Die Leiche von der Sebnitzer Straße

Es klingelt Sturm.

Dann hämmert eine Faust gegen die Tür.

Ich krame nach meinem Wecker, es ist erst kurz nach 7 Uhr. In meinem Zimmer hängen noch dichte Wolken Tabakrauch, habe wohl mal wieder vergessen, das Fenster zu öffnen.

Das Hämmern wird lauter. Dann ein Knacksen und Krachen, eine Tür gibt nach. Geschwind werfe ich mir einen Pullover über, die Jeans habe ich praktischerweise noch an. Ich stürze zur Wohnungstür. Erleichterung, die ist noch ganz. Aber draußen rumort es.


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Als ich nachschaue, sehe ich gut ein halbes Dutzend Männer in Schutzanzügen. Sie haben die Tür der Nachbarwohnung eingetreten. Aus der dringt ein extremer Geruch.

„Gehen Sie wieder zurück in ihre Wohnung“, herrscht mich einer der Männer an. Durch den Türspion beobachte ich, wie eine Bahre aus der Wohnung getragen wird. Einige der Männer haben große Gas-Flaschen auf dem Rücken, das Gift-Symbol ist deutlich zu erkennen. Ich reiße die Tür auf und verlasse das Haus auf schnellstem Wege.

Meine Nachbarin war gestorben und keiner bekam etwas mit. Ich hatte die Dame vorher vielleicht ein- oder zweimal gesehen. Die Tür war immer zu und ein muffliger Gestank hing sowieso im ganzen Haus.

Innenhof
Innenhof „Sebnitzer“ 2013, immer noch nicht schön, aber wenigstens fast ohne Müll
Anfang der 1990er Jahre wohnte ich mal für ein paar Monate in der Sebnitzer Straße, in dem großen etwas zurückgesetzten Block, jetzt ist dort der Spielplatz gegenüber. Es war meine erstes legales Zimmer in der Neustadt. Ein Freund hatte die Wohnung von der Stadt zugewiesen bekommen und wollte dort eine Dreier-WG installieren.

Für mich blieb ein winziges Zimmerchen von etwa neun Quadratmetern mit Fenster zum Innenhof. Der Hausflur war düster, der winzige Innenhof auch. In den Sommermonaten hatte ich von 11 bis 1 Uhr Sonne im Zimmer.

Der düstere Hausflur verleitete die Bewohner offenbar dazu, nicht mehr benötigte Dinge dort abzustellen. Alte Waschmaschinen, Fernseher und Kühlschränke wurden übereinander gestapelt. Als im Hausflur kein Platz mehr dafür war, kam jemand auf die Idee, den Sondermüll einfach in den Innenhof zu entsorgen. Als ich auszog, war der bis zur Oberkante des Erdgeschosses gut gefüllt. Auch ein Grund, warum ich damals nur ungern das Fenster öffnete.

Zurück zum Einsatztag der Schutzanzug-Truppe: zwei, drei Stunden später komme ich zurück. Die Männer scheinen fertig zu sein. „So eine Schweinerei habe ich auch noch nicht erlebt“, sagt einer und ich erfahre, die alte Frau muss offenbar geistig verwirrt gewesen sein. Denn statt unsere gemeinsame Toilette im Hausflur zu benutzen, hatte sie dafür eines ihrer Zimmer ausgewählt. Der Scheißhaufen muss derartige Ausmaße angenommen haben, dass es durch den Fußboden nach unten getropft hat, was schlussendlich dazu führte, dass der Einsatztrupp gerufen wurde und dabei die Leiche der Frau fand.

Mir reichte es dann auf der Sebnitzer Straße, ich packte meine Sachen und zog um. Zum Glück wurde in der Louisenstraße gerade ein Haus besetzt. Aber das ist dann schon wieder eine ganz andere Geschichte.

War früher alles besser?

  • Als kleine Erinnerungsstütze an die frühen 1990er Jahre werde ich in loser Folge ein paar Geschichten über die wilde Zeit von damals veröffentlichen.
  • Alle Geschichten unter #Früher-war-alles-besser? oder in den Büchern „Anton auf der Louise“ und „Anton und der Pistolenmann“

Alaunstraße 1991
Alaunstraße 1991

25 Kommentare zu “Die Leiche von der Sebnitzer Straße

  1. Lieber Anton, danke für diese illustrierende Geschichte der Verhältnisse in der Dresdner Neustadt während der Wendejahre (und davor). Nach all den Geschichten über diverse Neubauten und den dazugehörigen Kommentaren war das an der Zeit. Zur weiteren Bebilderung der damaligen Zustände empfehle ich den Dokumentarfilm „Dresdner Interregnum 1991“ von Werner Kohlert. Ich bin froh, dass sich die Neustadt zu dem verändert hat, was sie heute ist und nehme den einen oder anderen architektonisch wenig inspirierenden Neubau (veranlasst von Finanzhaien, Mietwucherern und deren Fußvolk der „Yuppies“ (was genau soll das überhaupt sein??)) in Kauf. Wahrscheinlich hätten das Marx, Engels und Lenin auch getan, wenn sie die Wahl gehabt hätten.

