Gentrifizierung – Vortrag und Diskussion

Viertel im Wandel ... Foto: Archiv
Viertel im Wandel … Foto: Archiv
Die „rebellische Mietgemeinschaft Hoyerswerdaer Straße 31“ lädt am Sonntag Nachmittag zu einer Gentrifizierungsdebatte ins Bautzner Tor. Der Journalist Peter Nowak will mit einem Vortrag das Phänomen erläutern.

In der Ankündigung der Veranstaltung heißt es unter anderem:

Die Aufwertung von Stadtteilen und die Vertreibung von einkommensschwachen Bevölkerungsteilen ist so alt wie der Kapitalismus, der Widerstand der betroffenen Mieter_innen ebenfalls.

Die Neustadt hat sich seit den frühen Neunzigern etwas verändert. Die damit einhergehenden sozialen Veränderungen werden Gentrifizierung genannt.
Die Neustadt hat sich seit den frühen Neunzigern etwas verändert. Die damit einhergehenden sozialen Veränderungen werden Gentrifizierung genannt.
Nowak, der unter anderem für Zeitungen wie „Jungle World“, „Direkte Aktion“, „Neues Deutschland“ und „Der Freitag“ schreibt, hat im März vergangenen Jahres das Buch „Zwangsräumungen verhindern“ veröffentlicht, indem er auf die gleichnamige Berliner Kampagne eingeht, deren Vorläufer in der Weimarer Republik beleuchtet, und einen Blick auf Spanien wirft. Dort ist die Bewegung gegen Wohnungs- und Häuserräumungen ein innenpolitischer Faktor geworden.

Dass die Veranstalter des Abends das Thema interessiert, ist verständlich. Denn das Haus, in dem sie zum Teil seit mehr als zehn Jahren wohnen, wurde kürzlich verkauft. Eine Sanierung steht an, entsprechend groß sind die Befürchtungen der Mieter bezüglich Mietsteigerungen.


Anzeige

Mitarbeiter gesucht bei Simmel

  • Vortrag und Diskussion „Gentrifizierung und Widerstand“ mit Peter Nowak, Sonntag, 22. Februar, 15 Uhr, Bautzner Tor, Hoyerswerdaer Straße 37, 01099 Dresden. Weitere Infos zur „rebellischen Mietergemeinschaft“ unter: www.wbadresden.noblogs.org

39 Kommentare zu “Gentrifizierung – Vortrag und Diskussion

  1. „Ruinen schaffen ohne Waffen“ – dieses Motto aus DDR-Zeiten galt auch für die Dresdner Neustadt, die nach Plänen der sozialistischen Stadtverwaltung aus den 1980er Jahren in der Folgezeit weitgehend durch ein Plattenbaugebiet ersetzt werden sollte.

  2. Gentrifizierung – das „Früher war alles besser!“ von der Stadtentwicklungsdebatten.

    Ich finde als Gesamteffekt braucht man das nicht diskutieren. Einzelfälle? Ja, darüber sollte man reden.

    Aber ohne Wandel im Stadtbild wäre zumindest ich nicht in der Dresdner Neustadt gelandet.

  3. Wann gab es in der Neustadt denn eine Bombardierung? Davon abgesehen, wo ist das Foto aufgenommen. Sieht aus wie Louisenstraße Rückseite vom jetzigen Spielplatz -Talstraße-Ostseite betrachtet. Aber nen Wolga habe ich dort nicht gesehen;-)

  4. Die Geschichte mit dem Plattenbaugebiet habe ich schon oft gehört, aber wirklich belegen lässt sie sich nicht, oder doch? Zumindest hätte sich da jeder eine Wohnung leisten können, im Gegensatz zum jetzigen Plattenbaugebiet oberhalb des Alaunplatzes bsw. …

  5. Vom Zustand der Häuser her tippe ich auf die Sebnitzer. Ich meine mich erinnern zu können, dass man dort vom Fußweg aus quer durch alle Etagen und das Dach in den Himmel sehen konnte.

