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Palais-Sommer

Schwere Zeiten für Hund und Katze

Schon von Weitem sah Wachtmeister Klemper die Witwe Schönberg aus der Hauptstraße 157 winkend auf sich zukommen. Er tat so, als bemerke er sie nicht. Unauffällig drehte er sich um und schlenderte zunächst langsam und dann etwas schneller in Richtung des Rathauses. Jedoch unterschätzte er die Kondition der resoluten Witwe.

Die Hauptstraße am Ende des 19. Jahrhunderts - Ausschnitt aus einer Postkarte des Kunstverlages Brück & Sohn.
Die Hauptstraße am Ende des 19. Jahrhunderts – Ausschnitt aus einer Postkarte des Kunstverlages Brück & Sohn.

„Herr Wachtmeister, Herr Waaaaachtmeister!“, rief sie mit lautester Stimme. Nun konnte der so inständig Gerufene nicht mehr davoneilen. Er verdrehte die Augen und drehte sich, ein künstliches Lächeln aufsetzend, zur heraneilenden Schönberg um.

„Meine liebe Witwe Schönberg, Sie sind es also doch. Ich vermeinte, mich rufen zu hören. War mir aber nicht sicher. Also, werte Dame, welches Vorkommnis bedarf diesmal des dringenden Handelns der Obrigkeit der Neustadt?“

Sich Luft zu wedelnd, musste sich die Schönberg erst einmal beruhigen. „Herr Wachtmeister, mein Fritz ist weg.“ Mehr Sätze konnte sie ob des Luftmangels nicht herausbringen. „Sie suchen also ihr Verhältnis?“, erwiderte Klemper schmunzelnd.

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Die Witwe stemmte die Fäuste in ihre breiten Hüften und funkelte den Vertreter der Stadtobrigkeit wütend an. „Was sollen diese Unterstellungen? Sie Witzbold. Ich bin eine ehrbare Frau und kein Flittchen aus der Rähnitzgasse.“ Es ginge ihr nicht um ein Mannsbild, sondern um ihren treuen Hund namens Fritz. Dabei hob sie drohend ihren Einkaufskorb.

Klemper versuchte sie zu beruhigen. Vielleicht sei er, der Rüde, auf Pirsch zu einer Hündin. Schließlich sei es Frühling und da erwachen auch die Triebe der Hunde.

Ehe die Witwe wieder abgehen konnte, wie ein Feuerwerk beim Königsgeburtstag, sicherte er ihr zu, der Sache auf den Grund zu gehen.

Fleischerei - Gemälde von Pieter Aertsen
Fleischerei – Gemälde von Pieter Aertsen

Ein seltsamer Fall

Je länger er darüber grübelte, umso mehr lösten sich die Nebel in seinem Gehirn auf. Jetzt ergaben diverse Anzeigen aus den vergangenen Wochen einen Sinn. Mal verschwand hier eine Katze, mal vermisste man dort ein Hund. Wenn er alles in allem zahlenmäßig überschlug, kam er auf 14 Katzen und 12 Hunde. Außerdem erinnerte er sich an einen Bettler, der in einem Beutel mehrere Hunde- und Katzenfelle hatte. Angeblich hätte er diese auf Dörfern der Umgebung eingesammelt.

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Hunger und Armut

Dieser sich verabschiedende Winter des Jahres 1839 hatte es in sich. Nachdem die Ernte des Vorjahres nicht besonders üppig ausgefallen war, setzten die Kälte und der viele Schnee noch eins obendrauf. Mangelndes Holz und fehlende Kohlen, teures Mehl, wenig Gemüse und kaum Fleisch wegen einer bösartigen Seuche unter den Rindern und Schweinen in den umliegenden Gütern. Nur mit größter Sparsamkeit kam man über die Runden, viele leider nicht.

Fleischerei im 19. Jahrhundert, Lithografie, Autor unbekannt
Fleischerei im 19. Jahrhundert, Lithografie, Autor unbekannt

Wachtmeister Klemper informierte seinen Vorgesetzten, Inspektor Waller, orderte vier seiner Gendarmen und durchkämmte mit ihnen Gasse für Gasse und jeden Hof in der damals sehr überschaubaren Neustadt. In der Rähnitzgasse wurden sie fündig. Dort führte Elsa Friedrich recht resolut im Hinterhof einen gut gehenden fleischverarbeitenden Betrieb. Der Fleischmangel ließ die Preise kräftig steigen und ihre Kasse klingeln, trotz der Tatsache, dass die Fleischtaxe1 weiter bestand.

Der richtige Riecher

Den hatte der Wachtmeister. Recht schnell stellte sich heraus, dass die findige Geschäftsfrau einen Gesellen auf Streife schickte. Dieser beförderte angeblich herumstreunende Hunde und Katzen, vorausgesetzt, sie hatten einiges auf den Rippen, fachmännisch vom Leben zum Tode und dann in einem bereit gehaltenen Sack. Der mitlaufende Lehrbube durfte ihn in die Fleischerküche tragen.

Dort entstanden daraus gut gewürzte Knackwürste, die angeblich als solche vom Schwein stammen sollten und die mangels anderer Fleischarten reißenden Absatz in der Neustadt fanden. Aber nicht nur dort, auch die Köche aus den Wirtshäusern der Altstadt standen in der Rähnitzgasse Schlange. In der Sächsischen Dorfzeitung konnte man ein paar Tage später am 19. April 1839 lesen: „Das bayrische Bier vermehrt den Bedarf dieser Würstel und, trotz ihrer Wohlfeilheit, bekommen die Spediteurs vulgo Knackwürsteljungen, noch einen bedeutenden Rabatt. Da greift man denn zu solchen Mittelchen.“

Sächsische Dorfzeitung
Sächsische Dorfzeitung

Die Gendarmen fanden übrigens in einer Tonne im Hof einige Katzen- und Hundefelle. Der äußerst tüchtigen und kreativen Geschäftsfrau wurde durch Ratsorder die Geschäftslizenz entzogen und ein Aufenthalt im städtischen Knast bis zur Gerichtsverhandlung verordnet. Der arme Fritz der Witwe Schönberg konnte leider nicht mehr lebend gefunden werden. Er passierte bereits den Verdauungstrakt einiger ehrwürdiger Biertrinker in den Kneipen auf der Hauptstraße und in der Bärenschänke in der Altstädter Webergasse.

Anmerkungen des Autors

1 Die Fleischtaxe war ein polizeilich festgesetztes Höchstmaß für den Fleischpreis. Damit wollte man die Kunden vor einer Übervorteilung schützen. Als schwierig erwiesen sich dabei die unterschiedlichen Fleischqualitäten. In Preußen wurden dann mit der neuen Gewerbeordnung von 1845 (und in Sachsen etwas später) die Fleischtaxen aufgehoben. Wegen des Auftretens der Trichinen wurde jedoch eine amtliche Fleischbeschau durch die Wohlfahrtspolizei im 19. Jahrhundert immer mal wieder eingeführt. In den ehemaligen Rheinbundstaaten bestand diese Verordnung auf der Basis der Gesetzgebung Napoleons seit 1802.


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür durchstöbert der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek. Der vorliegende Text ist literarischer Natur. Grundlage bilden die recherchierten Fakten, die er mit fiktionalen Einflüssen verwebt.

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