  2. Danke Realist, der Text heute war gewissermaßen ein Test. Da die Zugriffszahlen aber ordentlich sind, werde ich da eine kleine Reihe draus machen.

    Leider ist mein Bildmaterial aus dieser Zeit ziemlich dünn, wer mich diesbezüglich unterstützen kann und möchte, bitte Kontakt per Mail aufnehmen.

  3. „Schöne“ Geschichte. Danke!
    Die sollten sich einmal diejenigen durchlesen, die hier die Neustadt immer als tolles Künstlerviertel verkaufen und in einer Nostalgie festhängen, die ohne gültige Grundlage ist.
    Ich kenne die Zustände auch noch so, wie Du sie hier schilderst. Wer heute über die dreckige Neustadt schimpft, sollte sich einmal mit echten Zeitzeugen unterhalten.

  4. Ja, sehr spannender Beitrag – gerne mehr davon. Interregnum kann ich empfehlen, allerdings nervt die Musik und die Zwischentitel (Baudelaire?). Das Foto von der Alaunstraße dürfte von Norden der Blick auf die Ecke Jordanstraße sein, das Eckhaus sieht so aus.

  5. @ein anderer Stefan: exakt, links befand sich die „Bronxx“. Heute ist da das „Canapé“ und gegenüber das „Wohnzimmer“.

    zugemauertes Café Bronxx 1991

  6. yuppies = Y(oung)U(rban)P(roffessional) = junge,
    gut ausgebildete karrierebewusste Großstädter

    vs.

    yuffies = Y(oung)U(rban)F(ailure)

    :-D

  7. @Realist
    Neustädter Verhältnisse????
    Das sagt doch überhaupt nichts aus, denn solche üblen Geschichten sind auch heute erlebbar und haben in den letzten Jahren eher noch zugenommen, gerade in den sauberen sanierten anonymen Wohnvierteln. Alleine während meiner Ausbildungszeit habe ich ähnliche Zustände von Verwahrlosung gesehen und auch diese wurde von den Mitmenschen nicht wahrgenommen bzw. einfach ignoriert. Ich habe Wohnungen gesehen, wo es noch nicht einmal der „Scheißhaufen“ war, der durch die Decke tropfte, sondern es der Mieter selbst gewesen ist bzw. die bei der Verwesung entsehenden Körpersäfte und diese Wohnungen lagen allesamt nicht in der Neustadt. Also was soll dieses abwertende geblubber????
    Sicher war die Neustadt dreckig und teilweise vermüllt, aber wenn das nicht so gewesen wäre, hätte es auch keinen Leerstand gegeben und Instandbesetzungen überhaupt nicht möglich bzw. notwendig gemacht.

    @Anton Launer
    Ich frage mich wirklich, was das jetzt soll? Willst du alte Vorurteile neu beleben und Wasser auf die Mühlen ignoranter Spiesser gießen?

  8. @HinzundKunz: Ich plaudere einfach aus meinen Erinnerungen. Das hatte ich schon länger vor. Einen Anstoß dazu hat auch Dein Kommentar vom 1. September gegeben.

    Mit dem Schlagwort „Instandbesetzungen“ lieferst Du mir aber auch wieder eine schöne Vorlage.

    @Hotte Hü: Ich hab mir mal erlaubt, Deinen Bild-Link zum Original zu verändern. ;-)

