Auch in dieser Woche gibt es in den Neustädter Programmkinos wieder einige spannende Neustarts. Wir stellen die Filme vor, die in Thalia und Schauburg neu auf die Leinwand kommen.
Schauburg, Bundesstart: Adams Acht

Karl Adam (Oliver Masucci) betrachtet den Rudersport weniger als Tradition denn als physikalisches Problem. Bewegungsabläufe lassen sich analysieren, Trainingsmethoden verändern. Und ein Achter ist schließlich eine Maschine, die nur funktioniert, wenn acht Menschen gleichzeitig dasselbe tun. Adams Ruderer sind junge Männer aus der Provinz, viele vaterlos, geprägt von Krieg und Nachkrieg, voller diffuser Wut, ohne rechte Vorstellung von ihrem Wollen und Tun und von sehr unterschiedlichem Temperament. So trifft etwa der Hitzkopf Manfred Rulffs (Leonard Kunz) im Team auf den nachdenklichen Hans Lenk (Felix Kammerer).
Diese scheinbar wild zusammengewürfelte Truppe soll gegen die etablierten Rudervereine antreten, deren Funktionäre Adams Methoden zunächst für ziemlich verrückt halten. Und Ratzeburg, eine x-beliebige Kleinstadt an der Grenze zur DDR – dort soll innovativer Sport möglich sein? Während Adam sein Team formt, verändert sich auch die Welt außerhalb des Rudersports. Die Grenze zur DDR bekommt für Hans Lenk ein Gesicht: Ulla, seine große Liebe, lebt auf der anderen Seite und ist nur wenige Kilometer entfernt, aber einem anderen System unterworfen.
Thalia: Vaterland

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zögert der deutsche Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann lange, nach Deutschland zurückzukehren. Stattdessen verlegt er seinen Wohnsitz aus den USA in die Schweiz. 1949 reist er schließlich anlässlich des 200. Geburtstags von Johann Wolfgang von Goethe nach Frankfurt am Main und Weimar.
Vier Jahre nach Kriegsende wird viel vom „größten deutschen Erzähler“ erwartet. Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter Erika (Sandra Hüller) begegnen einem Land, das zwischen Neuanfang und alter Denkweise schwankt. Sie treffen auf begeisterte Zuhörer ebenso wie auf offene Ablehnung. Mann wird beschimpft und hofiert, braucht Polizeischutz und überschreitet mit seiner Reise nach Weimar auch die gerade entstehende Grenze zwischen Ost und West.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur Thomas Manns Rückkehr, sondern auch die Frage, wie Deutschland nach Nationalsozialismus und Krieg mit den Exilanten umgeht. Denn ausgerechnet ihnen wird teilweise vorgeworfen, das Land verlassen und damit im Stich gelassen zu haben.
Schauburg, Bundesstart: Kalter Hund

Marianne (Corinna Harfouch) ist ziemlich überrascht, als sie ihren Mann Herrmann ausgerechnet am Morgen seines 100. Geburtstags tot in seinem Bett findet. Der hat sich der opulenten Feier mit Verwandtschaft und Lokalpresse elegant entzogen – durch eine Überdosis Tabletten, die eigentlich für den Familienmops Berlusconi gedacht waren. Eine Unverschämtheit, die Marianne keinesfalls an die große Glocke zu hängen gedenkt. Also bleibt ihr nichts anderes übrig, als Theater zu spielen, um vor den geladenen Gästen das Bild der anerkannten Vorzeige-Familie aufrechtzuerhalten. Während die Leiche des Patriarchen noch durchs Haus manövriert wird und die ersten Gratulanten samt Lokalpresse bereits vor der Tür stehen, entbrennt hinter den Kulissen schon ein erbitterter Streit ums Erbe.
Das Testament ist spurlos verschwunden, verdrängte Wahrheiten kommen ans Licht, und selbst eine Familienaufstellung mit exzentrischem Schamanen (Simon Pearce) fördert nur weitere dunkle Geheimnisse zutage, statt für die erhoffte Klärung zu sorgen. Mit bissigem, schwarzem Humor, messerscharfen Dialogen und einem untrüglichen Gespür für familiäre Abgründe erzählt Pauline Roenneberg von Macht, Geld und den Absurditäten bürgerlicher Fassaden. Ihr Spielfilmdebüt ist so radikal wie persönlich, glänzt mit einem hochkarätigen Ensemble (neben Corinna Harfouch glänzen Lea Drinda, Victoria Mayer und Karoline Eichhorn) – und beweist mit jeder bitterbösen Pointe: Wenn es ums Erbe geht, wird auch am offenen Grab gnadenlos gestritten.
Thalia: Was haben wir gelacht

