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Aufzeichnungen aus der Quarantäne

An den täglichen Umgang mit Worten wie „Pandemie“, „Inzidenz“ und „Lockdown“ hatte ich mich zähneknirschend gewöhnt. Auch daran, dass diese Begriffe ihre bis dahin abstrakte Entfernung verloren hatten und mich unmittelbar betrafen. Darauf, dass dann aber auch noch eine weitere der Vokabeln mit unanständig hoher Inflation praktische Gestalt annehmen würde, war ich irgendwie nicht eingestellt. Anderseits – warum sollte der Kelch „Quarantäne“ gerade an mir vorübergehen. Wie es war, ihn über die Feiertage und den Jahreswechseln zu leeren, habe ich im Interesse der Wissenschaft getreulich dokumentiert.

Tag 1

Weil ich meiner, wie sich kurz darauf herausstellte, infizierten Mutter einen Geburtstagsbesuch abgestattet habe, muss ich zwei Wochen in Isolation verbringen. Ein passender Abschluss für dieses hoffentlich einmalig misslungene Jahr, und mal wieder eine Erfahrung mehr.

Eingewöhnung in die Umstände.
Eingewöhnung in die Umstände.

Nun sitze ich also fest. Beziehungsweise wir, denn immerhin sind wir zu zweit. Ein bisschen freue ich mich sogar. Endlich mal richtig viel Zeit. Vielleicht sogar für ein paar dieser Dinge, die immer wieder liegenbleiben und aufgeschoben werden. Oder für die vielen Schnapsreste, die sich auf diversen WG-Partys angesammelt haben. Genügend Potenzial für ungeahnte Produktivität oder ausgedehnte Erholung.

Tag 4

Es ist Weihnachten. Ein Tag wie alle anderen. Die Zimmerpflanze ist mit Christbaumkugeln geschmückt und ich übe unermüdlich Claire de lune auf dem Klavier, das Mitleid für die Nachbarschaft verdrängend. (Unglücklicherweise ist meine Leidenschaft für das Instrument sehr viel größer als mein Talent. Und meine chronische Faulheit unverhältnismäßig besser ausgeprägt als mein Ehrgeiz, was die Sache nicht gerade besser macht.) Als irgendwann Bässe beginnen, durch die Decke zu hämmern und mir im Rennen um die nervigste Geräuschkulisse nicht den leisesten (!) Hauch einer Chance lassen, gebe ich mich geschlagen und befinde, dass ich nun wirklich ein paar Stunden Nichts-Tun verdient habe.

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Ich verbringe sie mit Grübeleien über die neulich versehentlich auf der Tastatur entstandene Wortschöpfung „Alttag“ und ihren Zusammenhang zum ursprüglichen Begriff „Alltag.“ Kann ein Alttag wie Alteisen auf dem Wertstoffhof entsorgt werden? Und wohin führt die Entsorgung des Alltags?

Frohe Weihnachten! oder: Familie ist eine Frage der Perspektive.
Frohe Weihnachten! oder: Familie ist eine Frage der Perspektive.

Tag 6

Wir schauen Fluch der Karibik. Endlich mal die Zeit sinnvoll nutzen und herausfinden, was an diesem Hype dran ist, der seinerzeit komplett an mir vorbeigegangen ist. Das kann ich getrost als Sozialforschung gelten lassen, finde ich. Leider bewahrt mich diese raffinierte Tatsachenbeschönigung nicht vor der furchtbaren Plattheit des Films. Überraschend kommt sie jedoch nicht und findet, vor allem in Ermangelung einer effektiven Proteststrategie, meine stillschweigende Akzeptanz. Stellt sich die Frage, ob das alle so handhaben, oder ob der Großteil von uns wirklich so abgestumpft ist wie die Witze und Klischees, mit denen Hollywood viele Millionen Dollar und vollkommen verquere Lebensvorstellungen generiert. Adorno lässt grüßen und ich grüße zurück, lasse mich dann aber doch ein wenig von den schönen Karibikaufnahmen und dem leidlich attraktiven Piraten korrumpieren.

Quarantäne-Challenge: ein Stilleben aus Gegegenständen, die mit dem Buchstaben G beginnen.
Quarantäne-Challenge: ein Stilleben aus Gegegenständen, die mit dem Buchstaben G beginnen.

