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Genau – exactement ou ponctuel?

„Genau“. Wahrscheinlich eines der Wörter, das man in Deutschland am häufigsten hört.

Sind die Deutschen wirklich so genau? Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles
Sind die Deutschen wirklich so genau? Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles

13.36 Uhr – Man sagt oft über die Deutschen, sie seien besonders pünktlich. Ich würde aber eher sagen, dass sie „genau“ sind. Wenn mir zum Beispiel ein Deutscher eine SMS schickt, in der er mir mitteilt, wann ich ihn am Bahnhof abholen soll, schreibt er mir nicht „Ich bin ca. 13.30 Uhr da“ oder „Wir treffen uns gegen halb Zwei“. Nein, er gibt mir die GENAUE Ankunftszeit seines Zuges an: „Ich komme um 13.36 Uhr auf Gleis 3 an.“ Damit stehen mir sofort die Haare zu Berge. Und was ist mit der Farbe des Wagens?

Am schlimmsten wäre noch „6 nach halb Zwei“ anzukündigen. Als wäre die Uhrzeit auf Deutsch nicht schwer genug zu lernen.

Denn hier heißt 8.30 Uhr nicht 8 Uhr PLUS eine halbe Stunde, wie auf französisch („8 heures ET demi“) oder englisch („half PAST 8“) sondern: „halb (vor) Neun“. Man hört „Neun“ aber man soll es ganz schnell vergessen und minus eins rechnen, also Acht, damit man sich „8.30“ vorstellen kann. Dafür brauchte ich Jahre.

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Das Problem mit den Vierteln

Und kaum hatte ich das geschafft, musste ich mich mit dem verrückten regionalen „Viertel“ herumplagen. Was soll denn zum Beispiel ein Termin um viertel Acht? Heißt das „Viertel NACH Acht“ oder „Viertel VOR Acht“?

Na, weder noch. „Viertel Acht ist eine Viertelstunde in der Stunde die zu Acht geht. Also, Viertel nach Sieben. Verstehst du?“ wurde mir eines Tages erklärt.

Also, ganz ehrlich, selbst wenn ich es verstehen würde, möchte ich es aus Prinzip nie lernen.

Die gleiche Genauigkeit gilt auch für die Preise. Wenn man über Geld redet, erwähne ich spontan nur gerundete Beträge. Und bin deshalb jedes Mal schockiert, wenn meine deutschen Freunde den Betrag, den sie für etwas bezahlt haben auf den Cent genau angeben. „Wie gut schmeckt diese Pizza. Sie hat nur 4,99 Euro gekostet.“

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250 Gramm

Eines Tages erzählte mir ein chinesischer Kollege von seiner Erfahrung bei einem deutschen Physiotherapeuten. „Es war sehr gut. Er hat perfekt massiert, genau dort, wo es weh tat“. Das sagte er allerdings mit einem so skeptischen Unterton, dass ich ihn fragte, wo das Problem denn lag. „Nun, er hat völlig gefühllos massiert. In China massiert man nur mit seinem Instinkt.“

Dann fügte er lachend hinzu: „Es ist wie beim Kochen. Für ein Rezept, das 250 Gramm Mehl enthält, misst ein Chinese nach Bauchgefühl. Aber ein Deutscher holt sofort eine Waage heraus und wiegt genau 250 Gramm. Kein Gramm mehr, kein Gramm weniger.“ Da wusste ich auch genau was er meinte und lachte mit.

Ich ruf dich an!

Trotz dieser Vorliebe für Genauigkeit dulden meine deutschen Freunde problemlos meine traditionelle „Savoyer Viertelstunde Verspätung“ (auf Französisch: „quart d’heure savoyard“)1. Viele Deutsche kommen auch oft zu spät zum verabredeten Termin und in manchen Bundesländern haben sie sogar das sogenannte „akademische Viertel“ als Ausrede. Wie schön.

