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Adele in Gips

An diesem Vorfrühlingsnachmittag im März 1926 war das Lokal im Narrenhäusel gut gefüllt. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Kränzchentagen der Freundinnen von Adele Lampel kamen diesmal auffällig viele zigarrenrauchende Herren mit ihren Gattinnen. Oberkellner Herr Franz versuchte mit einer Zeitung den blauen Dunst zu vertreiben. Das half aber nichts. Und so wies er Kellner Waldi und Lehrling Leo an, die Eingangstür sowie die hinteren Fenster zu öffnen. Auch wenn es Proteste wegen des entstandenen Zuges hagelte, so zogen die stinkenden Rauchschwaden allmählich ab.

Eingang zum Dresdner Narrenhäusel von der Augustusbrücke - zeitgenössische Postkarte
Eingang zum Dresdner Narrenhäusel von der Augustusbrücke – zeitgenössische Postkarte

Und in der lichter werdenden Luft erschien sie, Diva Adele Lampel, Schauspielerin am Alberttheater. Einige der Gäste wollten zum Beifall ansetzen, doch die zum Klatschen bereits erhobenen Handflächen erstarben in ihren Bewegungen. Vom Kränzchentisch kam aus Martha Kruskas Mund ein spitzer Schrei.

Adele mit Krücken

Adele hatte unter ihren Achseln zwei Krücken und ihr rechter Fuß umklammerte eine Gipsmanschette. Erna Schwuppke und Frieda Lempke schlugen mit erschrockenem Blick ihre Hände auf die Münder. Und dann gingen die Blicke aller auf das, was sich neben Adele befand. Aus den Schrecken in den Gesichtern wurden staunende Blicke, die in seufzende Ahhs und Ohhs übergingen. Adele hatte es drauf, ihre Freundinnen und die Gäste im restlos besetzten Lokal immer wieder zu überraschen.

Adonis mit dem Schnauzbart

Neben ihr stand mit einem charmanten Lächeln ein Adonis vor dem Herrn, Mitte zwanzig, sehr gut gekleidet, mit einem englischen Schnauzer im Gesicht. Er trug Adeles Handtasche und geleitete sie unter den schmachtenden Blicken der anwesenden Damen und auch einiger Herren zum Kränzchentisch. Kellnerlehrling Leo ging zu ihnen und nahm Krücken und Mäntel entgegen. Dafür wuschelte Adele sein Haar.

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„Oh, mein lieber Leo. Irgendwie siehst du anders aus.“

Dann nahm sie sein Kinn in die rechte Hand, hob dessen Kopf und lächelte. „Leo, du wirst ja ein Mann und dabei immer schöner“, und dachte bei sich, dass er wohl für die Damenwelt verloren schien. „Auf deiner Oberlippe wächst ein Schnauzbart. Schau dir den von meinem Fritzchen an“, und zeigte auf den Adonis neben ihr. „So musst du ihn künftig pflegen.“

Während Leo vor Verlegenheit errötete, wandte sich Adele an Kellner Waldi, rief nach der obligatorischen Sektrunde, die selbstverständlich schon längst bereitstand.

Am Kränzchentisch

Erna und Frieda konnten ihre Blicke nicht von Adonis, genannt Fritzchen, lösen. Fritzchen ging zu den drei Damen und begrüßte sie mit einem formvollendeten Handkuss, natürlich ohne die Hände mit seinem Mund zu berühren. Martha verfiel in eine leichte Gesichtsröte und richtete ihren Kopf nach unten.

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Adele lächelte über ihren gelungenen Auftritt. Während Erna Schwuppke, die Hoteliersgattin von der Bautzener Straße, das Fritzchen anstarrte und dabei an ihren, gar nicht einem griechischen Ideal ähnelnden Ehemann dachte, funkelte es in den Augen von Frieda Lempke, der fidelen Schneidermeisterin aus der Königstraße, ganz im Sinne der lüsternen Aphrodite. Man sah ihr an, dass sie den Adonis auch nicht von der Bettkante stoßen würde. Dass die introvertierte Beamtengattin Martha Kruska vor Scham fast unter den Tisch rutschte, ahnte sie. Es machte Adele stets einen Heidenspaß, ihre Freundin in solche Situationen zu bringen. Trotzdem verstanden sich alle vier gut. Man kannte sich schließlich seit Kindertagen.