Tag 7

Ich liege auf dem Fußboden und starre an die Decke. Die Lethargie umschleicht mich und dringt langsam in mich ein. Ich habe mal wieder das Gefühl, dass alles verschwimmt. Dass mir alles entgleitet. Mein Rücken tut weh vom vielen Schlafen, und meine Konzentration reicht für nicht viel mehr als immer wieder Minesweeper zu spielen, das wohl langweiligste Handyspiel der Welt. Ich habe es immer noch nicht geschafft, den Extrem-Modus zu lösen. Extrem deprimierend.

Aber auch die Lethargie hat ihre Existenzberechtigung. Zumindest mehr als viele andere Zustände, finde ich und liste solche zum Trost in meinem Kopf alphabetisch auf. Sie reichen von A wie Alternativlosigkeit bis Z wie Zwiebelunverträglichkeit.

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Tag 8

Ich bekomme Distanzbesuch. Das tägliche Outfit aus ranziger Jogginghose, ausgeleiertem Pulli und lädierten Tigerhausschuhen um einen Pelzmantel ergänzend, trete ich huldvoll auf den Balkon und empfange mithilfe eines improvisierten Seilzugs ein Walkie-Talkie nebst verschiedener Mitbringsel. Über die Straße und den Zuglärm hinweg fachsimple ich mit meiner ritterlichen Ordenskollegin über Weihnachtsmänner, Zwangsstörungen und die heilsame Kraft durchzechter Nächte. Den Rest des Tages verbringe ich, abwechselnd Schokobons und eingelegte Knoblauchzehen snackend, mit zwei weiteren Teilen Fluch der Karibik.

Rederfrick verbringt die Zeit kontemplativ auf dem Sofa.
Rederfrick verbringt die Zeit kontemplativ auf dem Sofa.

Tag 11

Frühstück auf dem Balkon – ich habe die Sonne wiederentdeckt und gemeinsam mit ihr die Euphorie, die sie bei mir auslöst und die unmittelbar mit dem Wunsch nach einem alkoholischen Getränk mit Eiswürfeln verknüpft ist. Der letzte Tag des Jahres schmeckt nach Wodka, blauem Himmel und Frühling mitten im Winter.

Heute bin ich mal wieder froh über die Isolation – sie erspart mir die übliche Überlegung, auf welcher Party ich mich zu diesem vollkommen überschätzten Anlass langweilen soll. Ersatzprogramm: Erwin Strittmatter, Videoanrufe und Wein. Um Mitternacht halten wir auf dem Balkon Auschau nach Feuerwerk und finden nicht nur das, sondern auch unseren (momentan ausgelagerten) Mitbewohner, der uns überraschend mit seiner Anwesenheit und einer Flasche Sekt per Seilzug beglückt.

Ich beginne das neue Jahr mit der Erkenntnis, dass alles sehr viel schlimmer sein könnte.

Wiederentdeckte Lebensfreude.
Wiederentdeckte Lebensfreude.

Tag 14

Das Gesundheitsamt hat sich bis heute nicht gemeldet. Wie es mit einem derart offentsichtlichen Mangel an Kapazitäten gelingen soll, die Situation in den Griff zu bekommen, bleibt mir schleierhaft.

Morgen war’s das jedenfalls mit der Quarantäne. Ganz schön unspektakulär – sie wird keine Spuren hinterlassen. Keine pauschal-wegweisenden Erkenntnisse haben sich mir enthüllt, keine neuen Bewusstseinszustände sich mir erschlossen. Keine Decke ist mir auf den Kopf gefallen. Nicht einmal um die Erfahrung der Langeweile bin ich reicher; sie hat sich bis zum Schluss nicht eingestellt. Ich muss mir nichts schönreden, um dieses Erlebnis glättend in meine Biografie, Identität oder Weltanschauung einzuordnen und werde also ungeläutert in die wiederaufblühende Ära der sozialen Kontakte und fleckenlosen Kleidungsstücke einmarschieren.

    Und die Moral von der Geschicht‘?
    Das sieht man doch – es gibt sie nicht.

Die aktuellen Quarantäne-Regeln gibt es hier in der Übersicht.

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Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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