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Dresdens erster Fernbahnhof, Teil 4

Wo es dampft, zischt und rumort, da ist es nicht immer geheuer. Da sind des Menschen Geist und Gewalt und die Ausgeburten seiner Fantasien am Werk. Das Ergebnis heißt dann technischer Fortschritt, und der ist nicht immer beherrschbar.

Alter Leipziger Bahnhof
Alter Leipziger Bahnhof

Gleich zu Beginn der regelmäßigen Fahrten zwischen Leipzig und Dresden ging beim Wassertanken in Weintraube an einer Lok eine Wasserleitung kaputt, wie in Teil 1 dieser Reihe geschildert wurde. Die Folge: die erste dokumentierte Verspätung.

Aber nicht nur technische Schäden beeinflussten die Fahrten, sondern auch menschliche Verhaltensweisen und (für an höhere Mächte Glaubende) die römische Göttin des Schicksals und des Glücks. Davon soll in drei Geschichten die Rede sein.

War der Lokführer blind oder besoffen?

Dieses damit verbundene Unglück ereignete sich an einem Freitag. Nein, es war nicht der 13., sondern der 12. April 1839, also wenige Tage nach der Eröffnung der Strecke. An diesem Tag verließen in einem Abstand von nur wenigen Minuten zwei Züge den Leipziger Bahnhof in Dresden in Richtung Messestadt. Und wie üblich, waren fast alle Plätze besetzt.

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Sächsische Dorfzeitung von 1839
Sächsische Dorfzeitung von 1839

Die Sächsische Dorfzeitung schilderte, was später passierte. „… als der erste Zug noch in Wurzen damit beschäftigt war, Wasser einzunehmen, kam schon der zweite an und durch Nachlässigkeit (wessen, ist bis jetzt noch nicht bekannt) fuhr er mit solcher Gewalt gegen den ersten Zug, dass zwei Personenwagen sehr stark beschädigt wurden.“

Auch mehrere Personen kamen zu Schaden. Es gab leichtere und schwerere Prellungen und einem Passagier wurde das Schlüsselbein gebrochen.

Einige gebildete Städter oder Alleswissende aus Dresden meinten zu der Tatsache, dass nichts Schlimmeres passiert sei, das ließe auf eine Mitfahrt der Göttin Fortuna schließen. Dieser heidnischen und gotteslästerlichen Ansicht widersprach aufs Schärfste ein mitreisender Pastor aus der Dreikönigskirche, was die oben genannte Zeitung am 10. Mai 1839 veröffentlichte. „Die verworfenste und stockblindeste Weibsperson ist die Dame Fortuna. Sie lässt sich am liebsten mit Schwindlern, Gaunern und jeglichem Menschenauswurf ein. Ein Unglück für dieselben, aber ein Glück und ein Trost für die Redlichen ist, dass diese Dame selten treu bleibt. Es wäre auch eine wahre Fatalität, wenn es anders wäre.“

Wer war es? Ein Leipziger natürlich.

Die Rede in dieser zweiten Geschichte ist nicht vom Lokführer, der obiges Unglück zu verantworten hatte. Der war kein Leipziger, sondern ein Engländer. Diesmal geht es um einen Fahrgast, der in Leipzig zustieg und der Residenz einen Tagesbesuch abstatten wollte. Als Tourist gewissermaßen.

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Vielleicht war es ihm in dem windigen offenen Wagen doch ein wenig zu frisch, der Fahrtwind zu kräftig und die Sonne in diesen Apriltagen noch zu schwach. Jedenfalls versuchte er sich innerlich aufzuwärmen – mit einigen Fläschchen, also mit deren mit Alkohol versetzten Inhalten. Als der Zug nach gut drei Stunden in den Bahnhof der Residenz einfuhr, war dieser Reisende vor Freude so erregt, so die Sächsische Dorfzeitung, dass er eine der geleerten Flaschen auf die am Bahnsteig auf die Rückfahrt harrenden Leute warf.

Und wen traf er? Da hatte wohl wieder die Dame Fortuna ihre Hände im Spiel. Diesmal nicht als Glücksfee, sondern als Rachegöttin, über sich über die bösartigen Äußerungen des Neustädter Pastors ärgerte. Sie lenkte den Flug der leeren Schnapsflasche so, dass diese einem Mann das Nasenbein brach.
Kalt wars.

Unsere dritte Geschichte. Während den ersten Passagieren Jahre zuvor noch der Fahrtwind heftig um die Nase wehte, konnte man in späteren Zeiten in rundum geschützten Wagen reisen. Aber dennoch wurde es des Öfteren in der kalten Jahreszeit darin nicht angenehm warm.

Der Calculator
Der Calculator

Darüber berichtete der Calculator in seiner Nummer 529 im Jahre 1882. „Viele Klagen wurden laut, dass bei der in den letzten Tagen eingetretenen Kälte in die Wagen 3. Klasse keine mit heißem Wasser gefüllte Fußwärmer eingelegt waren. Ist es auch nicht grimmig kalt oder hält die Kälte noch nicht dauernd an, so ist es doch auf einer längeren Tour höchst unangenehm für die Passagiere mit kalten oder nassen Füßen im Coupé zu sitzen, während die in der 1. Und 2. Klasse gehörig schwitzen.“

Hier hatte Fortuna gewiss ihre Hände nicht im Spiel, höre ich hier und da aus der werten Leserschaft grummeln. Das seien wohl nur organisatorische und Leitungsprobleme, vielleicht musste auch gespart werden. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Vielleicht wusch Fortuna auch hier ihre Hände nicht in Unschuld.

Madame war zur Abwechslung wohl mal im Klassenkampfmodus, weil Bismarck vier Jahre zuvor die Sozialdemokratie1 verbot. Denn die Arbeiterschaft und die Dienstboten, die die Holzklasse, sprich 3. Klasse, weil billiger, benutzten, waren gegenüber den Widrigkeiten des Lebens mehr abgehärtet als die verweichlichten nobleren Einwohner der Residenz. Deshalb schickte Fortuna die ganze Wärme in die 1. und die 2. Klasse, auf das denen dort drinnen das Wasser im A… kochen möge. Ja, so verwerflich war Dame Fortuna. Wie recht doch unser Herr Pastor aus der Dreikönigskirche hatte.

Anmerkungen des Autors

1 1878 gab es auf Kaiser Wilhelm I. zwei Attentate. Reichskanzler Bismarck lastete diese der aufstrebenden Sozialdemokratie an. Seine Propaganda verängstigte weite Teile des Volkes, so dass schließlich die konservative Mehrheit im Reichstag im Oktober 1878 das Gesetz wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie verabschiedete. Damit wurden Parteien, Gewerkschaften, Druckmittel und Versammlungen verboten. Tausende wurden verhaftet oder in die Emigration gezwungen. Dieses Sozialistengesetz wurde erst 1890 aufgehoben.


Dresdens erster Fernbahnhof

Vierter Teil einer kleinen Reihe zu dem Bahnhof, der heute als Alter Leipziger Bahnhof bekannt ist. Wer sich für detaillierte technische Informationen zur Leipzig-Dresdner Eisenbahn interessiert, findet in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek, in der Städtischen Bibliotheken sowie im Internet sehr reichhaltige Literatur. Diese Reihe befasst sich mit den Geschichten am Rande, die mit Realem und Fiktivem verwoben sind.

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek.

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