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Elend und Aufruhr, Teil 2

„Maria und Josef! Else, was ist dir denn passiert? Siehst am Kopf aus, wie ein aufgerissenes Sofakissen.“ Die so titulierte setzte ihren Einkaufskorb seufzend im Treppenhaus des Hintergebäudes der Hechtstraße 26 in der Dresdner Neustadt ab.

„Ach Liesbeth. Ich bin in eine regelrechte kleine Revolution geraten.“

Hechtstraße - zeitgenössische Postkarte
Hechtstraße – zeitgenössische Postkarte

Ihre Nachbarin aus dem zweiten Stock schüttelte ungläubig den Kopf. Und dann erzählte sie ganz ausführlich ihre Geschichte. Zunächst wollte sie im Molkereiladen von Julius Höschler an der Ecke zur Erlenstraße Butter fürs Stollenbacken holen. Das Backen sei für sie Tradition und am kommenden Sonntag sei doch der erste Advent. Da dieses Jahr 1922 die Adventszeit relativ kurz sei, weil der Heilige Abend auch der vierte Advent sei, müsse sie sich sputen.

„Ich dachte, dass Advent und Weihnachten bei euch ausfällt, weil doch dein Mann nun Kommunist ist und christliche Feiertage nicht mehr existieren,“ warf Liesbeth süffisant ein. Else winkte lachend ab.

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„Nach außen muss er mit seinen Genossen brüllen. Aber auf Stollen, Weihnachtsbaum und Plätzchen will auch er nicht verzichten.“

Liesbeth schmunzelte. „Gott sei Dank sind wir Sozialdemokraten und Christen und brauchen uns nicht zu verstellen. Aber wieso bist du so zerzaust? Was hat das mit dem Milch-Höschler zu tun?“
Bei dem sei ihr das Pfund gute Butter mit über 800 Mark doch zu teuer gewesen, so die Else. Und anschreiben lassen wollte der Höschler auch nicht. Ich müsse erst die Außenstände mit Inflationszuschlag begleichen. Da half auch kein Schmeicheln und Augenklimpern. Der Mann blieb eisern, zumal seine Alte eifersüchtig hinterm Vorhang lauschte, wie Else zwinkernd ausführte.

Der Butterkrawall1

„Bei dieser galoppierenden Inflation muss man halt sehen, wo man bleibt,“ fuhr sie fort. „Auch im Konsum in der Nummer 28, war es nicht billiger. Das läge daran, wurde gesagt, dass die Butter aus Mecklenburg käme. Und so fuhr ich in die Stadt zur Markthalle Antonsplatz. Dort in der Galerie sah ich schon eine größere Ansammlung von Hausfrauen und dachte, die haben wohl günstige Butter. Aber weit gefehlt. Die stritten sich mit den Butterhändlern über den Preis.

Einige hätten nämlich gelesen, dass das sächsische Wirtschaftsministerium gerade erst den Preis auf mindestens 700 und höchstens 800 Mark das Pfund festgelegt habe. Das wollten die Händler nicht gelten lassen. Und ich als Kommunistengattin natürlich mittendrin. Auch die anwesenden Beamten der Preisprüfungsstelle Dresden konnten bei dem Lärm mit ihren Argumenten kein Gehör finden. Ich unterstützte natürlich meine Klassengenossinnen und stritt mit.“

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Liesbeth lauschte mit offenem Mund.

„Zur Bekräftigung drosch ich mit meinem Schirm immer wieder auf den Ladentisch. Das machte Schule. Der Lärm lockte immer mehr Gaffer und auch Unterstützer herbei und die Wucherhändler schickten wohl nach der Polizei, die uns dann verjagen wollte. Wir wehrten uns natürlich. In dem Gerangel flog mein Hut runter und wurde zertrampelt, meine Frisur zerzauste und beinahe hätte doch einer dieser rabiaten Polizisten meinen Busen freigelegt. Dem habe ich mit meinem Schirm eine übergebraten. Doch letztendlich siegten die Kapitalistenknechte. Aber wir haben uns wenigstens wie echte Revolutionärinnen gewehrt,“ berichtete Elsa stolz, deren Kreislauf in Fahrt kam und ihre Wangen erröten ließ.

Die Hintergründe

Diese kleine Butterrevolution in der Markthalle Antonsplatz war für die Dresdner Journaille nicht nur ein gefundenes Fressen, um ihre ideologische Stellung auszudrücken, sondern auch eine Möglichkeit, den Finger in die Wunden zu legen, die da hießen: steigende Inflation, wachsende Arbeitslosigkeit und zunehmende Verarmung der unteren und auch der mittleren Schichten.

Dresdner Volkszeitung vom 29. November 1922
Dresdner Volkszeitung vom 29. November 1922

Aber wie das so war mit Aufruhr und Krawall, meist waren es nichtige Anlässe. Dieser hier beruhte auf ein Missverständnis. Die konservative Dresdner Neueste Nachrichten2 hob hervor, dass die Preisfestsetzung des Wirtschaftsministeriums nur die sächsische Butter betraf, die auch aus sächsischer Milch von hier lebenden sächsischen Kühen hergestellt sein musste.

