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Dem Volke aufs Maul schauen

Diesem etwas abgewandelten Lutherauspruch kann man am besten auf einem Markte nachgehen. In unserem Falle ist das der Neustädter Markt der sächsischen Residenz, der Anfang Januar 1840 einfach nur Markt genannt wurde. Das Wetter war ungewöhnlich mild, so dass sich nach dem Jahreswechsel allerlei Hausvolk der niederen und höheren Stände dort traf.

Neustädter Markt im 18. Jahrhundert - Kupferstich von Gottlieb Friedrich Riedel
Neustädter Markt im 18. Jahrhundert – Kupferstich von Gottlieb Friedrich Riedel

Neben dem reitenden starken August, der schon fast ein Jahrhundert an dieser Stelle in die Ferne blickte, boten Bauern, Bäcker, Fleischer und Händler anderer Dinge in ihren Bretterbuden ihre Waren feil. Und gehandelt wurde selbstverständlich auch marktüblich mit Nachrichten, Gerüchten, Merkwürdigkeiten aus aller Welt und vor allem mit dem Klatsch aus der Nachbarschaft.

Wo eine ist, ist die nächste nicht weit

Louise Terschek, die Gattin des Hofgärtners vom Japanischen Palais betrachtete die Auslagen beim Landbäcker aus Potschappel, als sie von hinten angetippt wurde. Erschrocken fuhr sie herum. Caroline Prater, die Ehefrau des Brückenzolleinnehmers, strahlte sie an.

„Machen Sie das nie wieder“, fauchte die Terschek. „Ich hätte tot umfallen können.“ Die Frau Zöllnerin lachte auf. „Sind Sie aber nicht, meine Liebe. Haben Sie schon davon gehört, dass diese ungewöhnlich warme Luft in diesen Tagen ganz schädlich sein soll?“ Die Frau Hofgärtnerin schaute etwas irritierend. „Das stimmt“, mischte sich die dazugekommene Gattin des Schuhmachermeisters Karl Beyer aus der Kleinen Meißner Gasse 3 ein. „In der Sächsischen Dorfzeitung von gestern1 habe ich das auch gelesen.“ Die Terschek verstand immer noch nicht.

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„Ja“, setzte die Prater fort, „diese schwere, feuchte Luft soll vor allem uns Sterblichen zeigen, dass dieser außergewöhnliche Naturzustand nicht ohne fühlbare Folgen bleibt. So steht es in der Zeitung.“ Und die Beyer setzte fort: „Die Folgen dieser Luft sollen nervöse Fieber sein, die schon etliche Todesopfer gefordert haben sollen.“ Die Terschek hielt vor Schreck die Hand vor dem Mund. „Oh mein Gott, mir ist schon ganz schlecht.“

Sächsische Dorfzeitung
Sächsische Dorfzeitung

Die sich inzwischen zugesellte Gattin des Stubenheizers aus der Kanzlei des Königlichen Appellationsgerichtes, Christiane Fauth, erblasste ebenfalls. Aber Caroline Prater beruhigte alle. „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Vielleicht ist das auch nur ein Märchen.“ Das wurde mit einer gewissen Erleichterung aufgenommen.

Das Geheimnis der Marktpreise

Dann wandte sich die Zöllnerin an die Bäckersfrau aus Potschappel und kaufte einen Laib feinstes Weißbrot. „Billiger ist das Brot aber nicht geworden, seit Sie seit wenigen Tagen kein Jahrmarktsgeleit2 mehr zahlen müssen.“

„Dafür sind aber die Mehlpreise gestiegen. Damit werden die Ersparnisse bei den städtischen Abgaben wieder aufgefressen“, entgegnete diese mit lauter Stimme, dass es ja alle in der Umgebung hörten.

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Das Biedermeier lässt grüßen

Die Beyer tippte die beiden Frauen an und nickte in Richtung Hauptstraße. Von dort kam, nein schwebte die Frau Hofrätin von Ammon, die Gattin des Königlichen Leibarztes heran und zog alle Blicke auf sich. Man sah an ihr den neuesten Londoner Schick, der jungen Königin Victoria nachgeahmt. Sie trug eine Krinoline3 unter dem Kleid, das schmal in der Schulter und sehr schmal in der Taille gearbeitet war. Der seidene Rock war plissiert. „Wie eine Glocke“, meinte andächtig die Terschek. Den Kopf zierte eine kleine Haube, aus der brünette Korkenzieherlocken hervortraten.

Damen- und Herrenmode um 1840
Damen- und Herrenmode um 1840

Und diese neue schlichte Eleganz ließ bei allen die Münder offenstehen. Die Fauth war so hingerissen, dass sie vergaß, ihr Wasser zu halten und ließ es auf das Pflaster plätschern. Das störte die anderen nicht. So war es üblich. Denn Unterhosen trugen die Frauen unter dem knielangen Unterhemd nicht.

Nachdem das Defilee der Frau Hofrätin vorüber war, wollten sich die Frauen wieder ihren eigentlichen Gründen des Aufenthalts auf ihrem Markt zuwenden. Aber die Beyer hatten wieder was entdeckt.

Auch Männer wissen sich in Szene zu setzen

Aus der Meißner Gasse kam ein junger Mann geschlendert, der sich seiner Reize wohl bewusst war. Die Damen, zu denen sich inzwischen die Maurermeisterin Teuchert vom Kohlmarkt 2 zugesellt hatte, hielten den Atem an. „Das ist der junge Franz von Cerrini von dort drüben“, flüsterte die Teuchert. „Was für ein fescher Bursche“, seufzte die Hofgärtnerin. Und die Beyer wünschte sich in ein anderes Lebensalter zurück. Franz trug unter dem offenen Gehrock eine bunt bestickte Weste. Am Hals blitzte ein blendend weißer Hemds-Stehkragen hervor, der vorn einen Osbaldiston trug, einen dunklen Schal zu einem tonnenförmigen Knoten unter dem Kinn gebunden. Die dunklen Hosen leger mit enger Taille betonten die jugendlich schmale Figur. Bei dieser milden Witterung verzichtete der Franz auf einen Zylinder, so dass die frisch frisierte Haarkrause mit den Koteletten und dem Schnurrbart gut zur Geltung kamen. Mit seinem Spazierstock in der Rechten leicht wippend, entschwand er zwischen den beiden Brunnen am Eingang zur Hauptstraße. Dass diese ihr Wasser aus der Dresdner Heide bekamen und jeweils ein Häuschen mit Kupferdach als Schutz hatten, interessierte ihn nicht.

Und die Erregung unserer fünf Damen ebbte mangels neuer Attraktionen langsam ab. Der Alltag hatte sie wieder. Jede von ihnen verschwand zwischen den Buden. Die Hausarbeit wartete.

Anmerkungen des Autors

1 Sächsische Dorfzeitung vom 3. Januar 1840; Verleger war G. Heinrich, der seine Verlagsbuchdruckerei in der Dresdner Neustadt hatte. Das Blatt erschien zwischen 1839 und 1905. Erhalten sind aber nicht alle Ausgaben.
2 Ist eine städtische Abgabe, eine Art Standgebür.
3 Üblich im 19. Jahrhundert in der Damenmode. Man trug die Krinoline unter einem weiten Rock. Es war eine Art Unterkleid. Dieses Unterkleid wurde entweder durch Fischbeinstäbchen versteift oder wurde über einem Gestell getragen. Dadurch entstand der weit abstehende Rock.


Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek durchstöbert.

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