Die verlorene Perle

Von einer verlorenen Perle ahnte man im April 1899 am Königlichen Gymnasium Dresden-Neustadt nichts. Gingen doch gerade erst die mehrtägigen Festivitäten zum 25. Jubiläum des Gymnasiums zu Ende. Müde, aber glücklich schaute Rektor Martin Wohlrab aus dem Fenster seiner Wohnung in den Garten der Schule. Es passte alles: der Sonnenschein, die mit Macht explodierende Natur, die große Schar der Gratulanten und der Erfolg der Lehranstalt.

Staatliches Gymnasium Dresden-Neustadt um 1934
Staatliches Gymnasium Dresden-Neustadt um 1934

Unter seiner Leitung hatte man es geschafft, noch vor dem renommierten Kreuzgymnasium am Georgsplatz auf der anderen Elbseite, das Vorzeigebildungsinstitut in Sachsen zu werden. Glückwünsche aus ganz Deutschland und den Nachbarländern kamen zuhauf. Und das Wichtigste: Königshaus, reiche Neustädter Unternehmen und ehemalige Schüler gründeten eine Stiftung, die für den wirtschaftlichen Erfolg der kommenden Jahrzehnte sorgen sollte.

Auf Holz gebaut

Nun, nicht im wörtlichen Sinne, sondern eher geografisch gemeint. Das Gelände beherbergte nämlich ursprünglich den kurfürstlichen Holzhof, der sich seit 1685 unweit der Prießnitzmündung befand. Und der Weg dorthin war mal ein Teilabschnitt der Bautzener Straße, ehe sie 1823 zur Altbautzener und dann ab 1839 zur Holzhofgasse wurde. 1871 segnete das Zeitliche den Holzhof und auf dessen Gelände entstanden die Gebäude des neuen Königlichen Gymnasiums als neunstufige Lehranstalt für Jungen. Es unterstand direkt dem Kultusministerium. Der Schwerpunkt lag auf den alten Sprachen.

Hinein durfte aber nicht jeder. Erstens musste man mindestens neun Jahre alt sein, bereits drei Jahre eine Bürgerschule besucht haben und dann war zweitens ein saftiges Schulgeld nötig. Zum einen 120 Mark als Grundgebühr pro Schuljahr. Hinzu kamen 15 Mark als Aufnahmegebühr, 1 Mark jährlich für die Bibliotheksnutzung, 15 Mark mussten die Eltern hinblättern, wenn der Spross das Abitur geschafft hat und ein Reifezeugnis benötigte. Und wenn der junge Mann die Prüfungen nicht schaffte? Auch dann waren beim Abgang ohne Reifezeugnis 9 Mark fällig.

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Somit war gewährleistet, dass nur die Kinder der sogenannten Mittelständler aus der Wirtschaft sowie die Abkömmlinge der Staatsbeamten und des Militärs eine höhere Bildung genießen konnten.

Moral, Zucht und Ordnung

Aus der Schulordnung des Königlichen Gymnasiums Dresden-Neustadt aus dem Jahre 1896 geht hervor, dass die Schule ein strenges Auge auf ihre Zöglinge hatte. Zum einen war es ein äußerliches Erkennungszeichen – eine dunkelblaue Schirmmütze mit goldenem Streifen. Diese musste auch in der sogenannten Freizeit getragen werden. Damit wollte man ein besonderes Wohlverhalten der Schüler in der Öffentlichkeit erreichen.

Da viele Schüler auch von außerhalb kamen, wohnten sie in Pension, meistens in der Neustadt. Der jeweilige Pensionsgeber bedurfte, zwecks Eignung, der ausdrücklichen Zustimmung durch den Rektor. Denn der Herbergsvater oder die Herbergsmutter musste das sittliche Verhalten des bei ihnen wohnenden Gymnasiasten kontrollieren.

Verboten war „jede Art von Widerspruch oder Einrede dem Lehrer gegenüber vor versammelter Klasse“. Auch gegenüber den Mitschülern gab es Maßgaben. „Untersagt ist jede Art Beleidigung, Bedrückung oder Einschüchterung eines Mitschülers. Wer einen verderblichen Einfluss auf seine Mitschüler ausübt, wird von der Anstalt entfernt“ hieß es in der Schulordnung. Nicht erlaubt waren das Borgen und Verborgen von Geld und der illegale Verkauf von Schulbüchern.

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Auch musste wegen Fehlens am Unterricht ein Entschuldigungsschreiben beigebracht werden. Wer an Scharlach, Diphtherie, Pocken oder Masern erkrankte oder aus einem Haushalt mit solchen Erkrankungen kam, musste in Quarantäne und anschließend ein ärztliches Gesundungszeugnis vorlegen.

Gewählte Primaner hatten neben der Pausenaufsicht der Lehrer dort für Ordnung zu sorgen. Abfälle wegwerfen, im Schulgang zu rennen, mit Mütze den Klassenraum zu betreten, herumlärmen, sich prügeln, all das unterbanden die Unter- und Oberprimaner rigoros.

