Clown-Sein ist Anarchie

… sagt Ute Gilles, Vorstandsvorsitzende der MediClowns, die sich Körper und Geist mit der Clownin Pampolina teilt. Wie sie hier am Schreibtisch sitzt, in schlichtem schwarzem Pullover und mit gekämmtem Haar, sieht man ihr die Anarchie nicht an. „Es kommt immer darauf an, wen man einlädt“, erklärt sie lächelnd. „Ich frage immer: Wollen Sie den Clown oder den Vorstand?“

Ute Gilles von den MediClowns
Ute Gilles von den MediClowns

Seit 22 Jahren bringt der MediClowns e.V. Kinder in Dresdner Krankenhäusern zum Lachen. Ein Engagement, das viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung erfordert. Ute Gilles erfuhr damals von einer Mutter aus der Kita von „Leuten, die so was machen.“ Eine Ader zum Clownesken hatte Ute immer in sich gespürt, aber „nie richtig den Ort gefunden, wo das hingehört.“ Das sollte sich mit dem Beitritt zu den MediClowns ändern. Seit 2009 leitet Ute Gilles den Verein.

An ihren ersten Auftritt erinnert sie sich nicht konkret, aber an das Gefühl. Erst hospitierte sie wie alle Anfänger lange Zeit, erarbeitete „ihren“ Clown. „Der Clown hat ein Eigenleben“, sagt sie. „Wo ich mich schäme, tritt er mutig auf. Ich bin eigentlich ein kontrollierter Mensch – mein Clown reizt das aus. Es gibt Rückkopplungen zwischen Person und Clown.“

Farbenfreude in Klinik-Tristesse: Die MediClowns als Gäste auf der Kinderstation. Foto: MediClowns
Farbenfreude in Klinik-Tristesse: Die MediClowns als Gäste auf der Kinderstation. Foto: MediClowns
Im Krankenhaus, erklärt Ute Gilles, steht das Kind am Ende einer langen Entscheidungskette: Ärzte entscheiden über Maßnahmen zu seiner Genesung, die Eltern nehmen eine cotherapeutische Rolle ein und unterstützen in diesem Sinn die Entscheidungen der Ärzte. Das Kind muss zu seinem eigenen Wohl Anweisungen befolgen, Therapien aushalten, tapfer sein, obwohl es viele Dinge nicht versteht. „Der Clown ist eine Figur, die sich mit aller Macht an Regeln halten will, aber der das einfach nicht gelingt“, beschreibt Ute. Darin liege die tragische Komik der Rolle. Der Clown bricht Regeln, ohne es zu wollen. Für Kinder ist diese Form der unfreiwilligen „Anarchie“ in einem strikten Rahmen wie dem des Krankenhauses lösend und heilend. Generell steht das Wohl des Kindes über sämtlichen Handlungen. „Der Clown steht in seinem Status unter dem Kind“, erklärt Ute. „Das Kind kann befehlen, heran bitten, wegschicken, wie es das gerade braucht.“ Damit wird dem Kind eine Befugnis zuteil. Und dass Lachen heilende Kräfte hat, ist kein Geheimnis.


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Ehrenamtlich komisch. Das Team der Klinik-Clowns. Foto: MediClowns
Ehrenamtlich komisch. Das Team der Klinik-Clowns. Foto: MediClowns

Gespielt wird bei den MediClowns in der Regel im Team. Ein Spieler übernimmt die Rolle des Stichwortgebers, des Weißclowns. Der andere den Part des „Dummen Augusts“, des Rotclowns. Aus der Gegensätzlichkeit ihrer Charaktere und deren Zusammenspiel entsteht die Komik. „Erfahrene Spieler treten auch allein auf“, sagt Ute, „aber es kann für das Kind sehr entlastend sein, nur bei den Interaktionen zuzuschauen und nicht selbst interagieren zu müssen.“  Im Jahr 2006 erfolgte mit provisorischen Kostümen aus dem privaten Kleiderschrank der erste Auftritt im Uniklinikum. Über die Jahre, sagt Ute Gilles, habe man sich ein Maß an Professionalität und Expertise angeeignet, auf das man stolz sei. „Wir brauchen uns nicht verstecken.“ Stetig entwickelt sich das Team mit Workshops und internationalem Austausch weiter – Witzigkeit kennt keine Grenzen.

Die Mediclowns sind regelmäßig Gäste in den Kinderstationen des Universitätsklinikums und des Neustädter Krankenhauses. Die Begegnung mit Kindern, der Moment des Auftritts, sorgt immer wieder für Herzklopfen. Nach dem Abschminken trifft sich das Team zum Abendessen, um auszuwerten, Feedback zu geben, sich auszutauschen. Das geschieht nicht nur für den vergangenen Abend, sondern auch für die vergangene Woche. Es gibt Momente, in denen auch ein Clown tapfer sein muss. Einmal, erzählt Ute, sei ein Clown zum Abschiedsfest eines Kindes eingeladen worden. Eine große Party – zum letzten Mal. Das sind anrührende Erlebnisse, für die es Kraft braucht. Das Spielen vor den Kindern „macht was mit einem“, versucht es Ute in Worte zu fassen. Es gibt Energie und: „Macht totalen Sinn!“

MediClowns e.V.

3 Kommentare zu “Clown-Sein ist Anarchie

  1. In Situationen in denen niemand nach Lachen und Freude ist, baut Ihr mit eurem Humor Brücken, schafft Momente des Vergessens, reduziert Stress, bringt bitter nötige Abwechslung in den Alltag auf Station.

    Wie heißt es so schön… Humor ist, wenn man trotzdem lacht… Ein Dank für euer selbstloses Engagement!

  2. Eine tolle, wertvolle Initiative, die meiner Tochter den Krankenhausaufenthalt deutlich aushaltbarer machte! Danke!!!!

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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