Dresdner Neueste Nachrichten vom 1. Dezember 1922
Dresdner Neueste Nachrichten vom 1. Dezember 1922

Und die sozialdemokratische Dresdner Volkszeitung3 differenzierte, dass das Wirtschaftsministerium „für sogenannte Bauernbutter unter Zugrundelegung des festgesetzten Erzeugerpreises von 700 Mark einen Kleinverkaufspreis von 800 Mark für das Pfund höchstens als angemessen festgestellt.“ Bei der höherwertigen Molkereibutter sei im Großhandel ein Verkaufspreis von 804 Mark und für den Kleinverkauf von höchstens 1.030 Mark festgesetzt worden.

Und die Dresdner Nachrichten1 wiesen darauf hin, dass die sächsische Butter im Freistaat nicht flächendeckend aus Mangel an Erzeugung angeboten werden kann. Der größte Teil der Butter hierzulande komme deshalb aus Mecklenburg. Und da gelte die Anordnung des Wirtschaftsministeriums nicht. Beim Käse sei es ähnlich. Hier stammte das meiste Angebot aber aus Bayern.

Dresdner Nachrichten vom 30. November 1922
Dresdner Nachrichten vom 30. November 1922

Galoppierende Lebenskosten

Alles sei in diesem 1922 teurer geworden und die Löhne wurden scheinbar immer weniger, bemerkte Else. „Und das bringt viele Menschen in die Bredouille. Hast du mitbekommen, dass die alte Müllerin von nebenan gestern aus dem Fenster gesprungen ist? Die kam mit ihren 400 Mark pro Woche nicht mehr zurecht. Allein für die Miete musste sie das Doppelte im Monat berappen.“
Liesbeth seufzte. „Ja das ist traurig. Wir sind auch ganz knapp dran. Wenn mein Mann am Sonnabend mit dem Wochenlohn nach Hause kommt, geht wohl die Hälfte gleich an den Konsum, um unsere Anschreibungen zu tilgen. Ich hoffe nur, dass er nicht die andere Hälfte drüben in der ‚Schmiede‘ versäuft.“

Else nickte dazu. Ihr erging es ähnlich. Nur die Kneipe ihres Mannes war eine andere, nämlich die „Gleichheit“ an der Ecke Erlenstraße. „Das Weizen- und das Roggenmehl sind rationiert, die Kartoffeln kosten 500 Mark das Kilo und für das 1.900 Gramm-Brot zahlst du jetzt 280 Mark.“

Liesbeth ergänzte aufgeregt, dass das Getreide in Sachsen für die Broterzeugung nicht reichen soll. So stand es in der Dresdner Volkszeitung4. Der Vorrat solle nur bis Januar 1923 reichen. „Und was wird aus uns? Müssen wir dann wie die Vögel Gras, Körner und Aas fressen? Kein Wunder, dass die Leute aufmucken.“

Krawalle auch anderswo

Aus Schmiedeberg im Osterzgebirge berichtete die DVZ3, dass eine Händlerin sich weigerte, die Butterpreise zu senken. Hier schritten sozialdemokratische Abgeordnete ein, beschlagnahmten deren Butter und verteilte sie kostenlos an die Ärmsten in der Gemeinde. Die Zeitung drohte noch damit, dass die Schmiedeberger Vorgänge eine Warnung seien und „dass man die Geduld der Arbeiterklasse nicht missbrauchen solle“.

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Die bürgerliche DNN2 schrieb zu den ganzen Vorgängen aufatmend, weil die Revolution letztendlich doch ausfiel: „Wie glücklich ist der zu schätzen, der hin und wieder doch einmal ein Stückchen echt sächsische Butter kaufen kann“.

„Und, hast du nun deine günstige Butter bekommen?, fragte Liesbeth.

„Naja, nicht ganz und nicht dort. Die Polizei schloss die Markthalle vorzeitig und jagte uns alle raus. Zum Glück wurden wir nicht verhaftet. Ich bin dann in den Konsum hier bei uns auf der Hechtstraße gegangen und habe das Pfund sächsische Butter zu 720 Mark bekommen. Jetzt muss ich aber hoch und den Hefeteig für den Stollen ansetzen.“

Anmerkungen des Autors

1 Der sogenannte Butterkrawall ist historisch verbürgt und fand am 29. November 1922 in Antons Markthalle statt. Diese erste Dresdner Markthalle entstand aus dem überdachten Antonsplatz, gelegen zwischen Marien- und Wallstraße in der Altstadt. Das ganze Gelände wurde 1945 zerstört und vollständig beräumt. Bis zur Jahrtausendwende waren hier Parkplätze. Siehe dazu Dresdner Nachrichten vom 30. November 1922
2 Dresdner Neueste Nachrichten vom 1. Dezember 1922
3 Dresdner Volkszeitung vom 1. Dezember 1922
4 Dresdner Volkszeitung vom 29. November 1922


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

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