„Und dieser Adonis neben mir“, fuhr Adele fort, „ist Friedrich Schlegel. Ich nenne ihn immer Fritzchen. Im süßen Alter von 25 Lenzen ist er einer meiner Verehrer und hat sich kurzfristig bereit erklärt, mich wegen meines Malheurs“, und zeigte dabei nach unten, „hierher zu begleiten. Ich nehme an, es ist euch recht. Sonst hätte ich gar nicht erscheinen können“, und schlug dabei ihre Augenlider zum Schein sittsam nieder.

Das war natürlich allen recht, zumal für Erna und Frieda, die wie Adele als die ewig 29-jährigen Vierzigerinnen hier erschienen.

Narrenharusel, vor 1914, nachträglich coloriert - zeitgenössische Postkarte
Narrenharusel, vor 1914, nachträglich coloriert – zeitgenössische Postkarte

Adonis Fritzchen erblühte aus einer zarten Vorfrühlingssonne zu einem wonnigen Frühsommerschein. Das sahen die Gäste im Lokal ebenso und Beifall brandete auf, was Fritzchen nicht etwa zu einer errötenden Verlegenheit, sondern zu einem sich seiner Schönheit voll bewussten Kerl brachte ihn. Frieda war, was Fritzchen betraf, unsicher in der Einschätzung, zu welchem Ufer der Adonis pendeln würde. Was soll’s. Uferpendeln hin oder her. Adele jedenfalls brachte diese Augenweide mit und verschönerte damit diesen Kränzchennachmittag.

Schon vor Monaten war aus dem Kränzchen der Damen im Narrenhäusel eine gesellschaftliche Institution für die Mittelschicht und die örtliche Journaille geworden. Für den Inhaber des Lokals wurde diese Runde eine willkommene Werbung und Einnahmequelle.

Gipsfuß und Pauliner

Mit dem Hinweis auf ihren Gipsfuß lenkte Diva Adele geschickt die Aufmerksamkeit von Fritzchen wieder auf sich.

„Das passierte gestern bei einer Probe für die jährliche Operette der Altpauliner am Alberttheater.“1

Gleich kam von Martha die Zwischenfrage, wer diese Altpauliner denn seien.

Dresdner Nachrichten vom 8. März 1926
Dresdner Nachrichten vom 8. März 1926

„Liebe Martha, das ist keine Biersorte“, antwortete Adele und hob die Hand zu einem Wink an Kellner Waldi, endlich die obligatorische Eierschecke mit Kaffee nebst einem Gläschen Eierlikör zu bringen. Für das Fritzchen gab es ein Glas Bier und eine Eierschecke. Kaffee mochte er nicht, wie er den Damen erklärte.

Die Pauliner, so die Erklärung der Diva, seien eine Erfindung der Leipziger Studentenvereinigung Blau-Weiß-Blau schon Jahre vor dem Weltkrieg 1914/18.1 Sie brachten dort jährlich zur Weihnachtszeit eine urwüchsige humoristische Ulk-Operette auf die Bühne, die sogar eine gewisse Weltberühmtheit erlangte. Nachdem die Studenten älter wurden und keine mehr waren, haben sich die in Dresden und Umgebung wohnenden „Altpauliner“ entschlossen, diese Tradition in der Landeshauptstadt fortzusetzen. Nur nicht mehr zur Weihnachtszeit und frei nach dem Motto „Wie die jungen lallten, so sangen auch die Alten“. Am Alberttheater gab es deshalb die Operette „Die drei Kalifen von Bagdad oder Die weiße Frau“. Die meisten der Anwesenden bei der Premiere am 6. März 1926 waren der Meinung, dass es „ein selten wohlgeratenes, strammes und gesundes Kindlein“ des Alberttheaters war, so in einer Zeitung zu lesen.2

Und Adele spielte, auch wenn sie keine Altpaulinerin war, denn die Studentenvereinigung umfasste nur Männer, selbstverständlich die Hauptrolle der Weißen Frau. Bei der gestrigen Probe für die Abendveranstaltung passierte es dann. Beim schnellen Galopp über die Bühne knickte sie in den hochhackigen Schuhen mit dem rechten Fuß um und zog sich eine Verstauchung zu. Was sie dabei aber am meisten wütig machte, war, dass nun ihre Bühnenfeindin Lea Charré als Zweitbesetzung ran durfte. Zur Linderung beider schmerzlicher Ereignisse leerte sie sofort eine ganze Flasche Sekt. Gott sei Dank war zur Tröstung ihr Fritzchen da, der sie am Kränzchentisch daraufhin schmachtend anhimmelte.

