mark. Auch englisches Porter und Ale hatten sie hier im Sortiment. Und zudem erwies sich die nicht teure Küche, neben der hier servierten Kartoffelsuppe als weiteres Zugpferd.

Damit erhofften sich die Gebrüder Hollack mit dieser gastronomischen Vielfalt gute Geschäfte sommers wie winters in der Umgebung der Königsbrücker Straße, des Albertplatzes und der Gegend in Richtung Neustädter Bahnhof und in der Nachbarschaft der von Touristen geprägten Dresdner Alt- und Inneren Neustadt.

Anmerkungen des Autors

1 alte Bezeichnung für Schankwirt, Gastwirt; aus dem Französischen
2 heute Königsbrücker straße 10
3 Die hier zur Illustration der fiktionalen Geschichte verwendeten Namen und Berufe sind dem Adressbuch der Stadt Dresden von 1883 entnommen.
4 aus Calculator Nr. 546 von 1883
5 Flaschenbiere gab es zum Zeitpunkt 1883 noch recht selten.
6 siehe „Europäische Geschichte online“ von Günter Hirschfelder u.a. vom 26.6.2013, Abschnitt Essen und Trinken
7 Über das Maß der Bierflaschen (1 Liter, ½ Liter, ¼ Liter oder 0,33 Liter) in Hollack´s Etablissement gab es keine Hinweise. Nach Suchen im Internet könnte es sich um 1 Liter-Flaschen handeln, wenn man den hohen Preis berücksichtigt.
8 In Euro umgerechnet sind das 3,40 €; aus Deutsche Bundesbank, Kaufkraftäquivalente historische Beträge in deutschen Währungen, Stand Januar 2024


Unter der Rubrik “Vor 100 Jahren” veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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