Eva Müller und Isabel Schneider blicken auf das deutsche Unterhaltungsfernsehen der 1990er- und frühen 2000er-Jahre zurück – und erzählen dessen Geschichte aus weiblicher Perspektive. Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins erinnern sich an eine Zeit, in der Frauen im Fernsehen häufig Beiwerk waren und weiblicher Humor als Quotenkiller galt.
Schauburg, Bundesstart: Pressure

72 Stunden vor dem D-Day. Alles ist vorbereitet. Nur eines ist wie immer unberechenbar: das britische Wetter. Der Oberbefehlshaber der Alliierten, Dwight D. Eisenhower (Brendan Fraser), muss eine Entscheidung treffen. Schlechte Wetterbedingungen könnten die größte Seeinvasion aller Zeiten zunichte machen. Aber Warten birgt das Risiko, dass der deutsche Geheimdienst davon Wind bekommt. Eisenhower hat auch noch PTSD von einer desaströsen D-Day-Probe und kann sich nur seiner Vertrauten, Captain Kay Summersby (Kerry Condon) anvertrauen. Der oberste Meteorologe Großbritanniens James Stagg (Andrew Scott) wird eingeflogen. Er soll die folgenreichste Vorhersage der Geschichte machen. Das Schicksal des Krieges und das Leben von Millionen Menschen stehen auf dem Spiel. No Pressure also.
Thalia: Der Mann mit der Kamera

Dziga Vertov dokumentiert den Tagesablauf einer großen sowjetischen Stadt, montiert aus Moskau, Kiew und Odessa. Er verzichtet auf narrative (literarische) und inszenierend-gestaltende (theatralische) Elemente und setzt allein auf die Wirkung der Montage. Montage – das ist das große Schlüsselwort im Schaffen dieser Generation russischer Filmemacher und ihr entscheidender Beitrag zur Filmgeschichte.
Vertov hatte mit ihr nichts Geringeres vor als die Schaffung einer echten internationalen Sprache des Films. Dass es ihm gelungen ist, zeigt die anhaltende Rezeption seines Hauptwerks »Der Mann mit der Kamera«, was zugleich der letzte von ihm gedrehte Stummfilm war. Es ist ein filmisches Manifest, von dessen avantgardistischem Wagemut das Kino als Kunstform bis heute zehrt.
Dziga Vertov ist neben Wladimir Majakowski der russische Avantgardist der ersten Stunde. Bereits 1917, im Jahr der Oktoberrevolution, beginnt er, zuerst theoretisch, dann praktisch, das herkömmliche Kino zu attackieren. Wochenschauen, gefilmte Flugblätter entstehen. Allesamt erste Versuche, hinter das Geheimnis des „Kino-Auges“ zu kommen.
Vertov fasziniert die Möglichkeit des Films, menschliche Wahrnehmung zu irritieren, mit den Konditionierungen des Sehens zu spielen. Propaganda und Aufklärung – beide Komponenten sind in den Filmen des überzeugten Kommunisten kaum zu trennen. Jedes einzelne Werk atmet geradezu den Geist jener Jahre, den Enthusiasmus, eine Gesellschaft und deren Kunst im Gleichklang zu revolutionieren.
Schauburg, Bundesstart: Frost ohne Schnee und Eis

Im Film durfte Asgeir Helgestad in der atemberaubenden arktischen Wildnis miterleben, wie sieben von Frosts Jungen zur Welt kamen. Die Begegnung mit der Eisbärin und die Beobachtung, wie liebevoll sie sich um ihren Nachwuchs kümmerte, haben ihn zutiefst berührt und in ihren Bann gezogen. Frost ist in dieser rauen Umgebung zu Hause und die erste Eisbärin der jüngeren Zeit, die ihr Revier in der Nähe menschlicher Siedlungen etabliert hat. Asgeir Helgestad hat Frost nie vergessen; sie war der Hauptgrund dafür, dass er Jahr für Jahr nach Spitzbergen zurückkehrte. Im Laufe der Zeit wandelte sich seine Sichtweise: Vom Fotografen, der von dieser unwirklich schönen Landschaft fasziniert war, entwickelte er sich zu einem Geschichtenerzähler, der aufzeigen wollte, wie menschliche Aktivitäten diesen Lebensraum unwiderruflich zu verändern drohen.
Thalia: Der Heimatlose

