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Protest gegen Standortentscheidung für LKW-Parkplatz

Neustadt-Geflüster bei Google bevorzugen

Im Juni hat der Stadtrat einen Antrag von CDU, SPD und Team Zastrow beschlossen. Danach sollen Teile des Grundstücks zwischen Stauffenbergallee und Radeburger Straße an die SachsenNetze1 verkauft werden, um dort temporär eine Vorabfertigung für auf den Zoll wartende LKW einzurichten, später soll dort ein Umspannwerk entstehen. Gegen dieses Vorhaben formiert sich nun Protest, da sich auf dem Gelände das „Judenlager Hellerberg“2 befand.

Mit kleinen roten Pflöcken sind in der wild bewachsenen Wiese die Positionen der Baracken markiert. Erst vor Kurzem wurde im Rahmen des Mnemo-Projektes ein blauer Gedenksplitter an der Radeburger Straße am alten Eingangstor des Lagers aufgestellt (Neustadt-Geflüster vom 27. Januar 2026). Von diesem Tor aus zog sich das Lager parallel zum Hammerweg bis fast zur Stauffenbergallee.

Stadtführerin Bettina Bruschke zeigt eine Karte mit den eingezeichneten Baracken des Judenlagers Hellerberg. Foto: Anton Launer
Stadtführerin Bettina Bruschke zeigt eine Karte mit den eingezeichneten Baracken des Judenlagers Hellerberg. Foto: Anton Launer

Knapp 20 Menschen haben sich am Dienstag auf dem Gelände versammelt, um an das „Judenlager Hellerberg“ zu erinnern, die genaue Lage der in den 1950er Jahren abgerissenen Baracken zu verdeutlichen – und um gegen einen Stadtratsbeschluss zu protestieren, der genau dort einen Lkw-Vorstauplatz für den Zoll sowie ein Umspannwerk der SachsenNetze GmbH vorsieht. Ein offener Brief mit bislang rund 60 Unterzeichnenden fordert den Stadtrat nun auf, seine Entscheidung zurückzunehmen.

Historiker Daniel Ristau, Stadtführerin Bettina Bruschke, Superintendent Albrecht Nollau, Lara Schink vom Buga-Förderverein und Hildegart Stellmacher, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden - Foto: Anton Launer
Historiker Daniel Ristau, Stadtführerin Bettina Bruschke, Superintendent Albrecht Nollau, Lara Schink vom Buga-Förderverein und Hildegart Stellmacher, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden – Foto: Anton Launer

Ein fast vergessener Ort

Wer heute an der Radeburger Straße vorbeifährt, ahnt kaum, was sich wenige Meter weiter abgespielt hat. Bis 1942 war das Areal eine gewöhnliche Sandgrube. Dann errichteten die NS-Behörden hier ein Lager für die letzten fast 300 als jüdisch verfolgte Menschen aus Dresden, um das Ziel „Dresden Judenfrei“ durchzusetzen. Unter grausamen Bedingungen wurden die Menschen hier festgehalten, bis zu ihrer Deportation.

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Anschließend wurde das Lager zur „Entbindungslager Kiesgrube“ umgewidmet, einer sogenannten „Ausländerkinder-Pflegestätte“. Unter dem euphemistischen Begriff wurde die Einrichtung derartiger „Pflegestätten“ am 27. Juli 1943 durch einen Erlass des Reichsführers SS Heinrich Himmler verfügt. Säuglinge von überwiegend polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiterinnen wurden von den Nationalsozialisten als „unwert“ eingestuft und nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Mindestens 225 Säuglinge starben dort durch gezielte Vernachlässigung. Ihre Gräber befinden sich als würdiger Gedenkort auf dem St.-Pauli-Friedhof.

Die Baracken selbst wurden 1950 abgerissen. Erst Anfang der 1990er Jahre begann die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden, an den Ort zu erinnern. Sichtbar ist davon bis heute wenig: ein blauer Gedenksplitter am Hang der Radeburger Straße, ohne Wegeanbindung, und die eingangs geschilderten roten Pfähle dort, wo einst die Baracken standen.

Auf dem Gelände Hammerweg/Stauffenbergallee soll ein LKW-Parkplatz entstehen - Foto: Anton Launer
Auf dem Gelände Hammerweg/Stauffenbergallee soll ein LKW-Parkplatz entstehen – Foto: Anton Launer

„Ein Tatort, der sichtbar werden muss“

Bei der Zusammenkunft am Dienstag ordnete der Historiker Daniel Ristau den Ort ein: Das Gelände sei bislang schlecht erschlossen, dabei hätte es im Zuge der Bundesgartenschau eigentlich als Teil des Nordpark-Areals aufgewertet werden sollen – als Grünraum mit Erinnerungskomponente.

