Der Dammweg

Der Dammweg liegt den Zügen zu Füßen

Der Dammweg liegt den Zügen zu Füßen

Zwischen Neustädter Bahnhof und Stauffenbergallee verläuft, parallel zum Gleis und sich kontinuierlich verjüngend, der Dammweg. Die Aussicht der anliegenden Häuserfronten beschränkt sich auf die graue Wand des Bahndammes. Finster und vom Sirren und Dröhnen der vorüber rauschenden Bahnen erfüllt, verschluckt der Dammweg seine Passanten ab der Kreuzung Lößnitzstraße wie eine steinerne Klamm. Die Eckkneipe „Dynamischer Geistertreff“ – eine SGD-Spelunke, grüßt noch, bevor der Dammweg einbahnig verschwindet.

Geistertreff an der Ecke zur Lößnitzstraße

Geistertreff an der Ecke zur Lößnitzstraße

In diesen schummrig-klandestinen Gefilden setzen die Türen kein Moos an, wohl aber Schicht um Schicht Farbe. Wie Blätterteig wachsen hier Tags und Graffitis, türmen sich zu unregelmäßigen Bergen, vermengen sich mit Plakaten und metamorphisieren die Wände. Die Tristesse der tunnelartigen Straße verführt zu mehr oder minder tiefgründigen Botschaften.
Der "Tunnel" Dammweg.

Der „Tunnel“ Dammweg.

Hier kleben Parolen und schnörkeln sich Dialoge. Sie überwandern Mauerwerk und schrecken auch vor Fensterglas nicht zurück. Firmen haben sich die Not zur Tugend gemacht und sich ihre Wände von Profis verzieren lassen. Dazwischen wütet Street-art-Anarchie. Orwell grüßt von Fensterbrettern (2 + 2 = 5), daneben wird ein Max geliebt. Ein schweigendes Schrift-Chaos.

Rosi's Hintertürchen

Rosi’s Hintertürchen

Spektakulär ging es am 13. Februar 2010 auf dem Dammweg zu. Wohl so mancher entdeckte Freunde und Mitbewohner an diesem Abend in BBC-Nachrichtenvideos wieder. Durch die Neustadt schlängelte sich in diesem Jahr der Neo-Nazi-Aufmarsch, der auf harten Widerstand traf. Demonstranten erklommen die Gleise, Steine sollen geflogen sein. Schwarz verspiegelte Busse mit Besuchern, die „zum Trauern“ anreisten, wälzten sich über den Bischofsweg. Die Blockade am Dammweg wurde von der Polizei geräumt, doch die Gegendemonstration im Ganzen hatte Erfolg: die Ewig-Gestrigen mussten von ihrer Route abweichen und den Heimweg antreten. Euphorisch und bunt wurde der Etappensieg am Albertplatz gefeiert.

Außerhalb solcher Ereignisse macht der Dammweg nicht viel von sich reden. Versteckt liegt oberhalb der Eberswalder Straße, wie im Märchen, das Dammschlösschen mit englischem Garten. Es leuchtet heimelig im Novembergrau und ist nur eines von mehreren Ferienhäusern im Schatten des Bahnwalls, die ausgesprochen Schwiegereltern-tauglich scheinen. Ab der Tannenstraße dürfen Autos den Dammweg nicht mehr passieren. Noch nicht einmal in eine Richtung. Ein Pflasterweg muss von nun an reichen. Er beschert den Anliegern wenigstens Ruhe vor Automotorengebrumm. Kleine Gärten spiegeln das wuchernde Grün des verwilderten Bahndammes wieder, in der Ferne hupt und rattert die Königsbrücker.

das Dammschlösschen

das Dammschlösschen

Einige Hundehaufen, mittig platziert, weisen den Weg und erinnern daran, dass sich der Schlendernde noch in der Neustadt-Peripherie bewegt. Nach zwei Pollern in Höhe Lärchenstraße gibt der Dammweg endgültig jegliche zivilisierte Form auf und verwandelt sich in einen Trampelpfad. Ab hier watet man zwischen Innen- und Außenwand des Viertels durch eine Dämmung aus alten Pappkartons, Gummireifen und Dosen. Einige Garagen wenden dem Bahndamm ihre Hinterteile zu – dann platzt der Dammgänger unerwartet auf die Stauffenbergallee.

Wegweiser in die Neustadt!

Wegweiser in die Neustadt!