Sie sind hingegen nicht wirklich die Könige der Spontaneität: Meine einzigen deutschen Freunde, die sich manchmal auf unerwartete Treffen einlassen („wir gucken dann mal spontan“) haben in der Regel eine Weile in Frankreich oder Lateinamerika gelebt. Sie wissen auch, was „poser un lapin“ heißt (wortwörtlich „ein Kaninchen hinlegen“; sinnhaft übersetzt: nicht zum verabredeten Termin kommen).

Die meisten anderen schaffen es, ein gemeinsames Kaffeetrinken eine Woche im Voraus zu planen und nie einen Termin zu vergessen. Nicht wie wir Franzosen, die gerne ohne Festlegung vorschlagen, sich an dem oder dem Tag zu treffen. Vielleicht! Vor allem ist es selbstverständlich, dass wir bis zum erwähnten Termin sowieso mindesten zwölf Mal miteinander telefonieren werden.

Diese deutsche Art der Festlegung verstand ich an einem Donnerstagabend, als ich bereits im Bett lag und auf meinem Handy acht verpasste Anrufe und weitere SMS von einer deutschen Freundin bemerkte.

Seit einer Stunde wartete sie auf mich in einer Bar, in der wir uns offensichtlich verabredet hatten. Ich dachte nach, dann fiel mir ein, dass wir tatsächlich erwähnt hatten, an diesem Abend vielleicht was trinken zu gehen. Das war zehn Tage her gewesen und wir hatten seitdem nicht mehr voneinander gehört, um den Termin fest zu machen.

Nun achte ich besser darauf, keine hundertprozentig fixen Termine vorzuschlagen und notiere alle Einladungen sofort in meinem Kalender.

Sprint

Der deutsche öffentliche Stadt- und Nahverkehr, sowie die Züge der Deutschen Bahn und die Fernbusse sind aber beeindruckend pünktlich: Wie gelingt es dem Dresden-Berlin-Bus trotz der Unvorhersehbarkeit der Verkehrslage minutengenau um 18:37 Uhr nach Fahrplan anzukommen?

In Dresden fahren Straßenbahnen tagsüber in der Regel alle zehn Minuten eine Haltestelle an. Es ist sehr selten, dass sich eine Straßenbahn ohne Grund verspätet. Aber wenn das passiert, ist es das Ende der Welt für die Deutschen, die sich sofort darüber (natürlich diskret) empören. Als hätten sie mit einem Streik der Lufthansa zu tun und das obwohl es sich manchmal nur um eine einzige Minute Verspätung handelt.

Die Straßenbahnen fahren so häufig und sind so pünktlich, dass ich persönlich nie im Voraus plane, welche Bahn ich nehmen werde. Die Bahn um 12.20 oder die um 12.30 Uhr? Das ist mir egal: Ich werde mein Haus verlassen, wenn ich fertig bin, und werde mit der Bahn fahren, die vorbeikommt, wenn ich an der Haltestelle bin.

Also nicht wie meine Dresdner Freunde, die die Fahrpläne im Voraus im Internet systematisch prüfen, um genau zu wissen, wann sie aus dem Haus losmüssen. Aber warum, wenn die Bahn sowieso alle zehn Minuten kommt?

Das erklärt wahrscheinlich auch die vielen Leute, die man auf der Straße sieht und plötzlich einen Sprint hinlegen: Sie laufen die Louisenstraße runter, haben gerade gesehen wie die Bahn am Assi-Eck vorbeifuhr und sind sofort zur Haltestelle losgerannt. Nun drücken sie verzweifelt auf den Türöffnungsknopf und steigen dann in der letzten Sekunde ein, stolz, verschwitzt und atemlos. Als hätten sie den TGV Paris-Marseille oder den letzten Aufruf am Flugsteig fast verpasst. Dabei war es nur die 13 am Nordbad, die in 10 Minuten nochmal kommt.

