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Gegen Fußgängerblockaden

Lautstarkes Schimpfen, Geschrei und wüste Drohungen machten an diesem milden Augustsommerabend des Jahres 1892 die ansonsten recht gelassen hier lebenden Bewohner der Alaunstraße in der Neustadt zu einem Moloch der Furien und Berserker. Vor der Nummer 29 traf der Haufen aufeinander und es entstand eine geschlechtsübergreifende Prügelei.

Da drosch die Postschaffnerswitwe Elfriede John aus dem Hinterhaus der 27 mit ihrem Besen dem Alexander Schulze aus der 38 auf dem Kopf, der auf seiner rechten Schulter ein Bündel sechs Meter langer Latten auf dem Fußweg in Richtung Albertplatz bugsierte und der Witwe dabei ihre Teetasse aus der Hand schlug, die am Boden zerbrach. Vor Überraschung fielen dabei die Latten krachend zu Boden und behinderten ihrerseits das Fortkommen weiterer Passanten.

Alaunstraße um die Jahrhundertwende
Alaunstraße um die Jahrhundertwende

Schulze wehrte sich mit einem kräftigen Schubs, der die Witwe gegen den Buchbindergehilfen Mottke stieß und beide auf das Trottoir1 fallen ließ. Daraufhin zog die Witwe Bähr aus der 29 dem Schulze so am Ärmel seines Jacketts, dass selbiger sich von der übrigen Jacke löste. Das wiederum machte den Geschädigten so wütend, dass er der Bähr eine scheuerte, was wiederum den Leutnant von Schroeter aus der 27 auf den Plan rief. Die Ehre seiner Mitbewohnerinnen verteidigend, schlug er dem ärmellosen Schulze dermaßen mit einer flachen Klinge an den Kopf, dass es eine stark blutende Platzwunde ergab, die diesen kurzzeitig ohnmächtig werden ließ.

Viel Volk sammelte sich an.

Aus der Schankwirtschaft Saxonia-Säle von gegenüber strömten die um diese Zeit schon reichlich alkoholisierten Gäste auf die Straße, johlten und feuerten die einzelnen Prügelanten an. Das brachte Abwechslung in das sonst brave Leben in der Antonstadt. Der in Parterre2 der 29 seinen Geschäften nachgehende Barbier und Zahnkünstler Alfons Siradzynski schaute angewidert mit verschränkten Armen vor seinem Laden diesem Treiben zu.

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Unter Pfeifen ihrer Trillern

eilten vier Wachtmeister der Gendarmerie herbei. Um in der Hitze des Gefechtes nicht selbst zu Schaden zu kommen, griffen sie zu den Schlagstöcken und droschen nun ihrerseits auf die sich Tummelnden ein. Sie konnten die Streithähne und -hennen nur unter größter Anstrengung und höchstem körperlichen Einsatz auseinanderbringen und in den bereitstehenden Gendarmerie-Wagen hineinpferchen. Auf der Wache wurde das ganze Dilemma sichtbar: blaue Flecke, blutunterlaufende Augen, einem fehlten zwei Zähne, einer anderen ganze Haarbüschel. Schulze beklagte den Bruch zweier Holzlatten und forderte Schadensersatz. Witwe John keifte den Schulze und die Bähr an.

„Ruhe! Hier schreit nur einer rum und das bin ich!“ Nachdem Stille eingekehrt war, betrachtete Inspektor Janke kopfschüttelnd die vor ihm stehenden und sich nun schämenden und ihre Köpfe hängenden Delinquenten.

Alaunstraße vor rund 100 Jahren
Alaunstraße vor rund 100 Jahren

„Was soll dieses revoluzzerhafte Gehabe. Sowas dulde ich nicht in meinem Revier.“ Als die Witwe Bähr den Mund zu einer Widerrede aufmachen wollte, erntete sie nur den gestrengen Blick und den erhobenen Zeigefinger vom Inspektor und schloss ihre Gusche wieder. „Kein Wort mehr, sonst dürft ihr alle als Gäste des Polizeipräsidenten in unserer vergitterten Pension bei Küchenmeister Schmalhans eine Nacht verbringen. Natürlich nicht ohne Obolus.“ Das half.

Der Anlass der Rauferei

war schnell gefunden. Der lag in einer verbreiteten Unsitte in diesen Tagen. Sobald es abends etwas kühler wurde, schleppten die Anwohner nicht nur der Alaunstraße ihre Stühle auf die Trottoire vor ihren Häusern. Dort tratschten sie mit Nachbarn und Passanten, tranken dazu Tee oder auch Bier und Wein. Dass sie für andere die Fußwege blockierten, interessierte nur am Rande.

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Das bezeichnete

die Zeitung Elbeblatt und Anzeiger vom 24. August 1892 als „eine recht empfindsame Verkehrshemmung in unserer Stadt, ein kleinstädtisches und dörfliches Gehabe. … Nicht selten am Tage, mehr noch aber des Abends und merkwürdiger Weise meistens an den schmalsten Stellen findet man förmliche Ansammlungen eines gewissen Publikums, dass seine Konferenzen hier abhält. Das breite Nebeneinandergehen, als auch der Transport umfangreicher Gegenstände, wie Tragekörbe, ist in letzter Zeit ebenfalls recht modern geworden. … Die Passanten sind, um unliebsamen Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen, in allen diesen Fällen gezwungen, das Trottoir zu verlassen und ihren Weg auf der Fahrstraße fortzusetzen.“

Elbeblatt und Anzeiger vom Sommer 1892
Elbeblatt und Anzeiger vom Sommer 1892

Inspektor Janke belehrte sie in dieser Hinsicht und fügte hinzu, dass diese unstatthaften Verkehrsbehinderungen laut der Stadtpolizeiordnung verboten seien. Alle Anwesenden Delinquenten wurden zu je fünf Mark3 Ordnungsgeld verdonnert.

Anmerkungen des Autors

1 aus dem Französischen entlehnt; durch eine Bordsteinkante von der Fahrbahn abgegrenzter erhöhter Weg, parallel zur Fahrbahn, für Fußgänger (Quelle: Wiktionary, das freie Wörterbuch)
2 ebenfalls aus dem Französischen, Erdgeschoss
3 sind heute umgerechnet 34,50 Euro (Quelle: Liste der Kaufkraftäquivalenten historischen Beträge in deutschen Währungen, Deutsche Bundesbank, Stand Januar 2022)


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

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Ergänzungen gern, aber bitte recht freundlich.

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