Wider die saufenden und raufenden Studenten

Zu allen Zeiten wird mal mehr, mal weniger das Lotterleben der Studentenschaft gebrandmarkt. Die Obrigkeit hatte stets ein Auge auf das schändliche Treiben der Burschen aus Adel und Bürgertum geworfen. Sehr oft waren diese in Revolten und Unruhen oder in Wirtshausschlägereien verwickelt.

Gekaufte Spitzel horchten sie aus und manch einer fand sich statt im Hörsaal in fürstlichen Kerkern wieder. Da war der studentische Karzer fast eine Ausnüchterungszelle. In den studentischen Landsmannschaften wurde nicht nur in Reden dem politischen Mainstream der nationalen Freiheit gefrönt, sondern auch gesungen. Die Romantik war ein beredtes Beispiel dafür und Theodor Körner war einer ihrer großen Dichter.

Besungen wurde die Heimat, die Natur aber auch oftmals recht eindeutig die Lust auf Schäferstündchen mit den holden Damen. Auch fand man die Studenten sehr oft in aufrührerischen Reihen politisch unterwegs, ob bei Prügeleien mit den adligen Sprösslingen, ob beim Kampf gegen Napoleon in den Freikorps, wie den Lützowern, denen auch Theodor Körner angehörte, bei Burschenschaftstreffen im frühen 19. Jahrhundert auf der Wartburg oder beim Hambacher Fest gegen die Fürstenrestauration, in den Revolutionen von 1848 und 1918 und in vielen Aktionen nach dem 2. Weltkrieg.

Im Dresden unserer Zeit sind die Studenten aus dem Kneipenviertel der Äußeren Neustadt nicht weg zu denken, aber wesentlich harmloser. Man merkt schon, wenn Semesterferien oder die Erstsemesterfeiern sind. Sie saufen zwar noch, wie ihre Kommilitonen Generationen zuvor, aber mit dem Raufen haben sie es aktuell nicht mehr so. Dafür treibt man sich gern in Fitness-Studios rum und engagiert sich zunehmend auch wieder politisch.

Doch in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ging es darum, die Studentenschaft für den organisierten vaterländischen akademischen Sport zu begeistern. Im „Salonblatt“, dem Herz- und Magenblatt der sächsischen High Society, hieß es dazu:

„Zwecks Hebung des gesundheitsdienlichen Sportbetriebes unter der deutschen Studentenschaft bei gleichzeitiger Betonung der Hygiene der Lebensführung und der indirekten Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs hat der Akademische Sportbund eine grundlegende Organisation durchgeführt.“

Dieser Sportbund gehörte dem erzkonservativen „Jungdeutschlandbund“ an. In dessen Satzung hieß es: „Jungdeutschland dient dem Vaterlande, dessen Herrlichkeit und Größe ihm verkörpert ist in seinem Herrscher. Ihm wahrt es echte deutsche Mannestreue. … Es erkennt die Pflicht an, seinen Körper zu stärken, seine Kraft zu üben, seine Sinne zu schärfen, sich abzuhärten im Ertragen von Ungemach und Beschwerden und sich an eine einfache Lebensweise zu gewöhnen. Es verschmäht den Luxus und verachtet die Weichlichkeit. … Es gewöhnt sich früh an den Gedanken, berufen zu sein zur Verteidigung des Vaterlandes.“ (Carl Alexander Krethlow „Generalfeldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz Pascha – eine Biografie“, Anhang 10, Jungdeutschlands Gesetz; Verlag Ferdinand Schöningh, 2012).

Soldaten im Ersten Weltkrieg
Soldaten kurz vor dem im Ersten Weltkrieg
Wer genau liest, erkennt, dass der Nazigeist auch in der Studentenschaft nicht erst nach 1933 entstand, sondern dessen Aussaat und Bepflanzung in Form des Handelns erzkonservativer Vereine seit dem Beginn des Deutschen Kaiserreiches im 19. Jahrhundert im Gange war. Daher ist es auch zu verstehen, warum im August 1914 tausende junge Männer mit Hurra auf den Kaiser und Tschingderassabum freiwillig in die Hölle der Schlachten gezogen sind – „jeder Stoß ein Franzos, jeder Schuss ein Russ“. Am Ende zählte die Statistik neuneinhalb Millionen Gefallene, die Zivilbevölkerung nicht mitgerechnet. Zwei Millionen junge Deutsche, darunter auch viele freiwillige Studenten, bezahlten ihre vaterländische Euphorie mit dem Leben. Wer davon kam, war entweder ein Krüppel, aber mehrheitlich traumatisiert.

Unter der Rubrik „Vor 100 Jahren“ veröffentlichen wir in loser Reihenfolge Anekdoten aus dem Leben, Handeln und Denken von Uroma und Uropa. Dafür hat der Dresdner Schriftsteller und Journalist Heinz Kulb die Zeitungsarchive in der Sächsischen Landes- und Universtätsbibliothek durchstöbert.

1 Kommentar zu “Wider die saufenden und raufenden Studenten

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