  6. Natürlich gab es in der Neustadt Bombenschäden – allerdings eher Punktuell und zufällig. So ist der gesamte Bereich um die Kreuzung Alaun-Louisenstrasse, jede Menge um den Albertplatz sowie der Bereich Bischofsweg-Frühlingstrasse zum Opfer gefallen. Teile der Prießnitzstrasse (Höhe Bischofsweg) konnten nach einigen Brandbombeneinschlägen nur durch schnelle Nutzung des Prießnitzwassers dem Feuer entrissen werden, wo angeblich sogar Feuerwehren aus dem Umland halfen. Die großen Baulücken entlang der Bautzner Strasse dürften auch durch den Krieg entstanden sein und nicht zu vergessen der Monumentalkasernenbau oberhalb des Alaunparks, welcher als Ruine dann abgerissen wurde. An einigen Stellen stehen Neubauten erst seit den letzten Jahren.

  7. @Rudi: So etwas ist auch wirklich passiert. Ich bin im Frühjahr 1989 zwecks Studium in den Leipziger Osten gezogen. In jenem Frühjahr ist fast ganz Volkmarsdorf abgerissen worden: Der Bereich zwischen Ernst-Thälmann-Str. (heute Eisenbahnstr.) und Wurzener Str. Ein ganzes Viertel Haus für Haus weg und Platte hin.
    Ja, wohnen war zu DDR-Zeiten billig – aber in solche Platten mit diesem Standart damals würde heute kaum noch jemand einziehen wollen.

    @nepomuk: natürlich gab es in der Äußeren Neustadt ein paar Bombenschäden, aber nicht vergleichbar mit allem südlich der Bautzner Str. Und so manches Haus fiel wirklich der DDR-Wirtschaft zum Opfer: hinter der Martin-Luther-Kirche die Dachdeckerei (gesprengt), ebenso m.E. die Mokka-Perle auf der Bautzner.

  8. auf der Görlitzer gegenüber der Schule wurde auch mal ein Haus gesprengt… da gabs schön Schulfrei… damals war alles besser!

  9. @nepumuk

    “Natürlich gab es in der Neustadt Bombenschäden – allerdings eher Punktuell und zufällig.”

    Was zum Teil auch daran liegt, dass einige dieser Bombenschäden erst nach dem 13./14. Februar entstanden.
    Zu diesen Abwürfen kam es, wenn einige Bomber ihren Angriff abrechen mussten, ihr Primärziel wetterbedingt verfehlten und es auch nicht mehr erreichen konnten, oder auch, so wie am Albertplatz angeblich passiert, ein Bomber aufgrund von Schäden durch Flakbeschuss abstürzte. Die Rest-Bomben warf man dann eben auf alles, was irgendwie nach einem Ziel aussah, einfach schon um das Gewicht der Bomben loszuwerden und damit etwas schneller, vielleicht auch etwas höher unterwegs zu sein.
    Außerdem war Krieg und am Boden überall Feind, also warum das Zeug wieder mit zum Flugplatz nehmen, das wäre ja grober Unsinn. Insgesamt gab es aber mind. 2 weitere „größere“ Bombardierungen. Einmal flogen am 2. März 1945 455 B-17-Bomber Dresden als Ersatzziel an und dann noch einmal am 17. April `45 mit 572 Maschinen. Bei diesen beiden Abwürfen sind wohl erst in der Neustadt und ihren angrenzenden Vierteln noch viele Schäden entstanden.

  10. Genau, Hinzen. Die Angriffe nach dem Februar 1945 – also die im März und April – waren weitaus größer und diese waren es wohl auch vorrangig, welche dann einige Schäden in der ÄN anrichteten. Ich bin da aber jetzt auch kein minutiöser Fachmann dafür. Die Innenstadt lag ohnehin in Trümmern, da zerballerte man noch die letzten aufrecht stehenden Steine.

