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Der Dresdner Stollen ist heilig

Ja und wie. Je­der Ein­hei­mi­sche weiß, was hin­ein­ge­hört und was nicht. Und je­der hat na­tür­lich auch sein ei­ge­nes Re­zept, sei­nen ei­ge­nen Ge­schmack. Ganz gleich, ob es sich um ei­nen Ro­si­nen­stol­len, ei­nen Mohns­trie­zel, ei­nen Man­del- oder Mar­zi­pan­stol­len han­delt. Na­tür­lich schmeckt je­der Stol­len an­ders. So­mit be­gin­nen spä­tes­tens im No­vem­ber je­des Jahr die Ver­kos­tun­gen bei den vie­len Bä­ckern in der Stadt und im Um­land. Da ist man hier sehr ei­gen und lässt sich auch nicht, wenn man sich ein­mal fest­ge­legt hat, von sei­ner Mei­nung ab­brin­gen. Von Aus­wär­ti­gen schon gar nicht. Krach selbst un­ter bes­ten Freun­den ist vor­pro­gram­miert. Die Bä­cker freuts, und so ha­ben alle was davon. 

Weihnachtsstollen - Foto: kakuko, Pixabay
Weih­nachts­stol­len – Foto: ka­kuko, Pixabay

Das war nicht immer so 

Zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts nahm man es in den hie­si­gen Back­stu­ben mit der Sau­ber­keit und der Ord­nung, auch beim Christ­stol­len, der ein Ro­si­nen­stol­len war, nicht so ge­nau. Da wurde ver­schüt­te­tes Mehl mit al­lem, was sich so auf dem Bo­den be­fand, zu­sam­men­ge­fegt und in den Back­trog zu­rück­ge­führt. Bloß nichts ver­schwen­den. Hän­de­wa­schen nach dem Klo­gang? Über­flüs­sig. Min­der­wer­tige Pro­dukte zur Ge­winn­ma­xi­mie­rung ver­wen­den? Gang und gebe. Ran­zige But­ter weg­wer­fen? Kommt nicht in­frage. Hat schließ­lich Geld ge­kos­tet. Die Zu­be­rei­tungs­ti­sche rei­ni­gen? Muss nicht sein. Wer­den doch eh wie­der schmutzig. 

Die Be­schwer­den der Kund­schaft über merk­wür­dige Ge­schmä­cker und In­halte, be­son­ders in den ge­lieb­ten Stol­len, nah­men zu. Und diese Prak­ti­ken schä­dig­ten den Ruf der Stadt und den da­mals schon stark wach­sen­den Ver­sand in alle deut­schen Ge­gen­den uns ins Aus­land. Schließ­lich musste der Rat der Stadt ord­nend und dra­ko­nisch in das Back­ge­schäft eingreifen.

Für die Rettung des Stollens

Kurz vor Weih­nach­ten 1903 ver­öf­fent­lich­ten die Dresd­ner Neu­es­ten Nach­rich­ten diese Ver­ord­nung für mehr Sau­ber­keit und Ord­nung in den Dresd­ner Back­stu­ben. Die ein­zel­nen Pa­ra­gra­fen war­fen ein kenn­zeich­nen­des Licht auf die merk­wür­di­gen und manch­mal ekel­haf­ten Zu­stände. Da­mals wohl­be­merkt. Das war wohl auch not­wen­dig, da ein be­züg­li­ches Reichs­ge­setz von 1879 über den Ver­kehr mit Nah­rungs- und Ge­nuss­mit­tel in der Durch­set­zung nicht so rich­tig funktionierte. 

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Diese Dres­den Son­der­ver­ord­nung musste nun in je­dem Back­wa­ren­ge­schäft an „gut le­ser­lich an leicht zu­gäng­li­chen Stel­len an­ge­bracht“ wer­den. Fehlte sie, wa­ren 3 Mark Geld­strafe fällig. 

