„Mein Vater nannte mich Blue Child“ – Marí Emily Bohley

Marí Emily Bohley. Im Hintergrund der kalligraphische Schriftzug: Lebenssinn.

Marí Emily Bohley. Im Hintergrund der kalligraphische Schriftzug: Lebenssinn.

Blau ist die Farbe der Ferne, der Sehnsucht und des Himmels. Es erscheint vor dem Hintergrund des Werdegangs von Marí Emily Bohley wie eine schicksalhafte Fügung, dass die Papeterie Blue Child in jenem mexikanisch blauen Haus in der Kunsthofpassage ihr Zuhause gefunden hat. Der Name des Ladens, über dem sich die Werkstatt der Künstlerin befindet, ist untrennbar mit ihrer Familiengeschichte verquickt.

Der Juni-Himmel wölbt sich strahlend Blau und die ersten Besuchergrüppchen streifen durch den Kunsthof. Aus dem von ihr benannten Laden im Erdgeschoss führt eine hölzerne Wendeltreppe hinauf in die Werkstatt, die einst Galerie war. Marí Emily Bohley lädt zum Kaffee nach draußen, denn dort sei man unbelauschter.

Der Wunsch, Buchbinderin zu werden, packte Marí mit 16 Jahren. Etwas Handwerkliches musste es sein, da ihr zu DDR-Zeiten das Abitur verwehrt blieb. „Ich komme aus einer Dissidentenfamilie“, sagt sie und artikuliert das Wort mit Gänsefüßchen. Ihre Noten, erzählt sie, waren durchschnittlich. Dann klappte es doch mit einer Stelle – die sie abbrach. Denn jetzt grätschte die Wende dazwischen und das Abitur war möglich und verlockend.

Es folgt das Studium der Philosophie und Kunstgeschichte; ein Praktikum im Rahmen der Sozialpädagogik führt Marí schließlich von Halle nach Dresden. „Dann flog ich nach Tibet und es passierten zwei Dinge. Ich wurde schwer krank“, erzählt Marí „und ich beschloss Englisch zu lernen.“ Das Leiden sollte sich als chronisch heraus stellen, das Sprachdefizit als temporär. „In Anbetracht einer Krankheit denkt man anders über das Leben“, sagt Marí.

Ihre Zelte in Halle und Dresden bricht sie ab, um für ein Studium der Buchbinderei und Kalligraphie nach London zu gehen. Der Schritt aus der Heimat ist eine Annäherung an ihre Wurzeln. „Mein Vater stammte aus Tschechien“, erzählt Marí. „Er und meine deutsche Mutter verständigten sich auf Englisch. Er war fest davon überzeugt, früh zu sterben und wünschte sich mit meiner Mutter ein Kind, an das er schon vor dessen Geburt Briefe schrieb.“ Mit 18 Jahren, drei Monate nach Marís Geburt, verstarb er.

„Ich dachte mir, wenn dann richtig.“

„Ich dachte mir, wenn dann richtig.“

Marí widmete sich diesem Vermächtnis, an das sie sich noch nie heran getastet hatte und begegnete ihrem unbekannten Vater. „Der Inhalt der Briefe war quasi immer: all you need is love“, erzählt sie. „Mich, das ungeborene Kind, nannte mein Vater blue child.“ Als Abschlussarbeit fasste Marí die Dokumente als Chronik und Erinnerung in einem selbst entworfenen und gefertigten Buch zusammen.

Dieses durchblättert sie, in ihrer Werkstatt stehend, mit vorsichtiger Hand. Fotografien auf Transparentpapier, kleine Zeichnungen, Liebeszeilen. „Es war seltsam, einen Menschen kennenzulernen, der nicht mehr antworten kann“, sagt Marí.

Zurück in Dresden investierte Marí das großväterliche Erbe in das Blue Child. „Ich dachte mir, wenn dann richtig.“ Sieben Jahre lang befand sich am Ende der Wendeltreppe ihre Galerie, unten das Papiergeschäft. Als ihre Freundin und Mitstreiterin Anne zur Weltumsegelung aufbrach, übergaben die beiden den Laden Susanne Schottmann. Marí richtete sich oben eine Werkstatt ein.

Ihre kalligraphischen Kurse allerdings hält sie im Stadtteilhaus ab – „ein ziemliches Gebuckel“, seufzt sie. Das Interesse an der künstlerischen Arbeit mit Schrift ist groß. „Die Leute wollen etwas mit ihren Händen machen“, stellt Marí fest. Am Ende des Kurses geht jeder mit einem selbst gebundenen Buch nach Hause. „Kalligraphie ist eine Nischenkunst“, sagt Marí. „Aber das ist auch praktisch: die Community ist kleiner und leichter ausfindig zu machen.“ Ihre Kursteilnehmer reisen aus München, Rom, Karlsruhe, der Schweiz und Norwegen an.

Der Austausch über Schrift ist immer wieder eine Zeitreise, eine Auseinandersetzung mit Motorik und Material, ein handwerklich-ästhetisches Gegengewicht im Zeitalter von „tipp&touch.“


Blue Child

  • Laden & Atelier im Kunsthof
  • Görlitzer Straße 25, 01099 Dresden, im Internet zu finden unter www.bluechild.de
  • die aktuelle Ausstellung „Fundamental Things“ von Marí Emily Bohley ist noch bis 18. August 2017 im Stadtarchiv Dresden zu sehen
  • Informationen zur Künstlerin unter www.mari-emily-bohley.de
Das Logo des Blue Child ist eine Zeichnung von Marí Emily Bohleys Vater.

Das Logo des Blue Child ist eine Zeichnung von Marí Emily Bohleys Vater.

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