Kaffeebohnen knabbern

Vor Aufregung über Adeles Erzählung knabberte Erna Schwuppke zunächst an ihren Fingernägeln. Dann holte sie eine kleine Dose aus ihrer Handtasche und entnahm ihr eine Kaffeebohne, die sie aufgeregt zerkaute. Als Frieda Lempke das sah, klatschte sie Erna auf die Hand, so dass diese vor Schreck die Dose fallen ließ und Frieda anblaffte.

„Was soll das, Frieda? Hast du noch alle Tassen im Schrank?“

„Ich ja, aber bei dir hat jede Tasse schon einen Sprung, liebe Erna. Weißt du überhaupt, dass dieses Kaffeebohnengeknabbere total schädlich ist?“

Und dann setzte Frieda zu einem Vortrag an, nach dem die rohe Kaffeebohne zu Blutarmut führe, Magen und Darm schädige und auf die Nieren eine lähmende Wirkung habe.2

„Ja, Frau Doktor“, säuselte Erna sarkastisch. „Demnächst verbietest du mir auch noch meine nachmittägliche Tasse Kaffee und vergällst mir meine Eierschecke! Was für eine Infamie! Selbst Kaffee literweise saufen und mich wegen eines Böhnchens runterputzen, als wäre ich eine Küchenmagd.“ Frieda schloss verbissen ihren Mund und verschränkte bockig ihre Arme.

Und hier griff Adele ein.

„Lass gut sein, Erna. Niemand verbietet dir deinen Kaffee. Und du, Frieda, halte dich zurück. Das mit der schädlichen Kaffeebohne habe ich auch gehört. Solange man es mit diesen Dingern nicht übertreibt, ist es wohl kein Problem. Wie bei allen Dingen, die man so treibt“, meinte sie süffisant. „Und falls es einem nach den Bohnen gelüstet, dann, so habe ich es irgendwo gelesen, soll man einen Hornknopf oder eine Elfenbeinkugel lutschen. Die Vermischung mit der Spucke und der daraus folgende eklige Geschmack soll einem das Lutschen der Bohnen verleiden.“2

Narrenhäusel an der Elbe - zeitgenössische Postkarte
Narrenhäusel an der Elbe – zeitgenössische Postkarte

Tagträume

Dabei blickte sie lüstern ihr Fritzchen an und streichelte seine strammen Oberschenkel, was die Damen am Tisch wohl bemerkten. Erna mit dem Hochziehen einer Augenbraue und einem Seufzer. Frieda mit wohlwissendem Lächeln und dem Tagtraum, mit Adonis ein wildes Techtelmechtel im stillen Kämmerlein zu genießen. Nur Martha bekam wiederum ein errötetes Gesicht und blickte scheinbar desinteressiert auf ihre Hände.

Das den ganzen Nachmittag überwiegend schweigend am Tisch sitzende Fritzchen strahlte seine Diva an und mahlte sich den kommenden gemeinsamen Abend aus. In dieses Abendspiel hätte sich Frieda gern als Dritte eingereiht und hoffte ganz unchristlich, dass sich Adele bald den anderen Fuß brechen möge, damit das Fritzchen wieder hier oder noch besser zu einer An- oder Auskleideprobe in ihrer Schneiderstube erscheinen dürfte.

Nach und nach leerte sich das Narrenhäusel. Diesmal blieb die Zigarrenwolke noch wabernd im Raum. Man hatte sich inzwischen daran gewöhnt. Eine letzte Runde Sekt gab dem Kränzchen ein versöhnliches Ende und Lust auf das nächste Mal.

Anmerkungen

1 Dresdner Nachrichten vom 8. März 1926, Artikel „Altpauliner Operette im Alberttheater“

2 Dresdner Nachrichten vom 8. März 1926, Leserbrief einer Meißner Abonnentin


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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