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Verfall der Sitten und des Anstands statt Goldener Zwanziger

Alfred Schmidt, der Redakteur der Dresdner Neuesten Nachrichten, eilte an diesem Vormittag in der zweiten Märzwoche des Jahres 1926 vom Albertplatz kommend, zügigen Schritts in die Hauptstraße der Dresdner Neustadt. In Gedanken brütete er über einen Artikel zu den krude Vorstellungen eines gewissen Arthur Mahraun, Vordenker des Jungdeutschen Ordens. Er forderte, dass die bolschewistische Armee des Sowjetreiches über Polen kommend, bis zur Elbe vorstoßen müsste. Der westliche Rest Deutschlands überlasse man den Siegermächten des Weltkrieges 1914/18, England und Frankreich.

Hauptstraße mit Dreikönigskirche - zeitgenössische Postkarte
Hauptstraße mit Dreikönigskirche – zeitgenössische Postkarte

Krude rechte Vorstellungen

Mit den verbündeten bolschewistischen Kräften, die seiner Ansicht nach inzwischen von der kommunistischen Weltrevolution abgelassen hätten, würden die deutschen Nationalisten an der Elbe die Westarmee in einer Entscheidungsschlacht vernichten und damit den Versailler Vertrag zerreißen. Diese und andere Vorstellungen entsprangen dem Gehirn des Theoretikers Mahraun, des den Faschisten Mussolini verehrenden Jungdeutschen Ordens.1 Kopfzerbrechen machte Alfred Schmidt jedoch die widersprüchliche Haltung von Mahraun zum Frieden und zur Neuordnung der Grenzen in Europa. Obwohl die Redaktion der DNN den Jungdeutschen Orden in die rechtsradikale Ecke stellte, war Alfred Schmidt differenzierter Ansicht.

Dresdner Neueste Nachrichten vom 10. März 1926
Dresdner Neueste Nachrichten vom 10. März 1926

Dabei regte sich der Redakteur innerlich so auf, dass er beinahe mit einem Pärchen nahe der Neustädter Markthalle zusammengestoßen wäre. Der Mann konnte gerade noch seine linke Hand ausstrecken und brachte so Alfreds Lauf abrupt zum Stehen.

Wilde Radler

„Ah, der rasende Herr Reporter ist wieder völlig vergeistigt unterwegs“, rief grinsend die Dame. Alfreds Zurückfinden in die Gegenwart bereitete ihm einige Wirrnis. Das wandelte schnell Erstaunen in Wissen, was seinerseits ein Grinsen in sein Gesicht zauberte. Vor ihm standen seine Schwester Selma und ihr neuer Freund Sepp.

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Als Alfred gerade zur Begrüßung der beiden ansetzen wollte, wurden sie rechts und links von einer Gruppe jugendlicher Radfahrer so dicht überholt, dass der dadurch entstehende Wind beinahe Selmas Hut vom Kopf riss. Als Sepp diesen Jugendlichen wütend drohte, grölten die lauthals was von Schnauze halten, alter Mann und ähnliches.

Entspannung im Automaten-Restaurant

Alfred mahnte zur Gelassenheit und lud die beiden zu einem Kaffee ins nahe Reichsautomaten-Restaurant, das sich im Kopfbau der Neustädter Markthalle befand. Es war um diese Zeit schon gut besucht, zumal die Getränke, herzhafte Imbisse und Kuchen preisgünstiger waren als in den normalen Cafés. Das lag auch daran, dass man hier kaum ausgebildetes Personal und wenn, dann in geringerer Anzahl benötigte. Der Gast bediente sich selbst. Eine Methode, die schon vor der Kriegszeit in Dresden Einzug gehalten hatte.

Die Neustädter Markthalle um 1900 - Zeitgenössische Postkarte (Ausschnitt)
Die Neustädter Markthalle um 1900 – Zeitgenössische Postkarte (Ausschnitt)

Alfred holte an den Kaffeeautomaten mit einem Tablett drei Getränke und stellte sie auf den Tisch. Er bekam gerade noch mit, wie sich Sepp immer noch über die Fahrradbande erregte und bemängelte, dass der Erwerb einer Fahrradkarte, die es dem Radler nach einer Schulung erlaubte, am öffentlichen Verkehr teilzunehmen, abgeschafft wurde. Dort erlernte man neben den allgemeinen Verkehrsregeln, wie Vorfahrt, auch so etwas wie gegenseitige Rücksichtnahme. Und das Ergebnis der Abschaffung sah man hier.2

Dresdner Neueste Nachrichten vom 13. März 1926
Dresdner Neueste Nachrichten vom 13. März 1926

Selma versuchte ihren Freund zu beruhigen. Alfred erwiderte, dass es zudem an Polizisten fehlen würde. Was taugen Gesetze, wenn man deren Einhaltung nicht kontrollieren könne. Dem stimmte Sepp zu und bemerkte sarkastisch, dass es alte deutsche Bürokratentradition sei, immer wieder neue Verordnungen auszubrüten. Um deren Durchsetzung kümmerte man sich nur, wenn damit Geld in die Staatskasse käme.

