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Es kommt darauf an…

Was in der deut­schen Spra­che ex­trem schwer fällt und mich im­mer ver­zwei­felt lässt, ist ihre hohe De­tail­ge­nau­ig­keit. Man braucht manch­mal ei­nen sehr lan­gen fran­zö­si­schen Satz, um die Be­deu­tung ei­nes ein­zi­gen deut­schen Worts rich­tig zu übertragen!

Wird die Streichholzschachtel nun auf den Tisch gelegt oder gestellt? Aus französischer Sicht ganz klar: mettre. Foto: RJA1988, Pixabay
Wird die Streich­holz­schach­tel nun auf den Tisch ge­legt oder ge­stellt? Aus fran­zö­si­scher Sicht ganz klar: mettre. Foto: RJA1988, Pixabay

Wenn ich frage, wie man dies oder je­nes auf Deutsch sagt, be­komme ich je­des Mal die glei­che Ant­wort: „Es kommt dar­auf an“, was an sich schon ein Satz von anor­ma­ler gram­ma­ti­ka­li­scher Kom­ple­xi­tät ist. „It de­pends“, „De­pende“, „Di­pende“, „Ça dé­pend“, aber: „Es kommt dar­auf an“ (oder noch schlim­mer: „es hängt da­von ab“!). Wo ist denn hier bitte das Verb? Und wor­auf kommt es an?

Zum Bei­spiel. „Je veux al­ler dans la Neu­stadt“ („Ich möchte in die Neu­stadt ge­hen“). Al­lein für das Verb „al­ler“ gibt es auf Deutsch so viele Mög­lich­kei­ten wie exis­tie­rende Trans­port­mit­tel. Ist man zu Fuß sagt man „ge­hen“; mit der Stra­ßen­bahn, dem Auto oder sons­ti­gen fah­ren­den Ver­kehrs­mit­teln, sagt man „fah­ren“; mit dem Flug­zeug, „flie­gen“; mit ei­nem Pferd aber „rei­ten“. Und wie wäre es mit ei­nem von die­sen Rol­lern, die auf den Bür­ger­stei­gen rum­lie­gen? Boykottieren!

Nun wie sagt man „dans la Neu­stadt“? Ist „in der Neu­stadt“ rich­tig? Aaah, es kommt dar­auf an. Wenn ich dort­hin un­ter­wegs bin, heißt es „in DIE Neu­stadt“. Wenn ich schon vor Ort bin, heißt es „in DER Neustadt“.

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Es ist ein­fach ver­rückt, wie viele Pa­ra­me­ter man be­rück­sich­ti­gen muss, be­vor man ei­nen kor­rek­ten Satz auf Deutsch aus­spre­chen kann. 

Meine schönste lin­gu­is­ti­sche Er­in­ne­rung liegt ei­nige Jahre zu­rück. Ich war zu Hause mit mei­ner fran­zö­si­schen Freun­din und ih­rem deut­schen Freund. Wir hoff­ten, er würde uns da­bei hel­fen un­sere exis­ten­zi­el­len Zwei­fel be­züg­lich sei­ner Spra­che ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen.
Denn in der täg­li­chen deutsch­spra­chi­gen Kom­mu­ni­ka­tion war es uns oft un­mög­lich, die vie­len Va­ria­tio­nen der Ver­ben „être“ („sein“ aber auch „lie­gen“, „ste­hen“ usw.) und „mettre“ („set­zen“, „stel­len“, „le­gen“, und vie­les mehr …) kor­rekt anzuwenden.

Er­klä­rung. Wir Drei sit­zen also an ei­nem Tisch. Auf dem Tisch: eine Schach­tel Zi­ga­ret­ten und eine Kerze. Die Schach­tel „ist“ auf dem Tisch. Die Kerze „ist“ auf dem Tisch. Nun, auf­ge­passt: Die Schach­tel (von Zi­ga­ret­ten, das ist wich­tig, denn wenn es eine Schach­tel Streich­höl­zer wäre, könnte es an­ders sein) und die Kerze „sind“ auf Deutsch nicht auf die glei­che Weise auf dem Tisch.

Denn die Schach­tel „liegt“ (sie ist flach, ho­ri­zon­tal und par­al­lel zum Tisch), wäh­rend die Kerze „steht“ (sie steht ver­ti­kal und senk­recht zum Tisch). Dann stellt meine Freun­din die Schach­tel senk­recht auf den Tisch und Oh Zau­be­rei! Jetzt „steht“ sie wie die Kerze.

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Wir wol­len un­se­ren Deut­schen in eine Falle lo­cken und stel­len die Schach­tel schräg ge­gen die Kerze. „Ha! Und nun?“. Der Freund: „Na ja, kommt drauf an …“.

Und was ist, wenn wir sie im Schrank ver­ste­cken? Da weiß nie­mand, ob sie steht oder liegt! Dann „liegt“ sie aber trotz­dem, denn meis­tens plat­ziert man ein fla­ches Ob­jekt eher ho­ri­zon­tal. So­viel zum Verb „Être“.

