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Gerhard Richter Serien | Variationen

Flotter Doppeldreier in der Theaterruine

„Was Ihr wollt“ ist eines jener lustigen Shakespeare-Werke, die man generell gern immer sehen kann – egal, wie gerade die äußere Welt- oder die innere Gemütslage erscheint.

Was (fast) alle wollen - ein Finale.
Was (fast) alle wollen – ein Finale. Foto: PR/Theaterruine

In sofern ist das Stück beliebt – und sehr schön geeignet für fluffiges Amateur- wie Sommertheater. Denn es geht an den Strand der Insel Ilyrien, wo just der Vater der Gräfin Olivia verstarb und sie nun sieben Jahre trauern muss – ohne sich der eigenen Begattung seitens diverser Kandidaten widmen zu müssen. Was vor allem Herzog Orsino missfällt, der dermaßen scharf auf sie ist, dass er sogar dichtet und seinen Narr Curio immer wieder zur Werbung vorschickt. Doch Olivia will beide nicht sehen.

Da landet die schöne Viola als Schiffbrüchige am Strand, vermisst dabei ihren Zwillingsbruder Sebastian – verfällt aber beim Anblick eines Bildes des Herzogs sofort in Liebe. Auf Anraten von Showmaster Curio verkleidet sie sich (es herrscht das Patriarchat!) erst einmal burschikos als Cesario, woraufhin ihn der Herzog als Liebesbote auf die Gräfin ansetzt. Auch hier knallt es sofort, nur andersrum.

Allgegenwärtige Asymmetrie der Gefühle vor der Fortpflanzung

Shakespeare geißelt anhand dieser eigentlich unlösbaren Dreiecksgeschichte als dreifache unerwidert-einseitige Liebe somit das größte Weltproblem der Menschheit: die allgegenwärtige Asymmetrie der Gefühle vor der Fortpflanzung. Aber er hat eine Lösung parat: Auch Sebastian (Marius Sahre) landet an – genauso groß, schön und gekleidet wie Cesario, aber dermaßen schlagkräftig, dass er die Nebenbuhlereien, die seine Schwester entfacht hat, inklusive Duell mit Ritter Bleichenwang (Jens Döring) verkraftet und für ein furioses Finale mit Dreifachpaarung sorgt.

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Letzterer hatte es ebenso wie Malvolio (Olaf Nilsson), der Mann für alles in Olivias Reich, auf die Gräfin abgesehen, aber da Ritter Rülp (Angela Huth) schon die Kammerzofe Maria (Nancy Wickner) abfasst, bleiben neben dem Narren noch zwei weitere Herren unbeweibt, was von der Anzahl her vorher klar ist. Intrigen und Rachegelüste dominieren wie schnelle Paarungen das fulminante Bühnenleben, das hier auf eine spritzig-witzige, personell sinnvoll reduzierte Fassung von Alexander Pschill, Nicolaus Hagg und Kaja Dymnicki aus dem Jahr 2018 fußt.

Plötzliche Liebe 1
Plötzliche Liebe. Teil 1 (Szene mit Ingrid Schütze und Rainer Könen). Foto: PR/Theaterruine

Regie führt wie gewohnt Jörg Berger, in der Theaterruine mitten im Hecht in persona Impressario, Vereinschef und Intendant, weil in der Regel vier bis sechs Monate Probenzeit benötigt werden, die ein freier Regisseur nicht aufbringen könnte – oder für den Verein nicht bezahlbar wäre. Ausstatterin Montserrat Navalpotro setzt auf typenbetonende Klamotten der Jetztzeit – gern grell und überzeichnet, weil die Zwillinge als schlichte Seemänner hervorstechen müssen.

Hohe Motivation, lustige Fassung

Hinter der Strohdüne wartet das Meer, ansonsten tut es eine Kiste, zwei Liegestühle, zwei Porträtbilder und zwei Spritzpistolen zum Duell. Da die meisten der Aufführungen erst mal in Helligkeit oder Dämmerlicht stattfinden, ist die Lichtregie noch nicht zu bewerten. Anders als noch vor der Seuche verzichtet Berger hier auf chorische Elemente und zu viel Gesang, was dem Ganzen gut tut. Dafür nutzt er die beiden Türme und ihre Balkone als Podium für die Hochadligen und gibt seinen Darstellern viel Raum zur Komik – auch im direkten Publikumskontakt, den diese dankbar nutzen.

