Wie sich die Zeiten ändern…

Freitagabend. In einem kleinen Büro am Rande der Bunten Republik. Durch die Fenster zieht eine merkwürdige Mischung aus Disco-Sound und Rockmusik. Ich habe gerade den Nachmittagsbericht fertig und staune nun, wie Ronaldo mit einem supersoften Lupfer den Ausgleichstreffer erzielt. Gleich will ich mich wieder in die Massen stürzen.

Plötzlich klopft es. Ein fröhliches „Hallo“ – eine freundliche Frauenstimme klingt aus dem Hausflur. Ich schau aus dem Büro. Huch. Gleich zwei Polizistinnen stehen im Gang. Erinnerungen kommen hoch. Fast die gleiche Situation habe ich doch schon vor 26 Jahren erlebt.

Doch das dämmert mir erst später. Denn die eine Polizistin, eine mit ziemlich niedlichen Zöpfen, spricht mich direkt an: „Wir suchen die Toilette“ – ah ja, stimmt. Das war vereinbart, die Polizisten, die den Osteingang der Louisenstraße kontrollieren, dürfen bei uns aufs Klo. Grinsend weise ich den Weg. Wenig später höre ich noch ein kicherndes „Auf Wiedersehen“. Noch später werde ich die Polizistin neben dem Glascontainer stehen sehen, wie sie vorsichtig zur Musik mitwippt.

Nais-Netto auf der Kamenzer Straße
Nais-Netto auf der Kamenzer Straße
So gestärkt stürze ich mich in den Freitag-Abend. Inzwischen ist es doch recht voll geworden. Ich stapfe einmal rundherum, entgegen des Uhrzeigersinns. Auf der Kamenzer Straße wird getanzt, vorm Laika und dem Nais-Netto-DJ-Pult. Fröhliche Gesichter, gute Stimmung.


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Weiter geht’s zu Okzident und Orient. Ich erinnere mich, vor ein paar Jahren standen hier die Techno-Boxen-Türme dicht an dicht. Nun ist es lockerer, beschwingter, auch hier wirbeln Tanzbeine. Im Licht der Retro-Lampen sehe ich glückliche Augen, lachende Münder.

Tanzstunde auf der Sebnitzer Straße
Tanzstunde auf der Sebnitzer Straße

Weiter, weiter, bloß nichts verpassen. Den Fehler mache ich zwar jedes Jahr, aber wer will mich schon aufhalten. An der BRN-Tanzstube versuche ich die Leuchtbuchstaben, die einst schon am Martin-Luther-Platz und später an der Kamenzer Straße im Einsatz waren aufs Bild zu bekommen.

Plötzlich landet krachend ein Klappstuhl vor meinen Füßen. Geworfen von einem jungen Burschen. Ich starre ihn an. Er starrt zurück. Huch, gibt das jetzt ne Konfrontation? Den Oberarmen, die im Laternenlicht glänzen, bin ich bestimmt nicht gewachsen. Und dennoch werfe ich ihm ein „Warum?“ hin. Er kommt rüber. Ganz freundlich, der Stuhl sei gewissermaßen aus Versehen geflogen und er habe mich auf jeden Fall nicht treffen wollen. Ich kann mir eine väterliche Bemerkung „Ja, wir waren alle mal jung“ nicht verkneifen, bin aber eigentlich ganz froh, dass alles so friedlich ausgegangen ist.

BRN - Bunte Republik Neustadt
BRN – Bunte Republik Neustadt

Weiter geht’s vorm Boys, DJ Lara Liqueur lässt die Massen zappeln. Auch hier nur vereinzelt biergrimmige Gesichter, die meisten strahlen und hopsen. Irgendwo hier müsste eigentlich auch eine mir anvertraute Göre rumspringen, aber dazu später. Vor Lady Yules Lädchen dann für die Alaunstraße ungewohnt rockige Klänge, dazu zwei Teenager, die aus vollem Hals irgendeinen Achtziger-Jahre-Song mitkreischen. Mir treibt das spontan ein Schmunzeln ins Gesicht.