Für „mettre“ wird es noch kom­pli­zier­ter. Denn es kommt dar­auf an, was ge­nau man setzt, stellt oder legt, wo­hin und wie, na­tür­lich. Als nächs­tes plat­ziert meine Freun­din die Schach­tel auf den Tisch. Ihr Freund ver­kün­det, dass sie die „hin­ge­legt“ hat. Sie plat­ziert die Kerze auf den Tisch. Der Freund: „hin­ge­stellt“. Bei ei­ner Pizza ist es wie­der eine an­dere Ge­schichte, da man diese nicht „auf“ et­was son­dern „in“ (den Ofen) tut. Die Pizza wird also „rein­ge­legt“ (rein­ge­legt? So füh­len wir uns auch ge­rade!). Nur dass man eine Pizza nicht in den Ofen „legt“, son­dern eher „schiebt“, was „rein­ge­scho­ben“ er­gibt. Al­les klar?

Fas­sen wir das al­les zu­sam­men beim Ku­chen ba­cken mit But­ter und Milch, und se­hen wir, was in dem Kopf ei­ner Fran­zö­sin vor sich geht: „Wo hast du die But­ter hin­ge­legt?“ -> But­ter -> Ob­jekt, des­sen phy­si­ka­li­sche Ei­gen­schaf­ten de­nen der Zi­ga­ret­ten­schach­tel ähn­lich sind: eher flach und vor­zugs­weise ho­ri­zon­tal plat­ziert (es sei denn, es gibt kei­nen Platz mehr im Kühl­schrank, aber gut) -> die But­ter „liegt“ also -> jetzt kann ich mei­nen Satz for­mu­lie­ren -> „Wo hast du den (ach nein, But­ter ist ja weib­lich auf Deutsch) die But­ter hingelegt?“.

Nun, und die Milch, wo ist die? -> Milch -> Ob­jekt, des­sen phy­si­sche Ei­gen­schaf­ten eher de­nen der Kerze äh­neln: weiß (nein, das ist egal), auf­recht­ste­hend und am häu­figs­ten ver­ti­kal plat­ziert (sonst fließt sie über­all hin) -> die Milch „steht“ also -> Ich be­ginne -> „Wo hast du den (ach Mist, Milch ist auch weib­lich auf Deutsch) die Milch hingestellt?“

Ge­schafft!

Die Französin Peps in Dresden - Zeichnung: Jean-Pierre Deruelles
Die Fran­zö­sin Peps in Dres­den – Zeich­nung: Jean-Pierre Deruelles

Ein Gast­bei­trag von Peps, der Fran­zö­sin in der Neu­stadt. Aus der Reihe "C’est la vie! – Chro­ni­ken ei­ner Fran­zö­sin in der Neu­stadt". Il­lus­tra­tio­nen: Jean-Pierre De­ru­el­les. Fort­set­zung folgt.

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11 Ergänzungen

  1. Aber Ach­tung: Wenn die But­ter in ei­ner Dose ist, dann hat man die Dose ir­gendwo hin­ge­stellt, nicht ge­legt – ob­wohl sie meist fla­cher als hoch ist :-)

  2. Ein­fach köst­lich diese Beiträge!
    Achso, da fällt mir ein…Beitrag…könnte auch ein zu zah­len­der Be­trag an ei­nen Ver­ein, eine Or­ga­ni­sa­tion, Ver­si­che­rung etc. sein.
    Es kommt eben dar­auf an…

    Bitte noch viel mehr davon.

  3. Wun­der­bar, her­vor­ra­gend aus­for­mu­liert :-D

    Üb­ri­gens noch ein schö­nes Bei­spiel: Der Text "steht" auf der Seite, er liegt nicht, er steht. Ist er nicht ho­ri­zon­tal, son­dern von un­ten nach oben ge­schrie­ben, steht der Text auf der Seite auf der Seite. Ein Smi­ley steht üb­ri­gens nicht, er ist. Egal. Ist der Text par­te­isch, er be­für­wor­tet z.B. ein Ar­gu­ment von An­ton und ver­sucht die Ar­gu­mente von Phi­line zu wie­der­le­gen (und ist ver­ti­kal), steht der Text auf auf der Seite auf der Seite von An­ton auf der Seite, auch wenn es so­wieso An­tons Seite ist, wo der Text auf der Seite von…

  4. Ha­ha­haha. Ganz groß­ar­tig be­schrie­ben und zu­sam­men­ge­fasst! Es ist eben kom­pli­ziert mit der deut­schen Sprache ;)
    Am bes­ten wird hier deut­lich (Bsp. mei­nes Kol­le­gen aus Malaysia):
    "Im Deut­schen ist das Ge­gen­teil von um­fah­ren, umfahren."