Historiker Daniel Ristau - Foto: Anton Launer
Historiker Daniel Ristau – Foto: Anton Launer

Die Stadtführerin Bettina Bruschke, die sich seit Jahren für das Gelände engagiert, formulierte ihre Sorge so: „Ein Gewerbebetrieb an dieser Stelle beeinträchtigt sowohl den Gedenkort als auch das Stadtgrün.“

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Stadtführerin Bettina Bruschke - Foto: Anton Launer
Stadtführerin Bettina Bruschke – Foto: Anton Launer

Der Superintendent des Kirchspiels Dresden-Neustadt Albrecht Nollau ging weiter: Hier befinde sich kein x-beliebiger Erinnerungsort, sondern ein Tatort. Erinnerung brauche Orte – und Sicherheit, damit diese Orte auch sichtbar werden könnten. Eine Gesellschaft, so Nollau, brauche „geistige Infrastruktur“. Der Ort sei gut erforscht und könne für die Gegenwart ein Achtungszeichen sein.

Superintendent Albrecht Nollau - Foto: Anton Launer
Superintendent Albrecht Nollau – Foto: Anton Launer

Auch Hildegart Stellmacher von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden und Lara Schink, beim Buga-Förderverein Beauftragte für das Friedhofswesen, nahmen teil.

Was der Stadtrat am 4. Juni beschlossen hat

Auslöser des Protests ist ein Beschluss des Stadtrats vom 4. Juni 2026 (A0150/26). Demnach soll die Stadtverwaltung rund 6.000 Quadratmeter städtischer Flächen – Teile der Flurstücke 162/7 in der Gemarkung Trachenberge und 30/28 in der Gemarkung Hellerberge – zum Verkehrswert an die SachsenNetze GmbH verkaufen. Dort soll langfristig ein Umspannwerk entstehen, übergangsweise soll die Fläche als Vorstauparkplatz für die Lkw-Abfertigung des Dresdner Zolls dienen.

Der Beschluss selbst erwähnt den Gedenkort: Verkauft werden solle nur der südöstliche Teil der Flurstücke, um einen „angemessenen Abstand“ zu den ehemaligen Lagergebäuden und dem geplanten Gedenkort zu wahren. Der Verwaltung wurde zudem aufgetragen, bis zum 1. September 2026 einen Vorschlag zu Planung, Bauantrag und Finanzierung vorzulegen. Die SachsenNetze, die das Gelände kaufen soll, hat sich bis Ende des Jahres Bedenkzeit auserbeten.

Der offene Brief

Genau diesen „angemessenen Abstand“ halten die Unterzeichnenden des offenen Briefs für nicht ausreichend: Die geplante Fläche liege nur 45 Meter von den ehemaligen Haftbaracken entfernt. Der Brief, datiert auf den 4. August 2026, verweist zusätzlich darauf, dass das Landesamt für Archäologie den Ort als Bodendenkmal ausgewiesen hat und dass er Teil des Projekts „Mnemo“ (Gedenkareal Dresdner Norden) ist – ein 2022 durchgeführter Ideenwettbewerb sah bereits Kennzeichnung und Begehbarmachung vor.

Zu den rund 60 Unterzeichnenden gehören unter anderem Prof. Dr. Marcus Köhler, die AKUBIZ e.V., das Frauen*stadtarchiv Dresden, die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig sowie Elena Tanaeva als Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden.

Die Forderungen: SachsenNetze solle ernsthaft prüfen, ob es nicht andere Standorte für das Umspannwerk gibt. Oberbürgermeister und Verwaltung sollten den Gedenkort unter Einbeziehung der Öffentlichkeit weiterentwickeln. Und der Stadtrat solle seinen Beschluss vom 4. Juni aufheben und die Fläche stattdessen als grüne Ausgleichsfläche erhalten. Den ganzen Brief gibt es hier als PDF.

Judenlager Hellerberg

  • Judenlager Hellerberg: ab November 1942, rund 300 Inhaftierte, Deportation nach Auschwitz im März 1943, 10 Überlebende
  • Entbindungslager Kiesgrube: ab Mai 1943, mindestens 225 gestorbene Kinder, Gräber auf dem St.-Pauli-Friedhof
  • Weitere Informationen auf der Seite der Sächsischen Gedenkstätten und auf dresden.de

1 SachsenNetze ist der zuständige Netzbetreiber für Strom und Gas in Dresden und eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der SachsenEnergie-Unternehmensgruppe.
2 Die Bezeichnung „Judenlager Hellerberg“ ist etwas verwirrend, denn der Hellerberg selbst befindet sich weiter nördlich und das Gelände befindet sich in der Gemarkung Hellerberge. Deswegen ist in der Literatur vereinzelt von „Judenlager Hellerberge“ die Rede. Wie Historiker Ristau erläuterte, ist die offizielle Bezeichnung in den vorhandenen Unterlagen jedoch „Judenlager Hellerberg“.

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