Wenn das Dresdner Hauspersonal Revolution macht

Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Diesen Spruch kennt jeder. Und jeder weiß auch, was er bedeutet. Es ist ein Gleichnis über das Verhältnis von Herr und Gescherr. Oder auch von Eltern und ihrem vorlauten Nachwuchs. Oder von Chef und Mitarbeiter. In dieser Geschichte geht es mir um diverse Verhältnisse in den Hochzeiten des Dresdner Biedermeier. Folgen Sie mir, natürlich augenzwinkernd, in den Haushalt einer gutbürgerlichen Herrschaft an der Hauptstraße der Neustadt im Februar des Jahres 1839.

Spaziergang an der Elbe im biedermeierlichen Dresden.
Spaziergang an der Elbe im biedermeierlichen Dresden.

Der freie Sonntagnachmittag

Dieser freie Nachmittag war ein traditionell altes Privileg, quasi ein Eigentum der Dienerschaft und des übrigen Hausgesindels. Darauf freuten sich die Küchenmamsell und der Stallknecht die ganze Woche, denn außer diesen Stunden hatte man der Herrschaft zur Verfügung zu stehen. Rund um die Uhr. Und mancher Herr nutzte seine Herrschaft und seinen Schaft, wenn ihm danach war, um der Magd zu zeigen, was Herr und Schaft vermögen. Und etwaige Folgen blieben für ihn selbstverständlich ohne Konsequenz.

War die Arbeit noch so schwer und die Herrschaft noch so furchtbar, den freien Nachmittag ließ man sich nicht nehmen. Und die Herrschaft musste wohl oder übel zusehen, wo sie blieb, also wie sie durch den Nachmittag kam, so ohne Personal.

Der Wanderzeichner und Schriftsteller Johann Peter Lyser, bekannt mit Heinrich Heine und Clara Schumann, schrieb typische romantisch-satirische Kindergeschichten, die letztere vertonte, u.a. „Der dumme Gottlieb“ aus „Des Knaben Wunderhorn“.

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Für die Beilage des damals in Dresden herausgegebenen Literarischen Merkur zeichnete er im Februar 1839 die Vorbereitungen des Gesindels auf eben diesen Sonntagnachmittag. Und diese Knechte und Mägde, diese Mamsells und Zofen waren keinesfalls devot, keusch, sittsam und der Herrschaft ergeben. Lyser zeichnete ein satirisches Bild seiner Zeit.

In seinem unvollendeten Roman Benjamin beschrieb er diesen Protagonisten und damit wohl sich selbst: „Er war ein Kind seiner Zeit. Sie hob ihn, sie trug ihn und sie ließ ihn fallen.“ Er starb völlig verarmt 1870 in Altona.

Dresdner Hausgesinde - Zeichnung: Johann Peter Lyser für den Literarischen Merkur
Dresdner Hausgesinde – Zeichnung: Johann Peter Lyser für den Literarischen Merkur

Die Mäuse bereiten sich vor

„Ich führe die Beschauer in eine herrschaftliche Küchenstube, wo eben das Hausgesinde, wie es ist, sich versammelt hat, um große Toilette zu machen und der Lust entgegenzueilen. … Mit dem Sonntagnachmittag kann der Dresdner Dienstbote machen, was er will. Er ist dann gewissermaßen Herr, und seine Herrschaft wird gewissermaßen seine Dienerschaft, wenn sie irgendeine kleine Gefälligkeit zu erbitten hat“, schrieb Lyser im Literarischen Merkur.

Und die Dresdner Stadtherrschaften aus Bürgertum, Militär und Adel pflichteten ihm seufzend, augenverdrehend und Beistand erheischend bei. Und dunkel beschleicht der armen Herrschaft dann stets eine grauenhafte Ahnung, wenn französische Verhältnisse im beschaulichen Dresden einziehen würden. Dann lieber doch der freie Sonntagnachmittag.

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Kehren wir in die Küche zurück. Da wäscht die Mamsell ihre schweißigen Strümpfe im Abwaschbehälter, der für das teure Geschirr der Herrschaft gedacht ist. Ganz demokratisch lässt Lyser die Küchenzofe sagen: „Wenn die Porzellanteller meiner Herrschaft, wenn die Mundtasse der gnädigen Frau in dieser Kufe ausgespült werden müssen, warum sollte denn der Strumpf von mir oder ein Schnupftuch einer ähnlichen Wohltat sich nicht erfreuen dürfen?“ Da ist er wieder, der typische Dresdner Revolutionsgeist. Genauso wenig dürfte es anstößig gewesen sein, dass der Küchentisch, auf dem am Abend vielleicht die Koteletts zubereitet werden, jetzt besäht ist mit Haarkämmen, Stecknadeln, Pomadenbüchsen, Schminktöpfchen, künstlichen Haarlocken und den weniger sichtbaren Schuppen und Flechten.

Ein Jäger nähert sich rechts ganz ungeniert der Amme, die den Stammhalter der Herrschaft auf dem Arm hält, ohne Rücksicht auf den selbigen. Der wehrt sich mit lautem Geschrei. Und lange hat die Dame des Hauses vergeblich nach der Jungmagd geklingelt. Doch die Schnur der Schelle ist zerrissen. Die Frau eilt also herzu und wird von der Magd angeraunzt. „Was gibt es denn schon wieder.“ Und unter dem Abstelltisch rechts im Bilde befindet sich ein gut gefüllter Nachttopf, der ob des Rummels in der Küche bereits übergeschwappt ist.

Und wo geht es hin?

Die Dresdner Kultur- und Kneipenbranche ist natürlich auf den Gesindeansturm vorbereitet. Die auf der Boden der Küche verbreiteten Zettel geben Auskunft. Da gibt es „Dampfwagenfahrten zur Weintraube (in Radebeul), nach Oberau, eine Omnibusfahrt nach dem Waldschlößchen, wo neugebrautes Bier ausgeschenkt werden soll, welches, womöglich noch schlechter geraten ist, als das vorletzte Gebräu.“ Aber auch andere Etablissements werden empfohlen. So das Linckesche Bad (davon gibt es heute noch ein paar Mauern an der ehemaligen Drachenschenke), „wo ein neues Melodram mit Feuerwerk aufgeführt wird“, lässt uns der Literarische Merkur wissen. Oder es geht für die etwas ‚gebildeteren‘ Mägde und Knechte ins Theater, „wo entweder heute der Lumpazi Vagabundus oder Drei Tage aus dem Leben eines Spielers (beides Lieblingstragödien der Dresdner Paradiesvögel) gegeben werden.

Und dann? Ja dann geht’s fröhlich heiter bis betrunken zurück zur Herrschaft. Die Revolution ist vorüber, die Herrschaft erleichtert und die Zubereitung des Abendessens wartet. Bis zum nächsten Sonntag.

Der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb hat die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert. In loser Folge berichten wir über geschichtliche oder gesellschaftliche Ereignisse in der Neustadt.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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