Anzeige

Palais-Sommer

Das Kino ist wieder da!

Viel zu lange hatte es ge­schlos­sen, jetzt hat es seine Tore wie­der ge­öff­net – das Kino! In der Neu­stadt gab es zur Feier die­ses Events gleich eine be­son­dere Ver­an­stal­tung: Die Kurz­film­tour war zu Gast im Tha­lia und prä­sen­tierte Prä­mier­tes, Un­ter­halt­sa­mes und Un­er­war­te­tes. Dar­über freute sich nicht nur In­itia­to­rin Fran­ziska Kache.

End­lich hat das Tha­lia seine Pfor­ten wie­der ge­öff­net – den Leu­ten an der Gör­lit­zer Straße gefällt's.

Schon von wei­tem sieht man den bun­ten Tru­bel rund ums Tha­lia. Wie auch sonst auf der Gör­lit­zer Straße sit­zen die Neu­städ­ter bei­ein­an­der, la­chen und plau­schen und las­sen den Frei­tag­abend nach der an­stren­gen­den Wo­che mit ei­nem Wein, ei­nem Feld­schlöss­chen oder ein­fach nur ei­ner Rha­bar­ber­schorle aus­klin­gen. All das ist schon bei­nahe wie­der All­tag ge­wor­den in den letz­ten Wo­chen, aber au­ßer­ge­wöhn­lich ist dies­mal et­was an­de­res: Das Kino ist wie­der da! Seit ers­ten Juli ha­ben die Säle wie­der ge­öff­net und hei­ßen Gäste willkommen.

An die­sem Abend ist der An­lass, warum sich die Leute um das Tha­lia drän­gen, die Kurz­film­tour, or­ga­ni­siert von der gleich­na­mi­gen AG mit Sitz in der Förs­te­rei­straße. Sie zei­gen die mit dem deut­schen Kurz­film­preis prä­mier­ten Schman­kerl heute im Kino – und nicht nur den Be­tei­lig­ten ist die Freude an­zu­mer­ken. „Für mich fühlt sich das al­les noch ein biss­chen sur­real an“, gibt Fran­ziska Ka­che zu. Sie ist die Or­ga­ni­sa­to­rin der Reihe von Ver­an­stal­tun­gen, die in ganz Deutsch­land statt­fin­den, um das zehn- bis 30-mi­nü­tige Be­wegt­bild prä­sen­ter in den Köp­fen der Leute zu ma­chen. Heute ist es für sie das erste Mal, dass sie da­bei sein kann – und auch das erste Mal im Kino seit dem Lockdown.

Sechs Mo­nate ohne die flim­mernde Lein­wand – man merkt es auch den Zuschauer*innen an, dass sie das ver­misst ha­ben. Der An­drang ist so groß wie die Vor­freude: Erst herrscht Be­trieb an der Bar, wo man sich schnell noch was Flüs­si­ges holt, dann gibt es eine kleine Schlange vor dem Ti­cket­ver­kauf. Mit dem ab­ge­ris­se­nen Zet­tel an den Vor­hän­gen am Ein­lass vor­bei, und schon um­fängt ei­nen das schumm­rige Licht des Kinosaals.

An­zeige

Aussitzen Deluxe 2.0

An­zeige

Semper Oberschule Dresden

An­zeige

Wiedereröffnet: Villandry Dresden

An­zeige

Heavy Saurus am 20. August im Augusto Sommergarten

An­zeige

Die Seilschaft am 15. August bei den Filmnächten am Elbufer

An­zeige

Sachsen-Ticket

Zieht man die Plätze ab, die des Ab­stands we­gens leer blei­ben müs­sen, ist der Saal bis auf den letz­ten Platz ge­füllt. Ich quet­sche mich ir­gendwo da­zwi­schen und ge­nieße das Ge­fühl, in den flau­schi­gen Ses­sel ein­zu­sin­ken und da­bei zu­zu­schauen, wie die Vor­hänge an der Seite der Lein­wand noch ein Stück wei­ter auf­ge­hen und die Er­war­tung der Zuschauer*innen steigt.