    @Ecki: die Mokka-Perle war dazumal aber längst keine Perle mehr :)

  11. @ nepumuk: eben, die hat die Planwirtschaft des real existierenden so zugerichtet, dass sie (wie viele andere auch) abbruchreif war.

    Die Wortwahl „zerballerte“ finde ich problematisch. Dresden war immerhin zur „Festung“ erklärt worden, und der Verkehrsknotenpunkt war ein wichtiges Drehkreuz für fliehende Nazis und Wehrmacht nach Böhmen. Auch Züge von und nach Theresienstadt fuhren hier durch … Hbf und Friedrichstadt haben nach dem Februar noch ziemlich gut funktioniert.

    Ich bin auf keinen Fall für Bombardierungen und Töten – aber in der Logik dieses Krieges war das damals leider folgerichtig, auch wenn das furchtbar klingt.

  12. @Anton: Wie meinen? Gnade der späten Geburt? Ja, richtig. Oder wurde die Perle etwa doch getilgt, um eine unliebsame Klientel zu ärgern? Schließlich war das Mokka doch eher hochprozentig.
    Eine gewisse starke Baufälligkeit ist aus FotoStarckes Wohnfenster dokumentiert – aber ich glaube, da war der Abriss gerade im Gange.

    @Ecki: Ja nun, verordnete political correctness ist nicht so meine Sache. Aber „zerballert“ kann man eigentlich weder hüh noch hott auslegen. Auch die späten Angriffswellen waren mE kaum von einer höheren Zielgenauigkeit gezeichnet, einmal war Regenwetter und tiefe Wolken, da hamse einfach Pi-mal-Daumen ausgeklappt. Die Transitinfrastrukturen (zB Bahnhöfe) waren jedes Mal schon nach Tagen wieder in Betrieb. Oder etwa nicht? Seis drum, hier gehts ja um Gentri-Fiction…. :)

  13. @nepumuk Nun, am 2.März waren die jedenfalls zuerst Richtung „Hydrierwerk Schwarzheide“ unterwegs, drehten dann aber Richtung Dresden ab und zerstörten mit ca. 1000t Spreng- und Brandbomben die Bahn- u. Gleisanlagen in Friedrichstadt (Güterbahnhof) und Neustadt + angrenzende Bebauung. Auch der Angriff am 17.April galt wohl gezielt diesen Anlagen, welche nach erneutem Abwurf von ca. 1500t Bomben als Nachschubstrecke nicht mehr nutzbar war. Ich glaube zumindest noch im März, gab es wohl noch die Möglichkeit, und das wollte die Wehrmacht wohl auch noch tun, nämlich Truppen durch Dresden in Richtung „Protektorat Böhmen und Mähren“ zu verlegen, was noch nicht aufgegeben war und wo Menschen noch bis zum 8.Mai sinnlos „verheizt“ wurden. Meinem Großvater, der sich gerade von Verletzungen erholt hatte, welche er sich bei Rückzugsgefechten in Russland zugezogen hatte, ihm hat das vielleicht das Leben gerettet, denn er sollte dort noch kämpfen und so ergab sich für ihn die Möglichkeit, die Uniform zu verbrennen und sich so diesem Wahnsinn zu entziehen, denn hier kannte er sich aus und konnte untertauchen.

  14. Nachdem wir hier diesen wirklich sehr interessanten neustadtgeschichtlichen Diskurs mitverfolgt haben, habe ich mich auf Bitten meines 13jährigen Sohnes virtuell auf die Suche des Buches „Die Äußere Neustadt: Aus der Geschichte eines Dresdner Stadtteils” aufgemacht und bin bei Amazon fündig geworden … wen es also noch interessiert: http://www.amazon.de/Die-%C3%84u%C3%9Fere-Neustadt-Geschichte-Stadtteils/dp/3937602712

    Jedenfalls danke ich euch @nepumuk @hinzundkunz @Ecki @thogo und natürlich Anton
    Launer für die inhaltlich sehr interessanten Beiträge!

