Saufen bis der Arzt kommt oder die erboste Ehefrau?

Ja, die Trinkerei im Allgemeinen und die von Alkohol in verschiedenen Formen im Besonderen ist wohl seit den alten Germanen immer wieder ein Problem, wenn man den Saufliedern von sich an beiden Ufern des Rheins oder anderswo hinfläzenden Recken glauben mag.

Ob nun Bier in Massen nach getaner Arbeit, erfolgreicher Jagd oder siegreichen Kämpfen genossen wurde, einen Anlass, vor allem für die Männer, ließ sich immer finden. Wo ein Wille ist, findet sich auch stets ein Fass. Ganz gleich, aus was der Fusel hergestellt wurde oder wie die gegorene Brühe schmeckte, Hauptsache man wurde besoffen.

Der dröhnende Schädel am nächsten Morgen ließ einen zwar schwören, nie wieder so viel zu trinken. Das Gute daran war, dass sich dieser und jener nicht mehr an das Gezeter des erbosten Eheweibes erinnern konnte. War man dann im Schädel wieder klar, freute man sich schon auf das nächste Gelage und der Schwur war mit abnehmendem Schädelbrummen in die hinteren Gehirnkammern entsorgt worden.

Wenn das Glas mal wieder leer ist.
Wenn das Glas mal wieder leer ist.

Doch bei manch einem wurde aus Lust ein Dauersuff und daraus eine Sucht. Diese kam ebenso schleichend. Der Weg dahin begann damit, dass man am anderen Morgen mit dem Getränk wieder anfing, mit dem man am Abend zuvor aufhörte. Damit ließen sich die Entzugserscheinungen besser ertragen. Leider erzeugte man einen gewissen dauerhaften Alkoholspiegel im Blut. Diesen brauchte derjenige, um Händezittern und Schädelbrummen zu vermeiden.

Wer nun meint, dass Frauen davon kaum betroffen waren, irrt. Es gibt leider eine hohe Dunkelziffer von Frauen, die ein tägliches Spiegeltrinken in den häuslichen Gefilden veranstalten. Vormittags ein Gläschen Sekt oder Prosecco, nachmittags ein Likörchen – alles für den Kreislauf und für den Spiegel.

Und wenn dann der oder die vom Sektchen, Bierchen, Schnäpschen, Likörchen oder Weinchen nicht abkommen? Dann haben es die Freunde und Angehörigen schwer. Oft dulden die Trinker keinen Widerspruch, stänkern rum, haben eine niedrige Prügelschwelle.

Was also tun? Das fragten sich 1913 Freunde eines Suffkopfs, die zudem Erbarmen mit dessen Eheweib hatten und wandten sich an ihr Herzblatt, der Zeitung „Dresdner Nachrichten“ mit einem besonderen Anliegen. Sie hätten nämlich gehört, „dass es ein Mittel geben soll, welches man heimlich den Getränken beimischen könne, so dass dem Trunksüchtigen das Trinken für immer verleidet werde“.

Der für die Leserbriefe verantwortliche Redakteur verschluckte sich beim Lesen des Briefes, den man damals noch eigenhändig mit Federhalter schrieb, erstmal bei einem Hieb aus seiner Brandweinflasche, die als Notnahrung im Schreibtisch lagerte. Dann schrieb er, leicht wütend werdend, dass er zu diesem Problem schon des Öfteren geantwortet hätte und dass er es nicht verstehen könne, dass derartige Gerüchte über angebliche Suffheilmittel immer noch durch die Gehirne segelten.

„Nach Auskunft von ärztlicher Seite gäbe es bisher keine Mittel, welche man Trunksüchtigen ohne deren Wissen beigeben könne“. Punkt. An dieser Stelle wollte der Redakteur, nach einem weiteren Hieb aus der Pulle, eigentlich schließen, hatte dann aber Mitleid mit den fragenden Lesern und verwies auf eine Antwort in einer der vorherigen Zeitungsausgaben. Dort war folgendes zu lesen:
„Der beste Arzt in solchem Falle ist der feste Wille des Trinkers, dem Laster zu entsagen. Wo dieser fehlt, besteht wenig Hoffnung auf Besserung.“ Zwar sagte unser Redakteur, dass es keine Medikamente gäbe, die man heimlich dem Suffkopp ins Bier kippen könnte, aber dann rückte er doch noch mit einem Geheimtipp raus.

Wenn der Trinker bereit sei, könne er freiwillig folgendes in Russland erprobtes Mittelchen nehmen: „Man macht einen Aufguss von 45 Gramm Feldkümmel und einem dreiviertel Liter Wasser und gibt dem Trinker am ersten Tag jede halbe Stunde und am nächsten Tag alle zwei Stunden, dann vier- bis sechsmal täglich bis zur Vollendung der Kur, die gewöhnlich zwei bis drei Wochen dauert, je eine Tasse.“

Die Folgen seien: zuerst Erbrechen, dann Diarrhö (Durchfall), vermehrte Harnabsonderung, starker Schweiß und endlich guter Appetit und Verlangen nach säuerlichen Getränken. Der Alkoholgenuss sollte dem Trinker nun gründlich vergrellt werden. Amen. Es lebe die Deutsch-Russische Freundschaft!

Werde er, der nunmehrige Abstinenzler, aber nach Jahren rückfällig, so wiederhole man die Prozedur. Und helfe das Mittel überhaupt nicht, dann begebe sich der vom Alkoholteufel nicht lassende Sünder in die Hände der göttlichen Brüder und Schwestern.

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert.

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