Konservative Mütter und Knutschflecke

Die Mut­ter (rechts) will ei­gent­lich nur in Ruhe ja­gen. Aber ihr Sohn hat Über­ra­schungs­be­such dabei…FOTO: KurzfilmAG

Fui zu fui“ (baye­risch für: viel zu viel), ist die Ge­samt­si­tua­tion dem Dar­stel­ler im ers­ten Film "In den Bin­sen": der Dar­stel­ler mit er­kenn­bar tief­baye­ri­schem Ak­zent ist noch sicht­lich ge­kenn­zeich­net von ei­ner wil­den Nacht, da ruft ihn seine Mut­ter: Er soll mit zur Jagd kom­men. Er will ihr et­was mit­tei­len, vor dem er große Angst hat: Der un­über­seh­bare Knutsch­fleck an sei­nem Hals ist von sei­nem Freund. „Du mussd di jetz zomm­rei­ßen, Mama", setzt er zu ei­ner Er­klä­rung an, doch seine Mut­ter ist ganz mit dem Zie­len auf fri­sches Wild be­schäf­tigt und scheint gar nicht zu­hö­ren zu wollen.

Ob ein Co­m­ing-out ge­gen­über der kon­ser­va­ti­ven Mama mit den Mett­bröt­chen im Ge­päck und dem Ge­wehr in der Hand eine gute Idee ist, ver­rät der Film auf ku­riose Art und Weise und sorgt hier so­gar für eine Über­ra­schung. Dem Pu­bli­kum je­den­falls scheint's zu ge­fal­len: Fran­ziska Ka­che ist so­gar der Mei­nung, das Baby der Nürn­ber­ger Film­aka­de­mie-Stu­den­tin und Re­gis­seu­rin Clara Zoe My-Linh hätte am meis­ten Ap­plaus vom Dres­de­ner Pu­bli­kum bekommen.

Ungarische Torten – und eine kleine Revolution

Márti soll eine Rede we­gen des un­ga­ri­schen Na­tio­nal­fei­er­ta­ges hal­ten, aber das passt ihr so gar nicht in den Kram. FOTO: KurzfilmAG

Auch im dar­auf­fol­gen­den Film "Land of Glory" wird mit der Prü­de­rie und Hei­mat­ver­bun­den­heit ge­spielt, da­bei geht es ei­gent­lich nur um eine Torte. Die ist aber über­di­men­sio­nal groß, Sa­lami und Pa­prika dür­fen auch nicht feh­len, und zum An­lass des un­ga­ri­schen Na­tio­nal­fei­er­ta­ges in der Form ge­nau die­ser Um­risse des Lan­des von der Schul­lei­te­rin be­stellt. Da­bei be­kommt der Ba­la­ton ei­nen pro­mi­nen­ten Platz, na­tür­lich in der rich­ti­gen Größe, aber die Re­gen­bo­gen­flagge wird lie­ber weg­ge­las­sen. Und wie konnte die ver­peilte Men­sa­frau ein­fach Trans­sil­va­nien ab­schnei­den, nur da­mit der Ku­chen in den Kühl­schrank passt!

An­zeige

Kieferorthopädie

An­zeige

Heavy Saurus am 20. August im Augusto Sommergarten

An­zeige

Aussitzen Deluxe 2.0

An­zeige

Fit together mit Claudia Seidel

An­zeige

Die Seilschaft am 15. August bei den Filmnächten am Elbufer

An­zeige

Sachsen-Ticket

An­läss­lich die­ser Fei­er­lich­kei­ten sticht der über­trie­bene Na­tio­nal­stolz der Di­rek­to­rin ge­nauso her­vor wie das Chaos, das herrscht, um noch al­les für die große Fei­er­lich­keit vor­zu­be­rei­ten. Dass da­bei die Schüler*innen die un­ga­ri­sche Fahne ab­ge­brannt ha­ben und die Luft­bal­lons in Lan­des­far­ben in der fal­schen Rei­hen­folge an­ord­nen, passt ihr da na­tür­lich über­haupt nicht in den Kram. Und dann hat auch noch die Ein­s­er­schü­le­rin, die die Rede hal­ten sollte, aus Grup­pen­zwang zu viel kla­ren Schnaps wäh­rend des Sport­un­ter­richts ge­trun­ken und muss heim­ge­fah­ren wer­den! Ih­rem Er­satz, der 17-jäh­ri­gen Márti, liegt aber gar nicht daran, die Er­run­gen­schaf­ten des Lan­des und der Schule so sehr zu lo­ben: sie wagt zag­haft ihre ei­gene kleine Re­vo­lu­tion. Auch hier kommt man nicht um­hin, we­gen der zu­ge­spitz­ten Scherze hin und wie­der zu schmun­zeln und sich bes­tens von der Re­gie von Bór­bala Nagy un­ter­hal­ten zu fühlen.

