Johannes Stemmler: „Die Welt hat Grenzen“

"Letztendlich suche ich ja nach etwas, das mehr ist, als ich alleine"

„Letztendlich suche ich ja nach etwas, das mehr ist, als ich alleine“

Johannes Stemmler zog es immer in die Stadt, in die Mitte von Menschen, ins Getümmel. Mobilität ist gerade ihm als Rollstuhlfahrer ein Grundbedürfnis. In seinem Zimmer steht ein PC, mit dem Smartphone hat er jederzeit Internetzugriff, täglich fährt er lange Touren. Seine Berichte geben einen Eindruck von der Welt als Hindernisparcours – aber auch vom Willen, jede Hürde zu überwinden. 

Ich wohne seit 2009 hier in der Gegend. Seit 2009 im Diakonischen Krankenhaus und seit 2016 wohne ich hier im Hause. Ich komme aus Lichtenstein zwischen Chemnitz und Zwickau. Dort bin ich aufgewachsen. Meine Schwester wohnt in Dresden, deswegen bin ich hergezogen.

Nach meiner Ausbildung war ich 20 Jahre in Berlin, dann 10 Jahre in Eisenach. […]Ich habe in Mittweida Informationstechnik studiert, das ging Richtung Messtechnik/-technologie. Messwerte messen, übertragen und verarbeiten. In Berlin habe ich ab 1978 in der Industrie gearbeitet bis 1997, dann bin ich in Erwerbsunfähigkeitsrente gegangen. Meine Frau ist niedergelassene Ärztin. So sind wir 2000 nach Eisenach gezogen. Und als mein Sohn dann mit der Schule fertig war, konnte ich hinziehen wo ich wollte (lacht).

"Ich wollte mitten in der Stadt wohnen"

„Ich wollte mitten in der Stadt wohnen“

Der erste Eindruck von der Neustadt war, als ich hergezogen bin, dass überall Stufen sind. Ein schlechter Eindruck. Ich dachte, man fährt herum, trinkt einen Kaffee und liest Zeitung, aber man kommt nirgends herein. […] Das ist die Sache mit der Atmosphäre. Ich wollte mitten in der Stadt wohnen, das habe ich ja nun hier. Ich suche letztendlich das, was mehr ist, als ich alleine. Sieben Straßenbahnen fahren vorbei, inklusive Albertplatz. Man kann überall hinfahren. Am liebsten fahre ich in den Großen Garten. Oder Lingnerschloss. Da kann ich am Rand der Heide entlang fahren. Oder Wochenmarkt am Freitag an der Lingnerallee. […] Ich kauf gerne die Gulaschsuppe aus der Kanone, gleich vorn. Noch einen Blumenstrauß dazu, dann bin ich zufrieden. […]

Ich fahre gerne in die Altstadt rein, in die Altmarktgalerie. Das sind meine wesentlichen Ziele. Da gucke ich, was man essen könnte. Chinesisch, griechisch, Fisch. Buchladen gibt’s. Und schön warm ist es. (lacht) Viele Jahre habe ich Tom Clancy geliebt. Der Kardinal im Kreml, Jagd auf Roter Oktober. Jetzt lese ich alles Querbeet. Hörbücher habe ich gerade gehört, von Mann ‚Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull‘. Jetzt lese ich Hertha Müller, Christa Wolf. Ich musste meine Bücher mehrmals reduzieren. Von der Vierraum- in die Einraumwohnung gezogen … Da sind meine Bücher deutlich weniger geworden. […]

Ich habe 1978 nach der Ausbildung das erste Mal einen Mikrocomputer selber gebaut. Beruflich. Das war der erste Mikrorechner, so heißt das, wenn es fertig ist, der im Industriezweig Radio- und Fernsehtechnik eingesetzt worden ist. Da hat man gesehen, was einen Computer ausmacht und was man braucht dafür. Mittlerweile ist das ja eine Blackbox. Man kann eine Platte wechseln oder Geräte anschließen oder so. Aber wie das drinnen funktioniert […] Wir hatten zwei Ebenen für eine Leiterplatte, jetzt sind es 20 Ebenen mit Motherboard. Das ist nicht mehr von einem alleine machbar. […]

"Das habe ich alles erlebt. Brauche ich nicht mehr."

„Das habe ich alles erlebt. Brauche ich nicht mehr.“

Ich bin viel draußen. Meine Ausfahrrunde ist über die Fähre – an der Elbe lang und über die Waldschlösschenbrücke zurück. Standardspazierrunde. […] Was ich am liebsten tue? Computer, fernsehen, lesen. Teilnehmen, ja. Geselligkeit. Als Rollstuhlfahrer ist man eine besondere Spezies. […] Im Sommer fahre ich drei Wochen an die Ostsee zu meinem Bruder. Zum Strand muss ich nicht unbedingt, ich bin kein großer Wasserfreund. Es ist dort alles neu gemacht, man kann längere Strecken am Strand entlang fahren. […]

Es gibt Städte, die machen das. Einen Streifen für Rollstuhlfahrer und Rollator. Aber dieses historische Pflaster […] Eine gute Erfindung, damit man nicht mehr im Matsch rumlaufen musste. Aber für behinderte Leute […] Ich sehe das alles von dieser Warte aus. Die Welt hat Grenzen. Früher bin ich viel Fahrrad gefahren. Große Radtouren gemacht, im Sommer 2000 Kilometer gefahren, durch Mecklenburg bis Berlin, Donauradtour, Böhmerwald. Das waren schöne Zeiten. Im Hochgebirge gewandert. Slowakei, Bulgarien, Rumänien, Tirol. Das hab ich alles erlebt, brauche ich nicht mehr (lacht).

Ich habe zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn. Die sind groß, wir haben unsere Aufgabe erfüllt. Meine Aufgaben sind jetzt: Unternehmungen machen, viel an der frischen Luft sein.


Memento

Die Neustadt ist Kult, Szene und vor allem eines: jung. Doch im Viertel leben auch Menschen mit Geschichten aus einer Zeit, da in Dresden-Neustadt an Szene noch nicht zu denken war. Mit freundlicher Unterstützung der Seniorenresidenz Kästner-Passage stellen wir in der Serie „Memento“ immer sonnabends Persönlichkeiten und ihre Viertelgeschichten vor. Haben Sie auch eine spannende Viertel-Geschichte zu erzählen? Nehmen Sie mit uns Kontakt auf.

linie
linie