Solche Szenen bringen mich immer wieder zum Lachen, auch wenn ich zugeben muss: Inzwischen hängt bei mir auch eine DVB-Fahrplan. Und ab und zu kann ich der Versuchung auch nicht widerstehen, und schlage selber vor: „Mist. Die Bahn. Wollen wir rennen?“


    1 Viele Städte und Regionen Frankreichs haben ihre Viertelstunde Verspätung, wie in Toulouse („quart d’heure Toulousain“), Vendée („quart d’heure Vendéen“), usw. Es wäre tatsächlich höflicher, eine Viertelstunde zu spät zu kommen (um dem anderen auch Zeit zu lassen, sollte er auch Verspätung haben).
Die Französin Peps in Dresden - Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles
Die Französin Peps in Dresden – Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles

Ein Gastbeitrag von Peps, der Französin in der Neustadt. Aus der Reihe „C’est la vie! – Chroniken einer Französin in der Neustadt„. Illustrationen: Jean-Pierre Deruelles. Fortsetzung folgt.

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9 Ergänzungen

  1. Ich kenne sogar die demi-heure de politesse aus der Bretagne, also die halbe Stunde der Höflichkeit.
    Wehe denen, die genau pünktlich kommen! :D

  2. Komplizierter, als auf französisch kann man nun kaum zählen. Quatre-vingt dix neuf. Für 99: 4×20+10+9. Das ist schräg!

  3. @Peps

    Es geht auch Deutschen aus anderen Gegenden der Republik so.
    Am ersten Tag in Sachsen bekamen wir auf die Frage nach dem Fahrplan folgende Auskunft:

    Hinzu viertel rückzu 5 vor um…….

    HÄÄÄÄÄHHHH ????? Die freundliche Dame hätte auch Mandarin sprechen können. Es hätte keinen Unterschied gemacht.

  4. Das hier übliche teilen der Stunde ist ganz leicht. Viertel acht meint einfach ein Viertel der achten Stunde. Es wurde also ein „von“ weggelassen. „Ein halbes Brot“ meint ja auch nicht 1,5 Brote.
    Das englische half eight lässt eben das „past“ weg. Auch schön, aber einfach anders

  5. Die landläufige Antwort, die ich von Sachsen als Erklärung für das hier typische „Viertel 8“ (7:15 Uhr) oder Dreiviertel 8 (07:45 Uhr) bekam:
    Bei „Halb 8“ (07:30 Uhr) ist es doch auch so! Da sagt auch keiner „Halb vor 8“ oder „Halb nach 7“ :)

  6. ich finde Unpünktlichkeit unhöflich. Und wenn man nicht gewillt ist, einen Termin fest einzuplanen, sollte man nichts zusagen. (auch nicht so halb…) Ich glaube aber, das dies eher eine persönliche, als eine kulturelle Geschichte ist. Unsere französische Freundin aus dem Großraum Paris war jedenfalls immer sehr pünktlich.

  7. Beginnt denn die Arbeit oder der Schulunterricht in Frankreich auch mit einem Höflichkeitsverspäter? Oder gibt wird das nur im privaten Bereich praktiziert? Das ist mir immer etwas unklar.

  8. Ich ertappte mich beim Rezepte Absatz. Da wird sich schon jemand was dabei gedacht haben, also mache ich das mal so! Nicht das das Rezept nicht gelingt weil bei Zutat 1 50g zu viel sind. (Außer beim Zucker, den verringere ich auch gerne mal. :D)
    Auch zur Straßenbahn/Bus mag ich meinen Senf dazu geben: Ich empfinde die in Dresden überhaupt nicht als pünktlich. +/- bis zu 5 Minuten ist an manchen Tagen normal. Liegt vermutlich an einigen Punkten auf meinen „Hauptstrecken“ an Behinderungen durch den PKW Verkehr oder verquere Ampelschaltungen (Wasaplatz, Linie 61 wartet manchmal >3-4min das die Ampel Richtung S-Bahnhof Strehlen grün wird). Deswegen prüfe ich bei bestimmten Fahrten direkt, welche Verbindungsmöglichkeiten es gibt, welche Linien fahren, und ggf. in welchem Takt. Nicht alle Buslinien haben einen 10 Minuten Takt, das kommt dazu. Da sollte der Umstieg schon klappen ^^

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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