Hein (Paul Boche) kehrt in seine Heimat zurück, eine kleine Insel an der deutschen Küste. Doch statt ihn willkommen zu heißen, behauptet das gesamte Dorf, ihn nicht zu kennen. Schließlich soll in einem Verfahren geklärt werden, ob Hein tatsächlich zur Inselgemeinschaft gehört.
Dabei werden seine Schwester Heide (Stephanie Amarell), seine frühere Freundin Greta (Emilia Schüle) und sein bester Freund Friedemann (Philip Froissant) befragt. Vor allem wegen Friedemann ist Hein überhaupt zurückgekehrt.
Auch optisch geht der Film einen ungewöhnlichen Weg. Die Häuser, in die sich die Menschen zurückziehen, erinnern an die reduzierte Kulisse von Lars von Triers „Dogville“: Rahmen, Böden und einzelne Details deuten Räume eher an, als sie vollständig abzubilden. In der Abgeschiedenheit der Insel entsteht so eine eigentümliche, beinahe zeitlose Welt.
Schauburg, Bundesstart: Und es war Sommer – Dieter Thomas Kuhn & Band

Als zwei Schulfreunde, Thomas Kuhn und Philipp Feldtkeller, Anfang der Neunziger durch Zufall entdecken, dass ihr ironisch gemeinter Ansatz, dem deutschen Schlager mit Glitzerhemd und Brusthaartoupet, Fön-Tolle und Schlaghose mal so richtig eins auszuwischen, über Nacht ein krachender Bühnenerfolg wird, ahnen sie noch nichts von ihrem über dreißig Jahre anhaltenden, deutschlandweiten Kultstatus. Welche andere Cover-Band besorgte sich 1992 Secondhand-Klamotten, um im Weinheimer Kneiple aufzutreten, und bringt 2024 die Berliner Waldbühne noch immer an den Rand des Wahnsinns? Thomas leiht sich bei Dieter Thomas Heck den Dieter für mehr Aha-Effekt im Namen, später lachen dann beide, als Dieter Thomas Heck ihm erklärt, er hieße gar nicht Thomas. Doch da ist aus dem Jux schon längst ein echter Lebensunterhalt geworden. Der ehemalige Schulabbrecher und medizinische Bademeister Dieter Thomas Kuhn und sein bester Kumpel Howie beweisen Abend für Abend: Liebe ist wie ein neues Leben. Kuhn mit seinem sagenhaften Timbre, ehrlich und charmant, Feldtkeller mit seinem musikalischen Gespür und dem legendären Gitarrensolo bei Maffays „Und es war Sommer“.
Die 2024er Deutschland-Tour wurde von einem Filmteam begleitet, wurde beinahe gecrasht von Feldtkellers Krebsdiagnose, wurde trotzdem oder gerade deswegen auch mit unzähligen Geschichten aus dreieinhalb Jahrzehnten vermischt und liefert jetzt ein Paralleluniversum aus Glücklich- und Traurigsein auf der Leinwand ab, dessen große wie kleine Momente Gänsehaut machen.
Thalia: Hiddensee

Die Ostseeinsel Hiddensee zog über Jahrzehnte Künstler, Aussteiger und Urlauber an. Gerhart Hauptmann, Joachim Ringelnatz, Asta Nielsen und Gret Palucca verbrachten hier Zeit, später kamen Nina Hagen und Musiker von Feeling B. Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel verbindet die Geschichte der Insel mit eigenen Erinnerungen an wilde Sommer ihrer Jugend. In Schwarz-Weiß entsteht ein Porträt Hiddensees zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Mythos.
Schauburg, Bundesstart: Gentle Monster

Die Konzertpianistin Lucy liebt Philip und ist mit ihm und dem gemeinsamen Sohn aufs Land gezogen, Philips Burnout ist der Grund. Für Lucy bedeutet die Ortsveränderung einen beruflichen Einschnitt. Eines Morgens steht die Polizei vor der Tür. Eine Hausdurchsuchung, ein schwerer Vorwurf gegen Philip – plötzlich muss Lucy entscheiden, wie groß ihre Loyalität für den Mann ist, den sie ganz und gar zu kennen glaubte. Parallel erzählt Regisseurin Marie Kreutzer von Elsa, einer Sonderermittlerin, die ganz in ihrer Arbeit aufgeht und zugleich mit der Demenz ihres Vaters umgehen muss. Zwei Frauen, zwei Männer, zwei Formen von Abhängigkeit.
Neustadt-Kinotipps ab 17. September: Freikarten
- Das Neustadt-Geflüster verlost diese Woche jeweils zwei Freikarten für das Thalia und die Schauburg für die laufende Kinowoche, also bis Mittwoch. Bitte im Ergänzungsfeld den entsprechenden Film und das Filmtheater angeben. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Verlosung findet Sonntagabend statt.
- Alle Dresdner Kinos und Filme unter www.kinokalender.com

























Schauburg, Pressure wäre mein Favorit, da würde ich mich über Tickets freuen.