Die Neustadt am Abgrund

Alaunstraße, mitten im Herzen des Viertels, hier verläuft direkt neben einer schmalen Asphaltschicht eine ungesicherte Baugrube. Nun zu Tode stürzen kann man sich zwar nicht, doch für einen Beinbruch reicht es allemal und mit gebrochenem Bein lässt es sich schlecht vor rasenden Planierraupen flüchten. Aber keine Sorge, der Neustädter ist aufmerksam und mir ist noch kein Baugrubensturz bekannt geworden. Doch dieser physische Abgrund ist nur der eine, der andere bereitet mir größere Sorgen.

Ist die Neustadt, das von mir heiß geliebte Szene-Viertel auf dem Sprung? Auf dem Wege zur neuen Bürgerlichkeit? Die Anzeichen sind da und lassen sich nicht wegdiskutieren. Immer öfter begegnen mir schwangere Frauen und Pärchen mit Kinderwagen. Spielplätze sind neuerdings übervoll. Anwohner beschweren sich über zu laute Musikveranstaltungen und trendige Szene-Clubs machen reihenweise zu.

Ein paar Beispiele gefällig? Herr Rosso und sein Hund, wohl der angesagteste Intellektuellen-Treff der Stadt, seit Monaten zu. Der Rockclub The Church geschlossen, das Titty Twister flüchtet sich in Renovierungsarbeiten, die trendige Cocktailbar Dé ja vue hat auch aufgegeben.

Stattdessen gibt es neuerdings einen Secondhandladen für Kinderklamotten und vielerlei Geschäfte, die Produkte rund um Natur und Entspannung feilbieten. Und im Zeitungsladen auf der Rothenburger steht neben verschiedenen Wasserpfeifen ein Ratgeberbuch für Eltern „Die kleinen Nervensägen“.


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Als wäre das alles nicht schon Demütigung genug, sagt mir doch neulich ein Bekannter, dass er jetzt lieber abends in der Altstadt weggehen würde, da sei jetzt der Teufel los. Na dann, gute Nacht Neustadt.

Auch vor dem Spätshop auf der Louisenstraße ist nichts los, ein einziger Punk sitzt noch mit seinen zwei Hunden da und ich bin so mitgenommen, dass ich im spontan eine Zigarette spendiere und dabei die tiefe Schnittwunde an seinem Handgelenk erkenne. Aber die hängt nicht mit der Situation in der Neustadt zusammen, er hatte nur ein bisschen Stress mit seiner Ex, erzählt er mir und dass er demnächst bald wieder in den Knast muss, das sei bei diesem kalten Sommer aber gar nicht so schlimm, nur weiß er leider noch nicht, was mit seinen Hunden wird. Tja, für die Hunde wird es wohl künftig auch schwieriger werden in der neuen Bürgerlichkeit der Neustadt.

Kommentieren gern, aber bitte recht freundlich.

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