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Skandale und Sittenverfall überall

Alfred meinte, dass Sittenverfall und Missachtung der Mitmenschen in diesen verrückten Zeiten nicht nur hier in Dresden, sondern im ganzen Reich und in ganz Europa um sich greifen. So gab es in Südtirol in Obermais, einem Vorort von Meran, einen Riesenskandal, wo ein Kinderschänderring aufgedeckt wurde, in dem hochrangige Honoratioren aus Meran und aus dem europäischen Geldadel sowie auch deren Frauen darin verstrickt waren.5

Die Schundliteratur verderbe die Jugend

„Da haben wir es wieder“, rief Sepp dazwischen. „An jeder Ecke gibt es Schmuddelsachen in Wort und Bild zu kaufen, die den jungen Leuten offen zeigen, wie Sex zu handhaben ist. Zwar hat man bei den Kinos schon durchgegriffen, wo sogenannte Aufklärungsfilmchen nicht mehr gezeigt werden dürfen. Auch dürfen sogenannte Groschenheftchen nicht mehr an den Kiosken vertrieben werden und die Zensur greift schon in den Druckereien durch.3

Dresdner Nachrichten vom 2. April 1924
Dresdner Nachrichten vom 2. April 1924

Dem hielt Alfred entgegen, dass man das Problem nur mit Aufklärung in Schule und Elternhaus beheben könne. Aber es sei wie bei den Radfahrern, keine Polizei, die kontrolliert, und kein Geld dafür. Es fänden sich immer Wege für das Sexvergnügen. So erblühe der Schwarzmarkt der Pornografie wie der Rhododendrongarten in Loschwitz. Und um Sepp eine Breitseite zu geben, meinte er grinsend, dass so ein bisschen Porno für das Liebesleben gewiss nicht schade. Er sei schließlich auch nicht in die Gosse der Schande gefallen.

Verwahrlosung in den Familien

Sepp bekam Schnappatmung und regte sich furchtbar darüber auf, dass diese neuen Freiheiten in dieser vermaledeiten Republik dazu beitragen würden, dass die Basis der Gesellschaft in den Familien durch die herrschenden Parteien von links über liberal bis konservativ nicht mehr den Gesamtzusammenhang im Auge haben, sondern nur noch ihre Partikularinteressen. So werde nichts gegen die um sich greifende Prostitution der jungen gefallenen Mädchen getan.3

Die Hauptstraße mit Dreikönigskirche am rechten Bildrand, Anfang des 20. Jahrhunderts.
Die Hauptstraße mit Dreikönigskirche am rechten Bildrand, Anfang des 20. Jahrhunderts.

Dem widersprach Selma, indem sie betonte, dass es widerwärtig sei, nur von gefallenen Mädchen zu sprechen. Die Einweisung dieser Menschen in sogenannte abgeschottete Kasernen zur Umerziehung helfe diesen Mädchen nicht, sondern verschlimmere noch ihre verzweifelte Lage.

Zum Entsetzen von Selma bemerkte Sepp zum einen, dass man früher zu Kaiserzeiten, die Mädchen, die der Sünde verfallen und nicht belehrbar waren, einfach ins Bordell steckte. Da waren sie wenigstens unter der Aufsicht der Puffmütter, Zuhälter, der Gesundheitsbehörden und der Wohlfahrtspolizei. Und heute wollen viele Frauen keine Kinder mehr. Das bedeute, dass wir bald aussterben.3

Du kannst Deine Klamotten abholen

Selma schaute Sepp wortlos von der Seite an. Dann blickte sie zu ihrem Bruder, der hilflos mit den Schultern zuckte. Schließlich erhob sie sich und sagte mit kaltem Blick zu Sepp, er könne seine Klamotten in den nächsten Tagen abholen, so einen Macker wolle sie nicht haben.

Alfred zuckte wieder mit seinen Schultern, weil er seine Schwester kannte. Hatte sie mal einen Entschluss gefasst, dann konnte sie niemand davon abbringen. Und so verließ Sepp wütend das Automatenrestaurant und Alfred kümmerte sich um seinen Artikel über den Jungdeutschen Orden, ohne dabei allzu sehr bei seinem Redaktionsleiter anzuecken.4

Anmerkungen des Autors

1 Dresdner Neueste Nachrichten vom 10. März 1926
2 Dresdner Neueste Nachrichten vom 13. März 1924
3 Dresdner Nachrichten vom 2. März 1924
4 Der Jungdeutsche Orden war in der Weimarer Republik zeitweise der größte nationalliberale Verband. Inhaltlich lehnte er sich an den historischen Ritterorden „Deutscher Orden“ des Mittelalters an. Er hatte zeitweise mehrere tausend Mitglieder, vorwiegend aus dem Mittelstand, war antisemitisch ausgerichtet, besaß einen Arierparagraphen in seinen Statuten. 1933 wurde der Orden, außer in Preußen, verboten, weil er sich nicht mit den nationalsozialistischen Organisationen gleichschalten lassen wollte. Alfred Mahraun war einer der Theoretiker dieser Organisation. Er wurde 1933 verhaftet und kurze Zeit wieder freigelassen. Bis Kriegsende versteckte er sich, um einer erneuten Verhaftung zu entkommen. Einige maßgebende Führer der Organisationen traten den NS-Organisationen bei, wie Hans von Tschammer und Osten, dem späteren Reichssportführer. Andere schlossen sich dem bürgerlichen oder dem linken Widerstand an. Zu letzteren zählte auch Harro Schulze-Boysen, der sich der Gruppe „Rote Kapelle“ anschloss und 1942 in Plötzensee ermordet wurde. In der BRD lehnte er eine Wiedergründung des Jungdeutschen Ordens ab, „da die Zeit noch nicht reif sei“.
5 Dresdner Nachrichten vom 9. März 1926


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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