    @Christoph und Julia: Danke für die Hinweise

  9. @Anton Launer
    Das ist ja auch mehr als o. k., ich wollte nur meine Sorge zum Ausdruck bringen, dass man da doch sehr aufpassen muss, damit man sich nicht selbst disst, denn vieles ist eben nur in der Zeit, dem Systemwechsel und den dadurch für viele entstandenen Konsequenzen, die oft eine erste echte „Selbstfindungsfase“ auslöste, zu erklären. Einige der Leute, welche damals hier als Punk oder Hausbesetzer unterwegs waren, die waren das auch schon zu DDR-Zeiten und erlebten plötzlich, wie es ist, wenn einem nicht ständig irgendwelche Stasi-Schergen bzw. diese ABV-Lutscher im Nacken hängen. Die dadurch ausgelöste Verweigerungshaltung bei vielen, sich jetzt einem neuen System unterwerfen zu müssen, hat eben auch „bizarre Blüten“ hervorgebracht.
    Man könnte auch noch feststellen, dass der Müll wenigstens im Hof „eingelagert“ wurde und nicht wie heute üblich einfach auf die Straße gestellt. Wer hatte schon die Kohle, wenn er eine Wohnung besetzte, den Müll in dieser Wohnung bzw. dem Haus in Container zu packen? :)

  10. @ HinzundKunz
    Ist bei dir das Äußern einer anderen als deiner Meinung immer „geblubber“? Das fände ich vor allem im Zusammenhang mit deinen „Stasi-Schergen“ und „ABV-Lutschern“ interessant… Damals war „Andersdenken“ auch verboten, möchtest du das gern zurück? Vielleicht schaust du ja erstmal das „Dresdner Interregnum“, dann verstehst du vielleicht, was ich meine. Ich diskutiere gern mit dir, aber nicht auf diesem Niveau.

  11. @Realist
    Entschuldige bitte, sollte dir mein flapsiger Satz gleich aufs Gemüt geschlagen sein!
    Doch der Punkt ist dein angedeutetes „Andersdenken“, und wenn ich mich jetzt nicht verrenne, dann bist du unter diesem „Nickname“ auch auf anderen Seiten unterwegs (korrigiere mich, wenn ich mich irre -z.B. DNN?), weshalb ich mir beinahe sicher bin, dass ich eine „Diskussion“ müßig wäre.
    Ich war jedenfalls auch hier, habe es auch erlebt und größtenteils auch genossen, wobei ich durchaus einräume, dass es auf längere Sicht so nicht bleiben konnte, doch da geht es mir um den Punkt, auf welche Weise man sich dem nähert und dazu äußert. Auch kritisiere ich den Weg, der dem Viertel mehr oder weniger aufgezwungen wurde und heute die Neustadt als das „Szeneviertel“ in Dresden „touristisch“ vermarktet wird, was die Probleme der heutigen Wochenenden in der Neustadt mit verursacht. Nimm es mir nicht übel, aber es gibt Dinge, über die ich mich mit anderen Menschen austauschen kann, aber wo es für mich nichts, einfach gar nichts zu „diskutieren“ gibt, nämlich dann, wenn es um persönliche Erlebnisse geht und das daraus resultierende persönliche Empfinden betrifft. Wenn ich das richtig heraushöre und du die damalige Neustadt sehr viel anders bzw. nur als etwas Schmutziges, also etwas Negatives wahrgenommen hast, wirklich schade, doch bitte was soll ich denn da mit dir diskutieren? Selbst wenn ich so etwas versuchen würde, dann wirst Du sicher versuchen ein negatives Bild zu zeichnen und ich müsste dir erklären, dass sehr viele andere Leute dem so nicht voll folgen würden, weil sie es eben anders erlebt haben. Sinnlos!

  12. An diesen Innenhof habe ich auch eine Erinnerung: kam man nachts durch den Durchgang rannten die Ratten um die Wette, bei Regen war man froh ins Trockene zu kommen um immer wieder überrascht zu werden von einer neuerlichen Dusche und dann das finstere Treppenhaus hinauf um endlich im Bett der schönen Frau zu landen und dem Quaken ihres Frosches zu lauschen..