Der lange Arm der Schule

Der reichte auch in die Bereiche außerhalb der Schule. Jeder musste zu Beginn des Schuljahres (nach den Osterferien) eine Arbeitszeitplan für die Freizeit aufstellen. Mochte jemand zusätzlich Privatunterricht nehmen oder in einen Ruder-, Tanz-, Reit- oder Fechtklub gehen, bedurfte es stets der Zustimmung durch den Rektor.

Die Tertianer und Sekundaner durften nur in Begleitung der Eltern ein öffentliches Lokal besuchen. Die Primaner konnten schon ohne Aufsicht, aber „unter der Bedingung der maßvollen Nutzung dieser Freiheit“, wie die Schulordnung festlegte, ein Bierchen trinken gehen. Sogar Rauchen war erlaubt. Nur nicht in der unmittelbaren Gegenwart ihrer Lehrer und auch nicht auf den Straßen der Stadt. Ersteres war unhöflich, das Zweite unschicklich.

Königliches Gymnasium Dresden-Neustadt um 1898
Königliches Gymnasium Dresden-Neustadt um 1898

Wollte einer der Zöglinge doch einmal außerhalb des Familienkreises einen Ball, eine Theatervorführung, gar eine dieser ekelhaften und verderbenden Kinovorstellungen besuchen, sich in Vereinen organisieren, musste er die Zustimmung des Rektors einholen. Zuwiderhandlungen wurden mit Verweis und gegebenenfalls mit Rausschmiss aus dem Gymnasium bestraft. Schülervereinigungen waren streng verboten (wegen der Gefahr der politischen Einflussnahme).

Die Jubelfeier

Doch vom 26. bis zum 28. April 1899 beging man erst einmal ausgiebig „25 Jahre Königliches Gymnasium“. An allen Tagen wurde ausgiebig im Vereinshaus an der Zinzendorfstraße gefeiert. Schüler führten den „König Ödipus“ auf. In der Aula gab es am 27. April den Festakt mit den Honoratioren der Stadt, ehemaligen Schülern und Gästen. Der 28. April begann mit einer Dampferfahrt nach Meißen und endete in einem feuchtfröhlichen Vergnügen im Vereinshaus, wie in den Dresdner Nachrichten zu lesen war. Eine Festschrift zelebrierte die Erfolge der Anstalt seit ihrer Gründung.

Jubiläumspostkarte für das Königliche Gymnasium
Jubiläumspostkarte für das Königliche Gymnasium

Das Ende

Es kam nicht mehr im 19., sondern erst im folgenden Jahrhundert. Kaiser und König gingen, die Anstalt blieb. Nun war es ein Staatsgymnasium. Behielt aber seine Vorrangstellung im nunmehrigen Freistaat. 1937 beseitigte man die Einteilung der Schule in neun Stufen der Tertia, Sekunda und Prima und führte die noch heute gültigen Stufen ein. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden viele Lehrer zur Wehrmacht eingezogen. Die Gymnasiasten wurden ohne Reifeprüfung, nur mit einem kleinen Vermerk, dass sie die Reife erreicht hätten, sofort in Uniformen gesteckt. Ein großer Teil von ihnen kehrte nicht mehr zurück.

Alsbald wurde der Unterricht ganz eingestellt. Die Schule wurde ein Lazarett. Man quartierte die restlichen Schüler und Lehrer in die Mädchen-Oberschule in der Weintraubenstraße 1 um. Die Bomben am 13. Februar 1945 zerstörten das Gebäude in der Weintraubenstraße. Die Holzhofgasse 2 kam glimpflich davon. Ein Brandstifter legte das Gebäude am 14. Mai 1945 endgültig in Schutt und Asche. Der Rest der Grundmauern wurde später abgetragen.

Das Staatsgymnasium hörte auf zu existieren.

Doch davon ahnte Rektor Wohlrab am 29. April 1899 nichts. Er blickte müde, aber glücklich und zufrieden aus seiner Wohnung im Schulhaus an der Holzhofgasse 2 in die erwachende Natur seines Gartens.

Zwischen dem Königliche Gymnasium Dresden-Neustadt und dem heutigen Gymnasium „Dreikönigschule“ auf der Louisenstraße besteht kein Zusammenhang – diese vorher als Gymnasium Dresden-Neustadt und davor als 22. Polytechnische Oberschule (POS) bekannte Schule erhielt ihren Namen 1997 nach dem alten Gymnasium „Dreikönigschule“, das sich bis 1945 an der heutigen Wigardstraße befand.

Der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb hat die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert. In loser Folge berichten wir über geschichtliche oder gesellschaftliche Ereignisse in der Neustadt.

An der Stelle des Gymnasiums steht jetzt ein Mehrfamilienhaus in der Holzhofgasse.
An der Stelle des Gymnasiums steht jetzt ein Mehrfamilienhaus in der Holzhofgasse.

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