Von Verbeugungen und anderen Unterschieden

Es ist laut hier. Zigarettenrauch hängt in der Luft und der junge Mann neben mir hat soeben seine Bierflasche umgeschüttet. Wenige Meter entfernt steht eine Band auf der Bühne. Die Gitarristen lassen ihre Instrumente lässig auf Kniehöhe hängen und der Sänger scheint fast in das Mikrofon zu beißen. Ein verrückter Fan springt von der Bühne und hat Glück, dass ihn das Publikum auffängt. Dann folgt eine Pause, ich bin ganz froh, dass die Musik etwas leiser ist und ich mich draußen auf die Steintreppe setzen kann.

In diesem Moment der Besinnung schweifen meine Gedanken zurück zum Vorabend. In bedächtiger Stille saß ich in der Drei-Königs-Kirche auf der Hauptstraße und lauschte einem Chor. Vario vocale heißt er und ein Freund hatte mich überredet, mir das mal anzuhören. Sanft und fein dringen die Stimmen an mein Ohr. Nur ab und zu höre ich die eine oder andere Stimme etwas lauter heraus. Die eine Sängerin, sie ist noch sehr jung und wohl besonders eifrig, denn sie wiegt sich regelrecht in die Klänge der Musik. Diese Stimme glaube ich aus dem Gesamtbild ab und an herauszuhören. Doch was weiß ich, vielleicht soll es ja gar so sein. Die ganze Stimmung ist so friedlich, dass der zwangsläufige Applaus am Ende des Konzertes mir deplaziert vorkommt, aber die Sänger freuen sich und verbeugen sich höflich.

Eine Hand auf meiner Schulter reißt mich aus den Gedanken. „Na, noch ein Bierchen.“ Mit Mühe begreife ich das reale Umfeld. Ich sitze in der Scheune auf der Treppe und hier ist gerade Pause zwischen zwei Live-Bands. Klar nehme ich noch ein Bier, aber bitte aus der Flasche. Die nächste Musikertruppe hat sich auf der Bühne aufgebaut. Das Publikum schwatzt noch laut und neben mir am Tresen rülpst einer. Ein Lächeln huscht mir übers Gesicht. Gestern war es so, dass in jeder Sanges-Pause heiseres Husten und Räuspern zu hören war. Niemand wollte die Künstler stören. Dies ist heute vollkommen egal. Im Gegenteil, inzwischen sind die Jungs auf der Bühne richtig in Fahrt gekommen und das Publikum tobt nicht nur nach den einzelnen Musiktiteln. Ein weiterer verrückter Fan springt auf die Bühne, aber statt wieder zurück ins Publikum zu springen, führt er ein kleines Tänzchen auf, lenkt den Schlagzeuger ab und darf sich zum Schluss sogar mit verbeugen.

Am Ende des Abends schwirrt mir zwar der Kopf, doch irgendwie bin ich froh, diese kulturelle Bandbreite hier in der Neustadt erleben zu dürfen.


Anzeige

Palais-Sommer

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.