  13. @HinzundKunz
    Ich glaube, du verstehst mich falsch. Ich habe die Neustadt nicht in schlechter Erinnerung. Ich habe damals genauso -meist- gut gelebt wie die meisten Menschen. Selbstverständlich assoziiere ich mein früheres Leben nicht mit „Dreck“ und „Schmutz“. Ich kann nur nicht verstehen, dass so oft über alles, was neu gebaut wird oder sich sonst irgendwie verändert, von manchen so maßlos geschimpft wird. Ich tendiere dazu, mich erstmal zu freuen, wenn Neues entsteht. Dass ich dann nicht immer begeistert bin von dem, was da so gebaut wird, steht auf einem anderen Blatt. Aber mir ist das immer noch lieber als eine Brachfläche mehr. Dass man das anders sehen kann, ist für mich in Ordnung, nur verstehen werde ich es nicht. Ich empfehle zum dritten Mal o.g. Dokumentarfilm. Als ich den vor wenigen Jahren im überfüllten Programmkino Ost zum ersten Mal sah, herrschte im Kino am Schluss des Films ein erschüttertes Schweigen. Niemand war sich mehr bewusst, wie wir damals gelebt haben – gerade die Neustadt war nah am Ruin. Dass dann mit der Wende die „Szene“ einzog, ist gar nicht mein Thema (jedenfalls im Zusammenhang mit diesem Thread). Ich wollte also nicht dein Empfinden verletzten. Ich fand es einfach gut, dass Anton Launer hier auch mal diese Seite beleuchtet – und an der Zeit. Dass hier manche im Zusammenhang mit Stadtentwicklung (ganz sachlich als Begriff gemeint, das schreib ich lieber dazu) aus dem Marxismus/Leninismus zitieren, ging mir einfach kolossal „auf den Kranz“. Deshalb musste ich völlig entgegen meiner Gewohnheit hier mal was posten – was ich vorher weder hier noch in der DNN und schon gar nicht unter „Realist“ getan habe. Der Name fiel mir einfach spontan ein, du weißt schon, wegen des angebrachten Realismus. ;-)

  14. @Realist
    Dann entschuldige meine barsche Art, aber die Person mit diesem Nickname, auf die ich abziele, ist mit einem unterirdischen Verstand „gesegnet“ und mehr hätte ich dem auch nicht zu sagen.
    Den Doku-Trailer kenne ich und kann mich auch noch an Bettlaken erinnern, die an Häusern angebracht waren, auf denen stand: „Hilfe unser Haus stürzt ein“ (oder so ähnlich)

  15. Realist:

    Ich persönlich fand „Interregnum“ zwar eine interessante Reise in die Vergangenheit, aber insgesamt recht theatralische Betroffenheitslyrik. Es waren nicht Kohlerts Bilder, sondern die Art der Aufmachung des Films, die mich ein wenig störten. Immer diese Melancholie, die eigentlich weniger die Bilder, sondern die Verontung ausstrahlte. Hier wurde es nicht dem Betrachter überlassen, die Bilder einfach mal auf sich wirken zu lassen und sich seine eigene Meinung zu bilden, hier wurde mit trauermarschähnlicher Musik und apokalyptischen Heultönen eine Grundstimmung vorgegeben, die sich – unabhängig vom WEchsel der Bilder – beständig durch den gesamten Film zog. Fand ich nicht so prickelnd. Ich hab mir dann mal beim 2. Schauen den Spaß gemacht, den Ton abzustellen. Und siehe da – der Film macht sofort einen ganz anderen Eindruck.
    Selbst beim Anblick all dieses Verfalls zu Beginn der 90er in der Neustadt: Ich hatte keinesfalls nur betroffene Gefühle, ich kannte mein Viertel ja nur so. Und ich hatte während meiner Kinderzeit meinen Frieden mit all dem Maroden gemacht – für uns war das unser Kiez, unser Abenteuerspielplatz. Den Innenhof, den Anton beschreibt, kenne ich noch aus Kindertagen. Er lag nur durch einen Zwischenhof von unserem Hof am Bischofsweg getrennt. Manchmal haben wir dort gespielt und in einer Ecke gekokelt. An die alten Leutchen im Viertel habe ich noch ganz besondere Erinnerungen. Viele blieben in ihren Wohnungen, bis sie starben. Das war damals nichts Ungewöhnliches. Gab es bei uns im Haus zwei Mal in den zehn Jahren, die wir da wohnten. Ich erinnere mich, dass ich sie oft in ihren Wohnungen im 3. oder 4. Stock am Fenster stehen sah… den alten Meckeronkel rechts in der Görlitzer Straße. Früher war er immer runtergeschossen gekommen und wollte uns schlagen, wenn wir auf sein Schuppendach kletterten. Irgendwann kam er die 3 Etagen nicht mehr runter. Oder die alte Oma im Zwischenhof Richtung Sebnitzer. Die stand immer halb hinter der Gardine versteckt. So stand sie manchmal stundenlang. Sie war die einzige, die noch in dem Hinterhaus wohnte. Irgendwann sah man sie nicht mehr am Fenster, und die Gardinen waren fort.

  16. Nunja das Abladen von Müll ist ja jetzt scheinbar leider salonfähig geworden: an vielen Ecken der Neustadt steht Elektroschrott herum mit dem bekannten „zu verschenken“ beschriftet. Wirklich geändert hat sich also nur, dass der Müll jetzt nicht mehr im Hinterhof sondern direkt vor der Haustür abgestellt wird.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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