Christa Jander: „Ich würde nie hier weg gehen“

Christa Jander empfängt mit einem Lächeln. „Fragen Sie mich!“, sagt sie. Nebeneinander auf dem Sofa sitzend, blättern wir uns durch historische Fotos in einem Magazin. Janders Finger gleitet über Fotografien der Bautzner Straße, als diese noch wie Paris aussah. Bei dem Bild eines Jungen mit Zuckertüte bleibt er stehen. „Das ist mein Bruder“, sagt sie. „Wir sollten damals alte Fotos einsenden und meine haben sie genommen. Ich habe alles hier gesammelt.“

"Von der Schule weg, habe ich sofort sehr stark arbeiten müssen"

„Von der Schule weg, habe ich sofort sehr stark arbeiten müssen“

Ich bin gebürtige Neustädterin. Direkt auf der Pulsnitzer Straße bin ich groß geworden. Wir haben im Hinterhaus gewohnt bzw. im Mittelhaus. Dort geboren in der Wohnung, habe ich dort gewohnt bis 1985. ’85 bin ich ausgezogen. Da bekamen wir, mein Mann und ich, eine Neubauwohnung, weil wir beide behindert waren. Ich durch meine Krankheit, 63 Jahre schon krank, Kinderlähmung mit 25 Jahren, und mein Mann war kriegsbehindert.

Da war das Jahr der Behinderten damals und da wurde uns angeboten – wir sollten uns doch mal an das Rathaus wenden aufgrund des Jahres der Geschädigten. Das haben wir dann auch gemacht. Und ob Sie es glauben oder nicht, wir haben dann eine Wohnung bekommen. […] Wir hatten das riesen-, riesengroße Glück, eine Wohnung zu bekommen.

Ich wollte nicht aus der Neustadt weg und da wurde gerade die Ecke gebaut: Bautzner/Martin-Luther-Straße. […] Die Nummer eins war das einzige Gebäude, das stehen geblieben ist. Und hüben und drüben die Häuser waren weg, das war freier Platz. […] Wir durften uns sogar eine (Wohnung) aussuchen. Genau über den Stufen, wo es auf der Bautzner Straße in das Geschäft geht. Die Wäscherei, wo auch Schuhe angenommen wurden, ein Fotogeschäft war mal drin* … genau da oben drüber kriegten wir eine Wohnung. Da hatten wir mehr als einen Sechser im Lotto. Ein Neubau. Wir waren überglücklich. […]

"jetzt wird gebaut, gebaut, gebaut. Man kann dem Nachbarn auf den Küchentisch gucken"

„Jetzt wird gebaut, gebaut, gebaut. Man kann dem Nachbarn auf den Küchentisch gucken“

In die Schule bin ich gerade rüber gegangen auf die Tieckstraße, da war eine Schule. […] Ich bin ’43 aus der Schule gekommen und musste erst mal ins Pflichtjahr bzw. ins Landjahr. Wir kamen ja aus der Schule und mussten in eine Hauswirtschaft oder irgendwie wohin und ich bin zum Bauern. Mich interessierte die Landwirtschaft. Also, von der Schule weg habe ich sofort sehr stark und hart arbeiten müssen. Da gab es keinen Sonntag. Da gab es frühes Aufstehen und abends noch die Kartoffeln schälen für den nächsten Tag. Wir haben ganz schön arbeiten müssen. Die Kälte miterlebt, ganz schön sogar. Das war ’43/’44, wo der kalte Winter war.

Ich habe schon zuhause viel arbeiten müssen, aber dort habe ich das Arbeiten noch einmal richtig gelernt. Und dann habe ich einen kaufmännischen Beruf gelernt. Durch die Bombardierung ist der dann ausgefallen.

Ich habe nur zwei von drei Jahren gelernt. Wo das alles dann wieder zur Ruhe kam, sind wir gesammelt worden, so gut es ging, und konnten dann unsere Ausbildung fertig machen. Das wurde noch gemacht. Aber es war ja alles weg. Unsere Papiere, unsere Zensuren, war alles verschwunden. […] Da ist man hier weiter geblieben. Ich habe auch hier geheiratet auf der Pulsnitzer Straße. In der Martin-Luther-Kirche bin ich getauft, konfirmiert und getraut worden. Meine Kinder auch. Ich würde auch nie hier weg gehen. Drum bin ich hier gelandet. Ich wollte nicht hier raus aus der Neustadt.

"Ich rede gern mit alten Neustädtern"

„Ich rede gern mit alten Neustädtern“

Wenn Sie hier aufwachsen und sehen, was aus Neustadt geworden ist und wie es früher war, da zieht man Vergleiche. Da denken Sie manchmal dran: was hast du hier gemacht, was hast du dort gemacht. An die Pferdeschlachterei auf der Alaunstraße, genannt die Happeldiele. Da konnten Sie sich Essen holen, jeden Mittag gab es da Eintopf mit Pferdefleisch. Wissen Sie, wie da die Leute gestanden haben?

Das sind dann die Erinnerungen, die auftauchen. […] Was ganz, ganz anders geworden ist, ist Pfunds Molkerei. Das ist keine Pfunds Molkerei mehr. Was die da verkaufen. Das war am Anfang nicht so, ist erst so geworden.

Sie fingen vom Eisenfeustel an. Den Laden kenne ich auch noch und auch die zwei Frauen drinnen. Ich glaube, wenn ich die heute noch sehen würde … ich weiß nicht, ob die noch am Leben sind? Die müssten in meinem Alter sein … ich würde die sogar ansprechen. […] Dort kriegten Sie ja, wie es heute noch ist, einen Nagel. Oder eine Schraube. […]

*gemeint ist die Bautzner Straße 43


Memento

Die Neustadt ist Kult, Szene und vor allem eines: jung. Doch im Viertel leben auch Menschen mit Geschichten aus einer Zeit, da in Dresden-Neustadt an Szene noch nicht zu denken war. Mit freundlicher Unterstützung der Seniorenresidenz Kästner-Passage stellen wir in der Serie „Memento“ immer sonnabends Persönlichkeiten und ihre Viertelgeschichten vor.

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3 Kommentare zu “Christa Jander: „Ich würde nie hier weg gehen“

  1. sylvia
    13. Mai 2017 at 13:01

    schön zu lesen :-) … bitte weitermachen mit diesen Geschichten!

  2. Klahra
    13. Mai 2017 at 16:50

    Ich sauge diese Geschichten regelrecht ein. Bitte weiter so, Philine. Ich wünsche Frau Jander alles, alles Gute.

  3. Ricardo
    16. Mai 2017 at 12:50

    Bitte die Rubrik „Memento“ unbedingt beibehalten, damit diese einzelnen Lebensgeschichten nicht in Vergessenheit geraten. Danke für diese tolle Rubrik.

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