Bei Harald (100 Lieblingsweine) bekomme ich einen feinen Espresso – nun kann ich die Runde weiterdrehen. Vor der Scheune ist noch ein bisschen Luft und Überraschung, schon wieder Rock-Klänge, zwei Langhaarige zupfen an ihren E-Gitarren, andere Langhaarige lassen ihre Mähne wehen, ach ja. Hinter dem Jugendklub wird es elektronischer und dunkler.

Lichtkunst hinter der Scheune
Lichtkunst hinter der Scheune

Weiter geht’s über die Louisen- auf die Rothenburger Straße. Hier hat vor ein paar Tagen ein neues Lädchen eröffnet. Im „Crispy Bacon“ gibt’s aber keine Schinken, dafür viel elektronische Musik auf Vinyl und unterstützende Textilien. Toll. Mit fetten Bässen und Techno-Sound der späten 90er führen sie sich auch schon mal ganz gut ein. Da kann der Alexanderplatz nebenan nicht mithalten, auch wenn es von dort eine sehr schicke Videoprojektion gibt. Das Hoftor der alten Fleischerei Haberland ächzt resonanzend mit.

Lichtkunst am Alexanderplatz
Lichtkunst am Alexanderplatz

Weiter auf die Böhmische, vorm Amselhof gibt es Elektro-Sound, das ist neu und die laue Sommernacht animiert zwei junge Mädels sich ziemlich frei zu machen. Da fällt mir ein, wo ist eigentlich die Göre? Aber dazu später.

Vor der Kirche singen Marmitako um die Wette, das Publikum, überwiegend weiblich, schwingt verzückt mit. Dann Ende – 1 Uhr. Die meisten Bühnen machen pünktlich Schluss.

Marmitako
Marmitako

Kontakt zur Göre: „Ich will noch nicht nach Hause. BRN ist doch nur einmal im Jahr. Und hier im Alaunpark (Hach bin ich froh, dass sie nicht A-Park sagt) könne ihr doch gar nichts passieren, rundherum Polizei.“

Das will ich mir noch schnell ansehen, etwas anderes muss ich mir vorher aber ansehen. Mitten auf der Louisenstraße, vorm Mondfisch, holt ein Halbstarker sein Gemächt aus den Shorts und strullt aufs Pflaster. Ich überlege kurz ob ich ihn anspreche, verkloppe oder einfach nur die Shorts runterreiße. Ich verwerfe alles, fürchte, dass er mit seinem nicht enden wollenden Strahl wohl mich treffen könne. Also mache ich einen Bogen, so wie etliche andere auch. Sekunden später ist er in der Menge verschwunden. Das Igitt-Gefühl bleibt noch eine kleine Weile.

Später am Alaunplatz, das Mädel versichert, sie sei in guten Händen und tatsächlich die Polizei hat den Park gut beleuchtet und passt auf. Ich verziehe mich vom ausklingenden Fest und bin mit dem Freitag letztlich und endlich ganz glücklich.

5 Kommentare zu “Wie sich die Zeiten ändern…

  1. Dein leben & mein Geld möchte ich haben. :-)
    Und: Ich liebe Polizistinnen !!!
    (Nur gefunden hat mich noch Keine)

    Grüße aus Wien,

    I.

  2. moin, mir ist gerade aufgefallen, dass das scheune hauptbühneprogramm am samstag nicht korrekt ist (zeigt die bands vom freitag).

    vg

  3. @brom26

    Sowas verwirrt dich ? Also mich hat verwirrt, dass Anton sich gestärkt fühlt, wenn er einer Polizistin mit „niedlichen Zöpfen“ den Weg zum Klo erklärt.

    ;-)

  4. Alexanderplatz bedankt sich dennoch, auch wenn nur die Lichtinstallation als „schick“ betitelt wird.

    There is no competition.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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