  5. Habe herz­lich gelacht! 

    Ich bin selbst mit ei­ner Aus­län­de­rin ver­hei­ra­tet und kenne seit­her diese "ko­mi­schen" Fra­gen. Warum z. B. heißt es Schwe­din, Eng­län­de­rin, Po­lin aber nicht "Deut­schin"? Warum woh­nen in Eng­land Eng­län­der, aber in Finn­land keine "Finn­län­der"? Warum sind sind die Ein­woh­ner Schwe­dens Schwede oder Schwe­din, die Ein­woh­ner Nor­we­gens aber nicht "Nor­wege" oder "Nor­we­gin" bzw. um­ge­kehrt, warum gibt es nicht "Schwe­der" und "Schwe­derin"? In Ös­ter­reich wie­derum woh­nen Ös­ter­rei­cher, aber in Frank­reich keine "Frank­rei­cher". Und in Viet­nam wohnt der Viet­na­mese, in Ja­pan aber nicht der "Ja­pa­nese".

    Warum komme ich aus "der" Schule, aber ge­hen in "die" Schule ("wo­her" -> Da­tiv, "wo­hin" -> Ak­ku­sa­tiv)? Noch schö­ner wurde es, als die Liebste ver­suchte, Lo­gik in den deut­schen Ge­nus ("der", "die", "das") zu brin­gen – es gibt kei­nen, bis auf ein paar we­nige Aus­nah­men. Ge­le­gent­li­che bös­ar­tige Dia­lekt-Aus­wüchse mein­s­er­seits ("Er ist ihm sei­ner Mut­ter ihr Auto am Re­pa­rie­ren") füh­ren zu voll­stän­di­ger Ver­wir­rung und zur Frage, ob ich wirk­lich Deut­scher bin.

    Tja, sage ich dann im­mer zu ihr – die Gren­zen mö­gen of­fen sein. Aber un­sere Ge­heim­waffe, die da­für sorgt, dass ihr Mi­gran­ten hier nie die Kon­trolle über­neh­men wer­det, die kann uns kei­ner nehmen…

  6. Zu Schul­zei­ten war mein Ver­hält­nis zur fran­zö­si­schen Spra­che deut­lich ne­ga­tiv ge­prägt. Da­mals kam von ei­nem Klas­sen­ka­me­ra­den der Spruch "Diese Spra­che be­steht aus­schließ­lich aus Ausnahmen!"
    Heute mag ich die Spra­che sehr und lerne re­gel­mä­ßig und gerne. Was sehr beim Sin­nes­wan­del ge­hol­fen hat, war ei­ner­seits die Er­kennt­nis, dass beide Spra­chen ein ver­gleich­ba­res Ni­veau an Tü­cke auf­wei­sen, an­de­rer­seits die Fran­zo­sen und Fran­zö­sin­nen, de­nen ich be­geg­nete und die mir la­chend be­stä­tig­ten, dass auch die fran­zö­si­sche Spra­che bis­wei­len für Nicht­mut­ter­sprach­ler völ­lig un­ver­ständ­li­che Kon­strukte beinhaltet.

  7. Ha­haha… Aber so lo­gisch ist es nicht im­mer: "Der Vo­gel SITZT im Baum"… ob­wohl er auf sei­nen Beine steht :)

  8. Ein Kran­ker wird ge­fragt … Was fehlt Dir denn /​was hast´n Du?

    Wahr­schein­lich öff­nen ab ers­ten März wie­der die Friseur:Innen oder doch eher die Friseus:Innen.

    Dann esse ich doch lie­ber ein Schnit­zel mit wür­zi­ger Soße statt mit Sinti und Roma Soße. Aber das ist schon wie­der eine an­dere Baustelle.

  9. Im Fran­zö­si­schen ist wirk­lich al­les ein­fa­cher. Mit ganz or­dent­li­chem Schul­fran­zö­sisch aus­ge­stat­tet fuhr ich einst mit dem Rad durch Frank­reich. Schnell merkte ich: Ich hatte all die schö­nen Ver­ben um­sonst ge­lernt. Au­ßer "mettre" (stel­len, ste­hen, le­gen, ..) und "faire" (ma­chen, tun, und vie­les an­dere) braucht man ei­gent­lich nichts weiter. 

    Du suchst ein Zim­mer? In der Gite ne­ben dem Gast­hof, da ma­chen sie Zim­mer (Ils font des cham­bres). Du möchs­test ein Mes­ser kau­fen? Da im La­den ma­chen sie Mes­ser (Ils font des cou­teaux). Wo­her ich heute her­kam? Ach, Du hast den Paß ge­macht (Tu as fait le col). Und bei Peu­geot ma­chen sie Au­tos (Ils font des voitures). Aber klar doch…

  10. bei "die Gren­zen mö­gen of­fen sein…" musste ich so la­chen, dass mein mo­bi­les End­ge­rät jetzt ei­nen Kaf­fee-Scha­den hat
    Danke dafür ;-)

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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