Barbiepuppen erzählen vom Stockhom-Syndrom

Eine von Ri­chards Ver­eh­re­rin­nen ist auf dem Weg in den Knast, denn der Se­xu­al­straf­tä­ter möchte gerne be­sucht wer­den. FOTO: KurzfilmAG

Doch es geht schon wei­ter, mit dem Film "Just A Guy", der so un­ver­fäng­lich an­fängt wie sein Name, aber dann sehr ernst wird: Wäh­rend zu­nächst vor rosa Hin­ter­grund Bar­bie­pup­pen von ih­rem Lieb­ha­ber schwär­men, fol­gen dar­auf Bil­der und Be­richt­erstat­tung über se­xu­elle Ge­walt. Fragt man sich erst noch, wie die bei­den Dinge zu­sam­men­hän­gen, so wird ei­nem nach und nach der scho­ckie­rende Zu­sam­men­hang klar: Wie bei­läu­fig er­zäh­len die ani­mier­ten Frauen, bei de­nen nur die Au­gen echt sind, die schreck­li­che Ge­schichte se­xu­el­ler Aus­beu­tung und Ab­hän­gig­keit – und der Un­mög­lich­keit, mit dem Briefe schrei­ben und Be­su­chen auf­zu­hö­ren und ein­fach den Kon­takt abzubrechen.

Sie drif­ten da­bei ab in eine Mi­schung aus Stock­holm-Syn­drom und bit­te­rem Zy­nis­mus ge­paart mit ei­ner to­xi­schen Zu­nei­gung für ei­nen Mann, der we­gen Ver­ge­wal­ti­gun­gen im Ge­fäng­nis sitzt. Ihre quit­schig-fröh­li­chen, ver­liebt klin­gen­den, aber grau­sa­men Er­zäh­lun­gen bren­nen sich ins Ge­dächt­nis ein: „Mich stört beim SM, dass die Leute nur so tun, als wür­den sie ver­ge­wal­ti­gen. Ri­chard ver­ge­wal­tigt wirk­lich, und das liebe ich so an ihm“ ist da nur ein Bei­spiel, ab­ge­se­hen von den ero­ti­schen Fo­tos, die sie ihm in den To­des­trakt senden.

Da scho­ckiert es nur noch mehr, dass am Ende deut­lich wird, dass die Ge­schichte nicht er­fun­den ist: die drei Frauen gibt es wirk­lich, das Ganze ist eine Do­ku­men­ta­tion um den Se­xu­al­straf­tä­ter Ri­chard Ra­mi­rez, der in den 80ern ver­haf­tet wurde. Wie ein­drück­lich der Film der Re­gis­seu­rin Shoko Hara war, wird auch im Saal deut­lich: wurde vor­her noch ab und zu laut auf­ge­lacht, so ist es jetzt to­ten­still, nur hier und da hört man ein be­klom­me­nes Flüstern.

AfD, Hippies und Gegenwartsbewältigung

Di­mi­trij "Dima" Lie­ber­mann er­zählt ein­drucks­voll, wie es sich heut­zu­tage als Jude in Deutsch­land lebt. FOTO: KurzfilmAG

Auf­lo­cke­rung bringt da das Ha­ken­kreuz nicht ge­rade, das am An­fang des nächs­ten Films er­scheint. Im­mer­hin wird es dann über­malt, und der Junge, der da in dem Klo her­um­krit­zelt, ist zwar Jude, aber will auf gar kei­nen Fall nur als Op­fer da­ste­hen. Als ihn ein Mit­schü­ler an­ti­se­mi­tisch be­lei­digt, kann er sich nicht zü­geln und haut drauf. Dar­auf­hin wird er prompt von der Schule sus­pen­diert, weil er sich wei­gert, dem Ty­pen die Hand zu rei­chen, der es wit­zig fand ihn mit der Ver­ga­sung der Ju­den auf­zu­zie­hen. Er nimmt die Zuschauer*innen auf mit­rei­ßende Art und Weise mit: Erst geht es Nach­hause, wo er zeigt, wie seine rus­sisch-or­tho­do­xen El­tern dar­auf re­agie­ren. Seine Mut­ter gibt ihm den Blu­men­strauß vom Kü­chen­tisch und sagt ihm, er soll sich ent­schul­di­gen, wäh­rend seine Freun­din be­reit ist, mit dem Pfef­fer­spray nachzulegen.