  15. @Sylvia: Das gibt es auch im Lesezeichen auf der Prießnitzstraße. ;-) Meines Wissens nach sogar vorrätig. Das Buch von Una Giesecke gehört meiner Meinung nach in jeden Neustadt-Haushalt.

  16. Wie Rudi bereits vermutete: das graue Bild oben ist eindeutig Louise-Ecke Tal (ostseitig), das erhöhte Eckhaus wurde kürzlich saniert, schon in den Neunzigern ist quasi hinterm „Wolga“ ein Einfamilienhaus hineingequetscht worden (bäähh). Der Vorsprung rechts ist ein Treppenhaus des ersten Hauses an der Talstraße, auch sonst stimmen Schornsteine und Fensteranordnungen exakt überein. Es gibt mE keine weitere zu verwechselnde Ecke in der Neustadt. Also das Foto kann sicher Editiert werden, falls das noch jemand machen möchte.

  17. @ nepumuk … war in dem kürzlich sanierten Eckhaus nicht bis zur Wende unten ein Geschäft drin? Im Eckhaus gegenüber war glaube ich mal ne Post oder so… die Talstrasse war zwar sehr ruinös, aber gerade das Eckhaus hab ich besser in Schuss in Erinnerung.. auf dem Bild ist kein einziges Fenster intakt ???

  18. @sylvia
    Gut, denn Interesse an Geschichte, auch Geschichte im Allgemeinen, kann man gar nicht genug fördern! (Gerade und besonders in Dresden!) ;)

  19. Ich denke auch Sebnitzer / Ecke Görlitzer. Dort sind wir auf der Suche nach Türen mal heftigst erschrocken, weil in einer Badewanne in einer der Ruinen einer lag. Wir hatten nur Kerzen zum Leuchten, es dauerte eine Weile, bis wir erkannten, dass es eine Puppe war.

  20. Es ist die Ecke Sebnitzer/Görlitzzer. Hab das Auto damals selbst gesehen, zeitweise lag noch eine Schaufensterpuppe auf der Motorhaube (war auch als Neustadt-Klischee-Foto in irgendeiner Illustrierten). Das Haus direkt rechts vom Auto ist weg, das ist heute ein Neubau (Sebnitzer 9). Man guckt also auf die Rückseite der Görlitzer Strasse.
    Cheers!

  21. Ooch Leute, da muss ich morgen eben meinen Popo mal gen LouisenTal befördern.
    Natürlich passt das neue Bild nicht ganz, hierfür muss man schon bissel näher rangehen: das alte Bild ist von hinterm jetzigen Baugerüst aufgenommen und ich gehe auch davon aus, daß es nicht in den Wirren der Zeiten seitenverdreht wurde. Aber selbst wenn, diese Ecke gibt es so nur 1 mal – und zwar bestimmt nicht Sebi-Görli.
    Ich habs gestern zwar nur per Bing-Maps distanz-begutachtet, doch glaubt doch mal einem alten „Luftbildaufklärer“. Mit den leichten Zweifeln – und es gab ja sichtlich einige bauliche Veränderungen mit der Zeit – kann ich nun wahrlich nicht in Frieden weiterleben. Wenns nicht schon dunkel wäre… ich würde losstürzen… :)

  22. Verflixt, jetzt erst kam Franks Augenzeugenbericht hinzu und ja, es könnte auch diese Ecke sein – ist es wohl auch, aber da hat sich ja seither alles verändert. Aus 3 Etagen des Nachbarhauses wurden 4, obwohl zur Görli hin nur 3 zu sehen sind. Zum Innenhof ist fast alles neu, also da ist es wirklich schwer, unter solchen Umständen. An der Talstrasse passen die Treppenhäuser auch nicht ganz – echt knifflig – aber die Ecke ist heute der damaligen fast identisch gleich, obwohl es zwei unterschiedliche Orte sind.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.