Auszüge aus dieser Vorschrift

  • Alle Back­ge­rät­schaf­ten sind pein­lich sau­ber zu hal­ten. Wasch­be­cken und Spuck­näpfe sind in aus­rei­chen­der Zahl be­reit zu hal­ten. Die Hand­tü­cher für die Ar­bei­ter sind drei­mal pro Wo­che zu wech­seln. Auf­tre­ten­des Un­ge­zie­fer ist so­fort zu beseitigen. 
  • Die Back­stu­ben und die Räume zur Auf­be­wah­rung von Back­wa­ren, Mehl und der­glei­chen dür­fen nicht zum Schla­fen be­nutzt wer­den und an­dere als zum Ba­cken die­nende Han­tie­run­gen dür­fen in ih­nen nicht vor­ge­nom­men wer­den. (Wel­che „Han­tie­run­gen“ ge­meint wa­ren, wurde nicht er­wähnt.) Ver­bo­ten wur­den auch die täg­li­chen Kör­per­wa­schun­gen in den Backräumen. 
  • Die Back­tröge und die zum Ba­cken be­nutz­ten Ti­sche durf­ten nicht zum Aus­ru­hen und zum Ab­stel­len von Ess­ge­schirr be­nutzt werden. 
  • Die Schlaf­stel­len der Ge­sel­len, Lehr­linge und Dienst­bo­ten müs­sen „ge­sund“ sein, ge­nü­gend Luft und Licht ha­ben und täg­lich ge­rei­nigt werden.
  • Beim Ver­kauf der Back­wa­ren darf be­schrie­be­nes und be­druck­tes Pa­pier nicht ver­wen­det wer­den. Die Aus­nahme ist ein ein­sei­ti­ger Auf­druck der je­wei­li­gen Bäckerei. 
  • Kranke und an Haut­krank­hei­ten, wie Aus­schlag und der­glei­chen, lei­dende Per­so­nen dür­fen nicht be­schäf­tigt werden.
  • Back­wa­ren, Teig, Mehl und der­glei­chen sind je­der­zeit in über­deck­ten, luf­ti­gen und tro­cke­nen Räu­men auf­zu­be­wah­ren, nicht aber in Hö­fen, Schlaf­räu­men oder an Or­ten, wo die Ein­wir­kung von schlech­ten Düns­ten, dump­fer Luft, Feuch­tig­keit oder Ver­un­rei­ni­gung zu er­war­ten ist.
  • Ver­bo­ten wurde nun ein­deu­tig die Ver­wen­dung von ver­dor­be­nen und ver­un­rei­nig­ten Stof­fen und der Ver­kauf der dar­aus her­ge­stell­ten Produkte.

Aber für die Stol­len des Jahr­gan­ges 1903 galt diese Ver­ord­nung noch nicht, erst ab dem neuen Jahr. Da konnte es pas­sie­ren, dass man beim ge­nüss­li­chen Biss in ei­nen Christ­stol­len an Hei­lig­abend ein Stein­chen er­wischte und viel­leicht ei­nen Zahn ver­lor. Aber den konnte man we­nigs­tens für gu­tes Geld verkaufen. 

Zeithainer Riesenstollen

Kupferstich mit Riesenstollen vom Zeithainer Lustlager
Kup­fer­stich mit Rie­sen­stol­len vom Zeit­hai­ner Lustlager

In Dres­den wird in nor­ma­len Jah­ren in der Vor­weih­nachts­zeit das Stol­len­fest ge­fei­ert. Das geht auf den Kunst- und Kul­tur­for­scher Pe­ter Mut­schel­ler zu­rück, der die­ses Fest eta­blierte und da­bei auf den le­gen­dä­ren Kup­fer­stich mit dem Rie­sen­stol­len des Zeit­hai­ner Lust­la­gers ver­wies. Die­ses Lust­la­ger ließ der säch­si­sche Kur­fürst Au­gust der Starke im Jahr 1730 als opu­lente Trup­pen­schau ver­an­stal­ten, al­ler­dings im Sommer.

Un­ter der Ru­brik "Vor 100 Jah­ren" ver­öf­fent­li­chen wir in lo­ser Rei­hen­folge An­ek­do­ten aus dem Le­ben, Han­deln und Den­ken von Ur­oma und Ur­opa. Da­für hat der Dresd­ner Schrift­stel­ler und Jour­na­list Heinz Kulb die Zei­tungs­ar­chive in der Säch­si­schen Lan­des- und Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek durchstöbert.

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