Und dann sind da noch die Leute, die ihm un­be­dingt be­wei­sen müs­sen, dass ihre Vor­fah­ren ja keine Na­zis wa­ren, Hip­pie­müt­ter, die den­ken, dass er ein Assi ist nur weil seine Fa­mi­lie sich nicht mehr als eine So­zi­al­woh­nung im Ruhr­pott leis­ten kann und über­eif­rige Leh­re­rin­nen, die un­be­dingt wol­len, dass er im Un­ter­richt von den trau­ma­ti­schen Er­fah­run­gen sei­ner Fa­mi­lie bei der Shoah er­zählt. Oder sein Opa, der beim AfD-Stand ste­hen bleibt und sagt: „Das sind die Ein­zi­gen, die uns wirk­lich noch zu­hö­ren.“ Durch all das saust der Film ex­plo­siv wie sein Name – "Ma­sel Tov Cock­tail" – und en­det mit ei­nem Tritt in die Fresse für alle, die der Mei­nung sind, An­ti­se­mi­tis­mus ge­höre der Ver­gan­gen­heit an. Mit die­ser un­kon­ven­tio­nel­len Her­an­ge­hens­weise an ein aku­tes Thema konn­ten die Re­gis­seure Ar­ka­dij Khaet und Mi­ckey Paatzsch ei­nige Preise abräumen.

Das Kurzfilm-Kinoerlebnis: Mutig, frei, politisch

Der Saal ist gut ge­füllt, die Kurz­filme fes­seln – da geht die Zeit schnell vor­über. FOTO: Lisa Hering

Ooch, ich dachte da kommt noch ei­ner“, höre ich hin­ter mir und weiß nicht ge­nau, ob das auf die letzte Szene im Film ge­münzt ist oder die Zu­schaue­rin ein­fach nicht ge­nug vom Kino be­kom­men kann. Denn so schnell wie sie an­ge­fan­gen ha­ben, sind sie auch schon wie­der vor­bei, das ist der Nach­teil an Kurz­fil­men. die Leute hie­ven sich von ih­ren Sit­zen, und das Licht geht an. „Trotz­dem ist der Kurz­film mit­nich­ten eine Fin­ger­übung“, weiß dazu Fran­ziska Ka­che zu sa­gen, die sich na­tür­lich für das we­ni­ger lang dau­ernde Be­wegt­bild aus­spricht. „Er kann mu­ti­ger sein!“ Freier, po­li­ti­scher, kurz­wei­li­ger – oft wür­den sich die Spiel­film-Ma­cher ei­ni­ges ab­schauen von Tech­ni­ken, In­hal­ten und Sze­nen, die vor­her beim klei­ne­ren Bru­der vorkamen.

Die In­itia­to­rin der Kurz­film-AG ist be­geis­tert. „Das kann man ein­fach gar nicht ver­glei­chen!“, schwärmt Fran­ziska Ka­che vom Kino-Er­leb­nis im Ver­gleich zum Fern­seh­abend im Wohn­zim­mer. „Filme se­hen ein­fach viel bes­ser auf der Lein­wand aus!“ Mit dem Tha­lia ver­bin­det sie nicht nur, dass es schon im­mer ihr „er­klär­tes Lieb­lings­kino“ war: Frü­her hat sie selbst mal hier ge­ar­bei­tet und konnte wahr­schein­lich das ein oder an­dere Mal ein paar Film­sze­nen aus den Vor­stel­lun­gen erspähen.

Es ist so schön, jetzt wie­der an­zu­fan­gen!“, sagt sie mit strah­len­den Au­gen. Der Rum­mel wäh­rend der Vor­stel­lung hat sich jetzt wie­der an die Bar ver­la­gert. Wäh­rend ent­spannte Mu­sik im Hin­ter­grund leise vor sich hin du­delt, po­liert der Bar­kee­per seine Glä­ser bis aufs Feinste. Zwar sei ei­ni­ges los, aber das sei sein ers­ter Ar­beits­tag, um sich nach dem Abi noch was dazu zu ver­die­nen, er­zählt er be­reit­wil­lig und scherzt mit sei­ner Kol­le­gin, die ihn lobt: „Gut machst du das! Wenn du so wei­ter­machst, dann geht’s dir wie in die­sen ame­ri­ka­ni­schen Fil­men!“ Und wenn aus dem Traum vom Tel­ler­wä­scher zum Mil­lio­när nichts wird, dann bleibt ihm im­mer­noch das Kino…

Grüpp­chen ste­hen noch zu­sam­men vorm Kino. Die Filme lie­fer­ten ei­ni­ges an Ge­sprächs­stoff. FOTO: Isa­bel Knippel
Ar­ti­kel teilen

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.