Einsam war die Wanderung. Umso betriebsamer wirkt jetzt die „Stauffi“ mit ihrem regen Verkehr. Die erhabene Begleitung des Dammweges, die Schienen, führen weiter. Die Gleise, auf denen ab 1845 die sächsisch-schlesische Eisenbahn dampfte, transportieren Passagiere bis in die Oberlausitz und das Zittauer Gebirge bis Liberec und Tanvald.

Nun aber schnell zurück, bevor es dunkelt. Schließlich lockt der abgelegene Dammweg immer wieder Strauchdiebe auf den Plan. Und die Tretminen werden im Halbdunkel auch nicht ungefährlicher. Unten, auf dem Bischofsweg, singen die Schienen der Linie 13. Ein bisschen gespenstisch ist er schon, der Dammweg im November.

August - frei interpretiert

August – frei interpretiert

Straßen und Plätze im Ortsamtsbereich Neustadt

Dammweg Anfang des 20. Jahrhunderts mit Bier-Schänke am Bahndamm.

Dammweg Anfang des 20. Jahrhunderts mit Bier-Schänke am Bahndamm.

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8 Kommentare zu “Der Dammweg

  1. 4hecht
    7. Dezember 2014 at 20:11

    poletisch! und dennoch nur eine weitere schöne straße, in einer so schönen stadt!

  2. 4hecht
    8. Dezember 2014 at 16:35

    weniger von allem

  3. HannaS
    8. Dezember 2014 at 19:58

    Ach der Dammweg die Wände bis an die Fenster voll geschmiert mit kriksel kraksel 2-3 mal im Jahr die Mauern für 1000€ abwaschen lassen. Dreck wird von den Bahngleisen wen es windig ist runter geblasen und man kann kaum einen sauberen Fleck finden.Ich habe es satt von der Bahn den Dreck immer weg zu kehren und werde die geliebte Neustadt verlassen. Es wird einfach zu wenig bestraft für diese Sachbeschädigung
    Früher war es sauberer.

  4. ein anderer Stefan
    8. Dezember 2014 at 20:52

    HannaS: Ich dachte, Dreck, Geschmier und Hundescheiße gehören zur Folklore der Neustadt. Das macht doch das „Flair“ des „Szeneviertels“ aus, oder sehe ich das falsch?
    (Wer Ironie findet, darf sie behalten)
    Zum Thema bestrafen: bei dem Beschmieren muss man die Täter auf frischer Tat ertappen – oder per Video aufzeichnen. Ersteres kaum möglich, zweiteres wird in der Neustadt (und auch anderswo) ja eher nicht so gerne gesehen – die Kameras halten dann meist nicht lange.

  5. hallo?
    8. Dezember 2014 at 21:11

    hört auf rumzuheulen wegen beschmierten hauswänden und anderen materiellen sachen habt ihr keine anderen probleme dann lest zeitung, für andere ist wiederum die wand eine art zeitschrift!

  6. ein anderer Stefan
    9. Dezember 2014 at 10:53

    @ hallo?: Bei einer Zeitung kann ich wählen, ob ich sie lese. Das Geschmier muss ich mir anschauen, wenn ich da lang gehe. Oh, verstehe: das ist Teil eines großen Plans, die bösen reichen Gentrificatoren wieder aus der Neustadt zu vertreiben, weil die es nicht ertragen, sich das anzusehen.

    Es geht mir dabei nicht um „materielle Sachen“, ich finde es unästhetisch. Und Fenster sind eigentlich zum rausschauen und Licht reinlassen gedacht, aber vielleicht hausen manche ja lieber in dunklen Höhlen und möchten dies Erlebnis auch anderen verschaffen. (Und nebenbei habe ich nicht gerne Hundescheiße an den Schuhen, das ist widerlich.)

  7. hallo?
    9. Dezember 2014 at 18:50

    genauso so siehts aus

  8. HannaS
    13. Dezember 2014 at 20:37

    hallo? sagt:
    8. Dezember 2014 um 21:11
    hört auf rumzuheulen wegen beschmierten hauswänden und anderen materiellen sachen habt ihr keine anderen probleme dann lest zeitung, für andere ist wiederum die wand eine art zeitschrift!

    Ich möchte dich sehen wen dein Haus ständig so aussehen würde oder dir der Vermieter diese Kosten fürs sauber machen aufbrummen würde

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