Von kleinen Punkern und großem Kino

Ich bin geblendet. Ein Scheinwerfer leuchtet mir mit seinen 300 Watt voll ins Gesicht. Und das am frühen Morgen. Was geht hier vor? Ist dem Konsum ein Licht aufgegangen? Doch dann, ich traue meinen Augen kaum, bin ich etwa noch geblendet, läuft ein Punk durchs Gemüseregal. Das kann doch nun wirklich nicht sein, ich reibe mir erst die Augen, dann schaue ich auf die Uhr. Es ist kurz nach acht Uhr früh. Für Punker beginnt normalerweise jetzt die Tiefschlafphase, hier im Konsum auf der Alaunstraße habe ich zumindest um die Zeit noch keinen gesehen.

Ich tue also so, als würde ich mich auch für Obst und Gemüse interessieren und trete etwas dichter heran. Dann sehe ich eine riesige Kamera, ein paar Schienen und einen hektischen Assistenten, der mich wieder zurückdrängt. „Gehen Sie doch bitte aus dem Licht.“ Doch jetzt bin ich erst richtig neugierig geworden und erkenne, der Punk ist gar keiner, dafür hat er viel zu saubere Fingernägel und der Irokesenschnitt auf dem Kopf ist auch viel zu akkurat. Außerdem ist die Lederjacke zu teuer. Na, das wird wohl ein Schauspieler sein. Der Assistent ruft und die Punkeratrappe läuft ein paar Schritte, greift sich einen Apfel und der Kameramann zieht ne Grimasse. Alles noch mal auf Position. Fehlt nur noch, dass hier jemand mit ´nem Regiestuhl und so ´ner Filmklappe rumläuft.

Eine Verkäuferin verrät mir, dass hier ein Werbespot gedreht wird für den Markt, der soll dann bei den Filmnächten gezeigt werden. Ich bin gespannt, was dabei rauskommt und ob nur mir der Schwindel auffallen wird. Die Verkäuferin lächelt verschmitzt: „Dass der nicht echt ist, war mir gleich klar, um die Zeit schlafen die doch noch.“ Dann erzählt sie noch, dass sie heute alle ganz leise sein müssen, wegen der Filmaufnahmen. Ich bestelle mir flüsternd noch eine Zeitung und ziehe leise von dannen.

Wie richtige Punks aussehen, können sich die Konsummitarbeiter am kommenden Wochenende aus nächster Nähe ansehen, wenn zum Geburtstag der Bunten Republik wieder bunt geschmückte Menschen aus aller Welt anreisen und dann statt Obst und Gemüse die ein oder andere Palette mit Bierdosen mitnehmen.


Anmerkung 2006: Der Werbespot wurde nun schon im zweiten Jahr bei den Filmnächten am Elbufer gezeigt.
Anmerkung 2007: Die Produktionsfirma hat den Spot inzwischen auf ihre Webseite gestellt. Und wenn ich nicht so ein Kulturbanause wäre, hätte mir der Bursche auch aus dem Theater bekannt sein müssen.


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