Plötzliche Liebe. Teil II (Szene mit Carola Pohlan und Ingrid Schütze)
Plötzliche Liebe. Teil II (Szene mit Carola Pohlan und Ingrid Schütze).
Foto: PR/Theaterruine

Die Fäden hält der erste in dem Reigen erstaunlich souveräner Komödianten beisammen: Erzähler Alexander Keller, der als Hofnarr souverän das Publikum bei Laune hält und als eine Art Proleten-Sommelier spielerisch locker das Volk bedient. Er hat mit Rainer Könen und Carola Pohlan zwei herrlich knorrige Herrschergestalten über sich, deren Zickigkeit nur durch Liebe heilbar ist. Ingrid Schütze spielt die Wandlung von Viola zu Cesario und zurück überzeugend und mit feiner Mimik. Mit grandioser Präsenz in dieser runden Ensembleleistung wartet zudem Olaf Nilsson als gehörnter Inselbulle mit schwarzgelben Ringelunterhosen auf. Er wird durch die beiden hawaii-hemdsärmligen Mallorca-Ritter und die dynamische Zofe geleimt.

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Eigentlich ward die Inszenierung schon vergangene Spielzeit vorgesehen, dann kam etwas dazwischen. Und im Gegensatz zu Profi-Theater, wo die Luft bei verschobenen Premieren schnell raus ist, ist die Truppe hier ganz beisammen, die Produktion eher gereift – und die Tontechnik der Mikroports vorzüglich ausgestattet.

"Masseltoff" - nach dem Finale hat jede(r) (s)einen Zwilling. Foto: PR/Theaterruine
“Masseltoff” – nach dem Finale hat jede(r) (s)einen Zwilling. Foto: PR/Theaterruine

Selbst am Sonntag, also nach rammelvoller Premiere und gediegener Zweitvorstellung motivierte sich die Truppe noch zu einer wirklich erquicklichen dritten Vorstellung vor knapp zwei Dutzend Zuschauern – auch das schaffen die Profis in der Regel nicht. Damit startet die Theaterruine St. Pauli in eine weitgehend sorgenfreie Spielzeit.

Während „Spamelot“ weiterhin wie irre läuft, wartet schon am 14. Juli die zweite Premiere des Sommers, die vermutlich auch für medialen Wirbel sorgen wird: Denn „Geld oder Leben“ gilt als Uraufführung von Georg Kreisler. Das Werk ist angelehnt an Georg Kaisers Expresso-Komödie „David und Goliath“, die handschriftlichen Notenfragmente wurden in spielfähige Gesangs- und Klaviernoten verwandelt. Enstanden, so Berger, seien überraschend interessante Lieder – für 14 Akteure laufen die intensiven Endproben.

Zweite Halbzeit mit Kreisler-Sensation

Entstanden, so Berger, seien überraschend interessante Lieder – für die 14 Akteure des rund 35-köpfigen Ensembles – laufen schon die intensiven Endprobenwochen.

In Summe laufen dann fünf eigene Produktionen als Repertoire. Der Rest des Programms, welches diesmal in zwei Hälften veröffentlicht wird, aber schon sukzessive im Netz veröffentlicht wird, sind Gastspiele. Die Kooperation mit dem Societaetstheater bringt am 10. & 11. Juni das Overhead Project „Greenroom“ via „Socie in der Ruine“ im Rahmen des Zirkusfestivals, bei den den Konzerten gibt es zum 25. Todestag einen Gundermann-Schwerpunkt, welcher am 21. und 22. Oktober in ein kleines Festival münden soll. Und für A-Capella-, Chor- oder Gospelgesang ist der akustisch lange Nachhall sogar von Vorteil: The Gospel Passengers (18. Juno), das 9. Dresdner Chortreffen (10. September) und die beiden Ensembles von Anja Schumann, also die „Chorallen“ und die „Vokallüren“ (Doppelkonzert am 24. September), profitieren davon.

“Was Ihr wollt” – Lustspiel frei nach Shakespeare

  • Noch zehn Vorstellungen 2023, die nächsten am 5., 7. & 8. Juli sowie am 4. & 5. August.
  • Theaterruine St. Pauli